Wo geht es nach oben? Moderate Gentrifizierung als Chance

Schon der Ursprung des Begriffs gibt dem Klassenkampf Feuer: Gentrifizierung, engl. Gentrification, bedeutet die Besiedlung von Arbeitervierteln durch eine Klasse aus niederem Adel und höherem Bürgertum, dem Gentry. Entstanden 1964 aus einer soziologischen Beschreibung der Verhältnisse im Londoner Vorort Islington, wird bis heute jede aufwärts gerichtete Veränderung der Bevölkerungsstruktur als Gentrifizierung bezeichnet – und wertet diesen Wandel implizit ab. Die Kritiker der Gentrifizierung sprechen von Vertreibung und Strukturvernichtung – dabei werden gleichzeitig kaputte Kieze vor dem Verfall gerettet und zu lebenswerten Vierteln entwickelt.

Gentrifidingsbums hat verschiedene Stadien


Under CC License by lucky catGentrifizierung geschieht in verschiedenen Stadien. Und nur die letzte Phase, wenn ganze Straßenzüge von Wohn- zu Spekulationsobjekten werden, ist dramatisch. Wie im Hamburger Gängeviertel. Der Autor Christoph Twickel hat darüber ein Buch mit dem Titel „Gentrifidingsbums“ geschrieben. Es feiert die Ramschzonen in den Subzentren der Innenstädte und die Vorteile, die der Standort „Problemviertel“ bietet.

Private Enklaven vs. Resterampen-Boulevards


Es sind in der Tat einige: Die Billiggegenden ersetzen mit ihren 1-Euro-Läden die Shoppingmalls für die Schlechterverdienenden. Hausfrauen, Migranten, Rentner, Punks fühlen sich hier wohl, weil sie sich die Lagen leisten können. Darauf sind auch die Stadtplaner aufmerksam geworden, für sie ist die 1-Euro-Kaufkraft dieser Lagen allerdings fast wertlos. In Hamburg und anderen Städten mit hohem Mietniveau schließen sich die Einzelhändler zu sog. „Business Improvement Districts“ zusammen, sichern und säubern ihre Meilen und hoffen auf kaufkräftigere Konsumenten. Twickels Buch ist eine Sammlung guter Argumente gegen die Gentrifizierung – diese gelten aber nur eingeschränkt. Denn genauso wenig wie private Enklaven die Stadt der Zukunft prägen dürfen, sollten es die Resterampen-Boulevards können.

Keine Luxusprobleme im Ruhrgebiet


Under CC License by Colin WorbySchauen wir auf’s Ruhrgebiet: Adel, selbst ein niederer, ist nirgends zu sehen. Auch kein expandierender Neureichtum, dem man, wie einst in der Lower East Side von New Yorks City, „Die Yuppie Scum!“ entgegen rufen müsste. Dafür gibt es Problemviertel ohne Ende. Man könnte erleichtert sagen: Mit dem Luxusproblem Gentrifizierung hat das Revier nichts am Hut. Trotzdem müssen Konzepte her, um die Dortmunder Nordstadt, die Alte Mitte Oberhausen, diverse Duisburger Vororte und zahlreiche Mittelstadt-Wastelands zwischen Bottrop und Hagen auf Vordermann zu bringen.

Essener Nordstadt - Volles Pfund bunt


Doch Renovierungen kosten Geld und das muss irgendwann wieder eingespielt werden.
Im Problemviertel Essener City Nord haben sich ebenfalls Kaufleute und Gastronomen zusammengetan. Die Immobilien- und Standortgemeinschaft ISG wünscht sich, wie alle Geschäftsleute, höhere Erträge und ein schöneres, sauberes Viertel; allerdings unter einer anderen Prämisse: Die bunte Sozialstruktur ist das Pfund der City Nord – und damit wird auch gewuchert. Das Migranten-Patchwork mit seinen zahllosen kleinen Imbissen sorgt für kulinarische Erlebnisse und lockte auch schon Sternekoch Johann Lafer gemeinsam mit Ernährungsministerin Ilse Aigner an den Pferdemarkt.

