
"Wir meinen es wirklich ernst" - Interview mit Dieter Gorny
- Serie: Kreativ.Quartier.Ruhr
Am Rande der Pressekonferenz zur Eröffnung des T.A.I.B. im Bochumer Viktoria-Quartier traf ich Prof. Dieter Gorny und sprach mit ihm über Möglichkeiten für kreative Freiräume und Entwicklungsperspektiven im Ruhrgebiet. Besonders vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen rund um die Hausbesetzung in Essen war es ein aufschlussreiches Gespräch.
Viele Kulturschaffende in der Region beklagen, dass man hier dazu neigt, Freiräume möglichst schnell mit etwas Konkretem zu füllen und so Entwicklungsspielräume einzugrenzen. Gibt es Überlegungen, temporäre Konzepte wie das T.A.I.B. längerfristig zu übernehmen und hier ergebnisoffen frei bespielbare Flächen zu installieren?
Dieter Gorny: Ich glaube, dass wir mit dem Konkreten hier gar nicht punkten können. Die Entwicklungsprozesse sind so langwierig, dass wir Unfertiges brauchen, um es positiv und kreativ zu besetzen. Ich glaube auch, dass dieses Unfertige, das noch Möglichkeiten lässt, sich selbst auszubreiten, das Alleinstellungsmerkmal des Ruhrgebiets wäre, um auch gegen andere Ballungsräume zu punkten. Das ist eine Baustelle im wahrsten Sinne des Wortes, das sieht man hier ja auch, und da kann man mitbauen. Das bedeutet natürlich auch, dass man nicht sofort alles zubaut. Bis die Bagger kommen, vergeht meist relativ viel Zeit und deswegen muss man temporäre Ideen entwickeln, die auch von außen sichtbar machen und den Leuten das Gefühl geben: wow, hier entsteht etwas. Das ist vielleicht noch schwer zu vermitteln, aber man wird nicht drumherum kommen. Hier wurde jetzt mit dem T.A.I.B. ein erster Schritt getan und wir wollen das auch in allen anderen Kreativquartieren so angehen. Das ist letztlich eine Mittelfrage, aber ich glaube es lohnt sich, damit am Ende die Leute, für die man das macht – die Bürger, die Kreativen und auch die Unternehmen – spüren: wir meinen es wirklich ernst.
Oft ist die schöne Zeit für die Kreativen vorbei, wenn die Bagger kommen. Dann wird die Fläche, die sie nutzen konnten, bebaut und geht für sie verloren. Wird dieses Problem in den Planungen auch berücksichtigt?
Dieter Gorny: Hier sitzen die Kreativen direkt mit am runden Tisch. Das heisst, die wissen, wie lang die Brachfläche da ist und wann gebaut wird. Die unterstützen das mit und stellen sich genau darauf ein. Es ist nicht so, dass gegen den Willen der öffentlichen Hand freie Plätze besetzt werden, sondern das ist ein Entwicklungsprozess, den die Macher vor Ort bewusst mittragen. Dadurch wissen die ganz genau Bescheid und kennen das Endergebnis.
Ein Thema, das seit langem diskutiert wird, ist das Zusammenwachsen des Ruhrgebietes als eine Stadt. Halten Sie das für möglich, vielleicht auch angetrieben durch die Kulturhauptstadt?
Dieter Gorny: Ich denke, dieses Städtedenken wird sich schrittweise abnutzen. Es wird nicht verschwinden, das sollte es auch nicht, aber es wird immer mehr Gemeinsames entstehen, durch Verbindungslinien und gemeinsame Gespräche, die es früher nicht gab. Das hilft dann auch über einen längeren Zeitraum, solche Grenzen zu überwinden. Wir müssen das nutzen, was eben die große Chance ist: ich komme gerade aus Essen, das ist eine Viertelstunde weg, und bin in einem ganz anderen Stadtteil der Metropole. Das ist auch wieder ein wunderbarer Verkaufspunkt, den wir rausstellen müssen. Ich glaube, dass das durch solche Prozesse auch mehr und mehr gelebt wird.
Glauben Sie, dass das Ruhrgebiet sich durch ein solches Zusammenwachsen in eine Reihe mit Städten wie Hamburg, Köln oder Berlin einreihen kann?
Dieter Gorny: Das auf jeden Fall. Wir können da sehr gut punkten, von der Vielfalt her und von der Freifläche und vom Entwicklungsraum umso mehr, da sind die anderen ja bereits viel fertiger. Unser großer Vorteil ist auch die Integration, die Leute mit ranzuholen und das von Anfang an gemeinsam zu entwickeln. Ich denke, da sind wir sicherlich ganz weit vorne.
Würden Sie eine Prognose wagen, wie lange das Ruhrgebiet noch braucht?
Dieter Gorny: Puh … Wenn das so locker hin- und hergeht, zehn Jahre mindestens. Das hängt jetzt von den nächsten Jahren ab und davon, inwieweit der Schwung der Kulturhauptstadt umgesetzt wird in Prozesse, wo man weiter trainieren und lernen kann und auch nach Rückschlägen weitermachen kann. Wenn das klappt, dann wird sich das entwickeln. Aber es ist nicht leicht. Die schönen, großen Veranstaltungen die wir jetzt hatten, wo die Leute wirklich bewegt wurden, das ist eben nicht alles. Es wird noch dauern.
Vielen Dank.
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