"Das Ministerium" Wuppertaler Bühnen 2012

Sieben Tage für die große Lösung

"Das Ministerium" entlarvt das Integrations-Theater - in jeder Hinsicht

Auf der Bühne stehen vier eckige Gebilde. Die sehen aus wie eine Mischung aus Bienenwabe, U-Boot-Koje und Behördenbüro; kaum groß genug für einen Menschen, sitzend, zwei Regalbretter überm Kopf. Die drei Frauen und ein Mann in blauen Overalls darin bilden – unausgesprochen die Besatzung eines imaginären Raumschiffes, das in den endlichen Weiten der Gesellschaft für Harmonie und Frieden zwischen Einheimischen und Zuwanderern sorgen soll. Am Ende wird dieser Tanker der Integration aber doch nur von einem schwarzen Loch verschluckt, weil er im starken Sog der widerstreitenden Interessen einfach zu träge ist.


"Das Ministerium" ist das dritte Stück von Autor Kai Schubert und Regisseurin Jenke Nordalm zum Thema "Migration" am Wuppertaler Schauspielhaus. Die ersten beiden – "Eleni" und "Das Goldene Vlies" – verhandelten die Sache im Konkreten, brachten Zuwanderer und/oder ihre Geschichte(n) auf die Bühne. Über deren Rand reicht die Rolle von Migranten im Kulturbetrieb meist ja nicht hinaus, wie auch in dieser Serie schon mehrfach beschrieben wurde. Der Bühnendramatiker Schubert geht aber doch weiter: Bei seinen Recherchen sei ihm aufgefallen, dass im politischen Diskurs "immer wieder die gleichen Sachen auftauchen, es inhaltlich aber schon seit Jahren nicht richtig vorwärts geht", erzählt er im Gespräch. Deshalb hätten er und Regisseurin Nordalm im letzten Teil ihrer Wuppertaler Trilogie zu diesem Thema ganz bewusst die Meta-Ebene gewählt, um die unsichtbaren Hintergründe der sichtbaren Realität theatralisch auszuleuchten.

 


Immer dem Minister entgegenarbeiten
Der Plot ist so zugespitzt, dass er schon wieder real wirkt: Die vier Integrationsbürokraten auf der Bühne haben eine Veröffentlichung ihres Hauses verbockt, in deren Folge der Minister zurücktreten muss. Umgehend wird ein neuer ernannt, der sogleich verspricht, in nur sieben Tagen ein allumfassendes Integrationskonzept vorzulegen. Die vier Untergebenen bekommen diesen Auftrag aber nicht von ihm direkt, sondern lesen ihn – geschickt inszeniert – aus einer Mischung ministerialer Redeschnipsel in den Medien und heimlich abgehörtem Behördenfunk heraus. Der Mechanismus dahinter ist aus dem Dritten Reich bekannt: Durch Rundfunkreden der Staatsführung und den Duktus offizieller Verlautbarungen sahen sich Funktionsträger auf allen Ebenen ganz ohne eine direkte Anweisung veranlasst, auch in ihrem Bereich immer "dem Führer entgegen zu arbeiten". Der NS-Historiker Ian Kershaw hat das ausgiebig beschrieben und analysiert.


Hal und die Schicksalsgöttinnen im Integrations-Game

Autor Kai Schubert hat seine Protagonisten als Archetypen der Verwaltung angelegt: Die konkret vor Ort agierende Tyche, die mehr auf moderne Verkaufe setzende Facebook-Adeptin Moira und die zu Grundsatzpapieren neigende Stanford-Absolventin Ananke. Diese Namen gehören sowohl zu Schicksalsgöttinnen der griechischen Mythologie als auch zu drei realen Himmelskörpern mit völlig verschieden Flugbahnen. Passend dazu kommen die Damen auf keinen gemeinsamen Nenner, während Arbeitstag um Arbeitstag verstreicht. Und ebenso passend heißt der einzige Mann im Quartett Hal, wie der allwissende Großrechner in Stanley Kubricks Jahrhundertfilm "2001 – Odyssee im Weltraum". Hal hat die Integrationsproblematik voll innovativ in ein Computerspiel mit dem beziehungsreichen Titel "Building Babylon" gepackt. Angelehnt an Vorbilder wie "Die Siedler von Catan" oder "Civilization" müssen die Spieler einen hoch entwickelten Vielvölkerstaat steuern – in der zentralen Szene scheitern Hals Kolleginnen, die drei Schicksalsgöttinnen, am fünften Tag ihrer Mission kläglich bei dem Versuch, in dem "Massive Multi Role Player Game" durch einzelne staatliche Maßnahmen die Kontrolle über das Chaos im virtuellen Einwanderungsland zu erlangen. Da der Schöpfer von Himmel, Erde und Beamtenrecht für die Tage sechs und sieben aber bekanntlich Ruhe vorschreibt, ist die vom Minister gesetzte Wochenfrist, schwupp, auch schon rum – so ergebnislos wie alle sieben Wochen, sieben Monate oder sieben Jahre zuvor.