Investorenpoker


Twickels Hamburger Perspektive, mit der er gute Lagen vor dem ausschließlichen Zugriff durch Investoren und Besserverdienende schützen will, greift im Ruhrgebiet nicht. Im Revier wollen nur wenige Investoren in die Ramschviertel. Und genau das ist die Chance der Region. Die Kreativen müssen eine wichtige Rolle spielen, doch der Schlüssel zu Neugestaltung liegt in den Besitzverhältnissen. Deshalb scheiterte in Dortmund trotz der 48-Millionen-Investition Konzerthaus die Revitalisierung des Brückviertels. Hier gehören die meisten Immobilien dem Münchener Makler Pultuskier. Während die Stadt versucht, das Viertel zum Kulturviertel zu entwickeln, pokert der Investor um eine Aufwertung der Gegend – und lässt als Druckmittel Substanz und Fassaden verfallen. Derweil weichen die letzen Cafés einem breiten Angebot von Tand-Geschäften.

Von Gentrifizierungsproblematik weit entfernt


Die Prekarisierung weitet sich sogar in Richtung der ehemals wertvollsten Einkaufsstraße in NRW aus: Im ehemaligen Karstadt an der Kampstraße, in bester Innenstadtlage, floriert jetzt der Billigshop „Sparstadt“. Ein paar Kilometer weiter nördlich hat es für das Roxy-Kino nicht mehr gereicht. Und so wird die Nordstadt immer mehr zum reinen Migrantenviertel – mit der Münsterstraße als nun völlig von westlicher Subkultur befreitem Zentrum. Die böse Gentrifizierung ist hier ungefähr soweit weg wie der Meatpacking District in NYC. Doch ein wenig private Gentrifizierung kann manchmal ziemlich gut sein, schreibt der Berliner Journalist Oliver Gehrs in seinem Blog beim Stadtmagazin Tip über das Bötzowviertel im Ostteil der Stadt. Das Ja zum Galão-Cafe muss dort nicht das Aus für den kleinen Kiezmarkt bedeuten, die hippe Kinderbetreuung ist kein Konkurrent zur Lotto-Totto-Klitsche. So etwas nennt man gelungenen Wandel.

Manifest maßvoller Gentrifizierung


Screenshot: www.brennende-autos.deEine maßvolle Gentrifizierung wäre ein Segen für das Ruhrgebiet, denn Renovieren kostet Geld. Und hier entzündet sich wieder der Streit zwischen Besitzenden und Besitzlosen. In Hamburg kaufte die Stadt das Gängeviertel 2009 für 2,8 Millionen Euro vom niederländischen Investor zurück. Doch weder Stadt noch die Besetzer des Gängeviertels besitzen offenbar die Mittel, um die alten Immobilien zukunftsfähig zu sanieren. In Essen allerdings gibt es ihn, den urbanen Guerillero mit Moneten: Reinhard Wiesemann ist Investor und „Sozialerfinder“, wie er über sich selbst sagt. Nach dem Aufbau der Künstlerkommune Unperfekthaus hat er nun ein weiteres Bürohaus gekauft, indem er günstiges und innovatives Wohnen und Arbeiten verbinden will.

Under CC License by Achim HeppEssen und seine City Nord könnten zum nationalen Modellprojekt für eine gesunde Revitalisierung eines Ramschviertels werden. Doch die bei Wiesemann vorhandene Kombination aus Geld, Visionen und Verantwortung ist rar, normalerweise greifen auf dem Höhepunkt jedes subkulturellen Booms profitorientierte Investoren in das Soziotop ein – und zerstören es damit. Die einzigen, die noch egomanischer und rücksichtsloser handeln als die Immobilienentwickler sind linksautonome Verbrecher, die wie in Hamburg und Berlin, in beinahe jeder zweiten Nacht die Autos der vermeintlichen Invasoren anzünden.

Ein Manifest einer maßvollen Gentrifizierung muss in die Stadtpolitik einziehen. Zum Beispiel mit dem Verbot einer Monopolisierung von Immobilienbesitz innerhalb gewachsener Viertelgrenzen. Und dem Bewusstsein für kreative Köpfe und verantwortungsvolle Investoren als Treibstoff für Zukunftschancen. Städte ohne alternative Szene werden zurückfallen – Städte ohne Investitionen aber auch. Doch offenbar zählt es zu den schwersten Übungen von Stadtpolitik und Gentrifizierungskritikern gleichermaßen, Eins und Eins zusammen zu zählen.

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Mi, 03.11.2010 7

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Kommentare

@Gassi: Monokultur in der

@Gassi: Wenn man nur den Mikrokosmus Migrantenkultur betrachtet, dann ist die Darstellung in der Tat nicht genau genug. Aber wenn ich alle vorhandene Subkulturen betrachte, die vor 10 Jahren noch in der Nordstadt vorhanden waren (z.B. Cosmotopia, Lenz, Root, Roxy, diverse Plattenläden), dann fährt die Gegend durchaus auf einer immer schmaler werdenden Spur. Man könnte aus dem Schwund folgenden Schluss ziehen: Die Dortmunder Nordstadt ist mittlerweile so monokulturell migrantisch geprägt (mit zwar verschiedenen separaten Parallelkulturen, die aber weniger sendungsbewußt und engagiert sind als die Landsleute z.B. aus DU-Marxloh), dass selbst eine alternative (westlich) orientierte Subkultur dort die Segel streicht. These zu kontrovers? Dann freue ich mich über eine weitere Erklärungen...

Monokultur in der

Monokultur in der Münsterstraße? Diese Darstellung irritiert nicht nur, sie ist großer Unsinn! Ich vermute, dass das Ganze auf der vereinfachenden Unterscheidung "Wir" vs. "Die anderen" beruht. Aber, aber, aber: Welche Kultur ist "Migrant_in" - im Gegensatz zur sogenannten westlichen Kultur? Genau hinschauen hat noch nie geschadet. Ungenaues Stereotypisieren allerdings verflacht die Diskussion und macht die großenteils strukturellen!!! Probleme unsichtbar.
Vielleicht ist es sogar ganz gut, wenn das Kino Roxy eine Weile dicht ist, damit die heterogenen Nutzer_innen der Straße sich von den Weißen Schablonen erholen können und ihr Recht auf Stadt in ihrem Sinne verwirklichen. Die Stadt gehört allen, die sie bewohnen.
Huihui die Gassifee.

Das Modewort gentrification

Das Modewort gentrification ist für das Ruhrgebiet nicht wichtig, die Preissteigerung (bei Aufwertung) bzw. Bezahlbarkeit zentraler Lagen ist das Normalproblem. Und mit Verlaub: Das war es aber immer schon. Wer kann denn ernsthaft gegen Aufwertung, Kunst, Kultur und Kreativität sein? In dem Papier „Zeche Prellen – Recht auf Stadt“ http://landforfree.blogsport.de/2010/07/16/zeche-prellen-recht-auf-stadt/ heißt es dazu: „Gerade der Ruhrpott weiß, was Drecksarbeit ist und kann sich einer kreativen Neudefinition von Arbeit kaum verweigern. Wir wollen uns nicht abwenden von Kreativität, (Sub-)Kultur und progressiver Politik: maximal den Produktionsprozess und seinen Verteilungsmechanismus geben wir gerne preis“ (inura ruhr 2010).

zur Idee der moderaten Gentrifizierung

Interessant, ich hatte Herrn Twickels Bochumer Termin nicht auf dem Schirm. Schöner Zufall. Persönlich kenne ich keine 1-Euro-Meile, die lebenswerter ist als ein gut gemischter Kiez mit auch (nicht nur) höherwertigen Angeboten. Auf der Dortmunder Brückstraße hat kürzlich das wunderbare Cafe "Chill´R" geschlossen, hier trafen sich Menschen, die das soziale und kulturelle Leben der Stadt bereichert haben und die Billig-Szenerie aufgebrochen haben. Ebenso das Roxy auf der Münsterstraße, die nun deutlich am Profil verloren hat. Der Verlust der westlichen Subkultur dort ist keine Wertung sondern eine Beschreibung der nun dort herrschenden Monokultur – die immer öde ist. Ob nun dort oder in der Kollwitzstraße im Prenzlauer Berg, wo die Monokultur aus solventen Akademikern mit Kinderwagen und Altbaueigentum besteht. Wie dem auch sei: Das Ruhrgebiet sollte nicht den Fehler machen, potentielle Investoren mit aus Hamburg übernommenen Argumenten zu verschrecken. Diese Investoren ohne Vertreibung der Locals in die Stadt zu integrieren muss dann Aufgabe der Städte sein. Gleichzeitig muss auch lokales Potential gepflegt werden. Wie so etwas nicht funktioniert, haben Essen und der DGB in der Tat mit dem Umgang mit "Freiraum 2010" bewiesen.