Schuberts Sprache bildet das System (ab)
Kai Schuberts Stück hat zwar trotz seiner 75 Minuten Kürze ein paar dramat(urg)ische Schwächen, die seine größte Qualität aber völlig vergessen lässt: die Sprache. Wer je mit dem Innenleben öffentlicher Verwaltungen, ob kommunale Behörden, Ministerien oder auch öffentlich-rechtliche Anstalten, zu tun hatte, kommt angesichts der Schubertschen Kunst aus dem Staunen kaum raus. Er hat nicht einfach nur die bekannten Phrasen des öffentlichen Politikersprechs mit Termini kombiniert, die zu recht als "Integrationsprosa" gebrandmarkt werden, sondern aus der Struktur dieser Sprache auch eine Art geistigen Boden bereitet, auf dem sich seine Figuren schließlich sogar in privatesten Fragen bewegen: Alles wird erst weitestgehend intellektualisiert und pseudo-wissenschaftlich von verschiedenen Seiten betrachtet, um am Ende doch nur nach ganz persönlichen Glaubenssätzen oder schlicht nach Geschmack beurteilt zu werden. Die Realität? Interessiert niemanden wirklich; auch nicht den neuen Chef: "Der Mann ist ein Ministerperformer", lässt Schubert seine Moira am Ende sagen, "für Realität hat der keine Zeit."


Migranten im Ministerium? Wir wissen nix
In seinem systemkritischen Subtext behandelt das Stück auch den Kulturbetrieb. Beispiel gefällig? Wie viele Mitarbeiter mit Migrationshintergrund es im NRW-Kulturministerium gebe, wollte ich letzte Woche wissen. Antwort: "Das wissen wir nicht!" Klingt ignorant? Ist es nicht: Arbeitsrecht und Datenschutz verbieten es Arbeitgebern, diese Zahlen überhaupt zu erheben. In der Landesregierung Nordrhein-Westfalens läuft deshalb zurzeit eine Fragebogenaktion unter den Mitarbeitern. Deren Ergebnisse werden aber ohne Aussagekraft sein: Das Ausfüllen der Fragebögen ist freiwillig, aus rechtlichen Gründen sind keine Rückschlüsse auf die Abteilungszugehörigkeit möglich. Wo wie viele Migranten arbeiten, weiß noch nicht mal die Personalabteilung im Integrationsland Nr. 1!
 

Fotos: Uwe Stratmann/Wuppertaler Bühnen (2), Kai Schubert

Mi, 25.01.2012 1

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Soeben teilt mir die Pressestelle des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport mit, dass der Anteil von Beschäftigten mit Migrationshintergrund im gesamten Haus bei etwas über 13 Prozent liegt (ohne Bewachung und Reinigungspersonal, die extern beschäftigt sind). Diese Zahl stamme aus der oben erwähnten Fragebogenaktion, deren Rücklauf nach Angaben des Ministeriums mit knapp über 70 Prozent für eine solche Befragung unerwartet hoch ausgefallen sei. Die behördlicherseits angeführte Vergleichszahl zum Migrantenanteil bei allen Erwerbstätigen in NRW (< acht Prozent) aus dem Mikrozensus 2010 lässt sich auf den ersten Blick allerdings nicht verifizieren, die leicht zugänglichen Bundesergebnisse legen eine mindestens doppelt so hohe Zahl nahe - mehr nach dem WE ...

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19.10.2011

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