Korrektur zum Gängeviertel

Danke, völlig richtig, da sind die Dimensionen verrutscht.

zur Idee der moderaten Gentrifizierung

Am Montag war Christoph Twickel im Sozialen Zentrum Bochum. Dort ging es genau um die oben gestellten Fragen, des Verhältnisses von Gentrifizierung in Hamburg und dem Ruhrgebiet. Von den BesucherInnen aus dem Ruhrgebiet wurde teilweise eine ähnliche These, wie die von Jan Wilms vertreten. Hier drohe keine Gefahr, ein bisschen mehr Bewegung täte den Viertel gut.

Christoph wiess dabei auf den Zusammenhang zwischen Hamburg und dem Ruhrgebiet hin. Gerade weil es dort für viele aus dem alternativen Mittelstand Hamburg oder Berlin so attraktiv ist, ziehen die Leute hier weg. Diesen Effekt wird jede/r persönlich kennen. Ob das aber ein Effekt einer organisiert handelnder Institution (Kommune, Unternehmen..) ist, der auch umzudrehen ist, stellte er in Frage. Vielmehr versuchten seiner Meinung nach einige Unternehmen mit dem nicht nach gewiesenen Versprechen der Aufwertung öffentliche Gelder zu bekommen.

Was fehlt dem Ruhrgebiet und was ist hier besser als in Hamburg? Was sind dafür überhaupt die Kritierien?

Individuell werden die meisten hier Lesenden Jan Wilms Aussage zustimmen, dass 1€ Läden das Leben in einem Viertel nicht gerade schöner machen. Aber warum sollten Kreative oder alternative (vemeintlich westliche) Subkulturen bestimmen, wie eine Stadt schön auszusehen habe. Christoph Twickel beschreibt in seinem Buch, warum es Menschen gibt, die gerade die Ramschökonomie schätzen, womit nicht gesagt sein soll, dass es nichts besseres geben könnte. Wie eine Stadt bzw. ein Viertel aussehen soll, ist eine Frage demokratischer Auseinandersetzung. Das es dabei nicht weit her ist, zeigen die Proteste in Hamburg und Stuttgart ja gerade nachdrücklich.
Fürs Ruhrgebiet sollte das erstmal heißen nicht auf Hypes reinzufallen, viel Geld in einzelne Projekte stecken und schon entwickle sich alles von selber. Stattdessen sollten die Chancen genutzt werden, die billige Mieten, Leerstände und Grünflächen hier bieten. Nicht unbedingt um Aufzuwerten, aber um das Leben hier netter und spannender zu machen. Da müssen einige Konservatismen gerade der hiesigen Sozialdemokratie durchbrochen werden (Stichwort UZDO und freiraum Essen).

Wenn das funktioniert und die Stadtteile durch die wilde Nutzung und die Teilhabe der AnwohnerInnen schöner werden, kann der Bevölkerungsschwund vielleicht irgendwann gestoppt werden. Dann aber sollte das moderate an der Gentrifizierung materiell werden. Aufwertung und Attraktivierung der Viertel sollte dann eben nicht mit der Vertreibung der alteingesessenen Bevölkerung einhergehen (Mietpreisbindung, Neubau von Sozialwohnungen...).

Korrektur zum Gängeviertel

Eine Korrektur zur Aussage über das Gängeviertel muss ich zum Artikel machen. Das Viertel kostete die Stadt nicht 2,3 Milliarden. Ich habe keine genaue Zahlen, aber die kurze Google-Recherche ergab einen Kaufpreis von rund 2 Millionen und erwartete Sanierunskosten von 15-20 Millionen. Das die Stadt Hamburg dieses Geld locker hat, beweißt ihre derzeitige Investition in das Konzerthaus in Höhe von über 350 Millionen. Es ist also zumindestens dort eine politische Entscheidung, keine finanzielle.

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06.01.2010

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