
Sieben Tage für die große Lösung
"Das Ministerium" entlarvt das Integrations-Theater - in jeder Hinsicht
Auf der Bühne stehen vier eckige Gebilde. Die sehen aus wie eine Mischung aus Bienenwabe, U-Boot-Koje und Behördenbüro; kaum groß genug für einen Menschen, sitzend, zwei Regalbretter überm Kopf. Die drei Frauen und ein Mann in blauen Overalls darin bilden – unausgesprochen – die Besatzung eines imaginären Raumschiffes, das in den endlichen Weiten der Gesellschaft für Harmonie und Frieden zwischen Einheimischen und Zuwanderern sorgen soll. Am Ende wird dieser Tanker der Integration aber doch nur von einem schwarzen Loch verschluckt, weil er im starken Sog der widerstreitenden Interessen einfach zu träge ist.

Immer dem Minister entgegenarbeiten
Der Plot ist so zugespitzt, dass er schon wieder real wirkt: Die vier Integrationsbürokraten auf der Bühne haben eine Veröffentlichung ihres Hauses verbockt, in deren Folge der Minister zurücktreten muss. Umgehend wird ein neuer ernannt, der sogleich verspricht, in nur sieben Tagen ein allumfassendes Integrationskonzept vorzulegen. Die vier Untergebenen bekommen diesen Auftrag aber nicht von ihm direkt, sondern lesen ihn – geschickt inszeniert – aus einer Mischung ministerialer Redeschnipsel in den Medien und heimlich abgehörtem Behördenfunk heraus. Der Mechanismus dahinter ist aus dem Dritten Reich bekannt: Durch Rundfunkreden der Staatsführung und den Duktus offizieller Verlautbarungen sahen sich Funktionsträger auf allen Ebenen ganz ohne eine direkte Anweisung veranlasst, auch in ihrem Bereich immer "dem Führer entgegen zu arbeiten". Der NS-Historiker Ian Kershaw hat das ausgiebig beschrieben und analysiert.
Hal und die Schicksalsgöttinnen im Integrations-Game
Schuberts Sprache bildet das System (ab)
Kai Schuberts Stück hat zwar trotz seiner 75 Minuten Kürze ein paar dramat(urg)ische Schwächen, die seine größte Qualität aber völlig vergessen lässt: die Sprache. Wer je mit dem Innenleben öffentlicher Verwaltungen, ob kommunale Behörden, Ministerien oder auch öffentlich-rechtliche Anstalten, zu tun hatte, kommt angesichts der Schubertschen Kunst aus dem Staunen kaum raus. Er hat nicht einfach nur die bekannten Phrasen des öffentlichen Politikersprechs mit Termini kombiniert, die zu recht als "Integrationsprosa" gebrandmarkt werden, sondern aus der Struktur dieser Sprache auch eine Art geistigen Boden bereitet, auf dem sich seine Figuren schließlich sogar in privatesten Fragen bewegen: Alles wird erst weitestgehend intellektualisiert und pseudo-wissenschaftlich von verschiedenen Seiten betrachtet, um am Ende doch nur nach ganz persönlichen Glaubenssätzen oder schlicht nach Geschmack beurteilt zu werden. Die Realität? Interessiert niemanden wirklich; auch nicht den neuen Chef: "Der Mann ist ein Ministerperformer", lässt Schubert seine Moira am Ende sagen, "für Realität hat der keine Zeit."
Migranten im Ministerium? Wir wissen nix
In seinem systemkritischen Subtext behandelt das Stück auch den Kulturbetrieb. Beispiel gefällig? Wie viele Mitarbeiter mit Migrationshintergrund es im NRW-Kulturministerium gebe, wollte ich letzte Woche wissen. Antwort: "Das wissen wir nicht!" Klingt ignorant? Ist es nicht: Arbeitsrecht und Datenschutz verbieten es Arbeitgebern, diese Zahlen überhaupt zu erheben. In der Landesregierung Nordrhein-Westfalens läuft deshalb zurzeit eine Fragebogenaktion unter den Mitarbeitern. Deren Ergebnisse werden aber ohne Aussagekraft sein: Das Ausfüllen der Fragebögen ist freiwillig, aus rechtlichen Gründen sind keine Rückschlüsse auf die Abteilungszugehörigkeit möglich. Wo wie viele Migranten arbeiten, weiß noch nicht mal die Personalabteilung im Integrationsland Nr. 1!
Fotos: Uwe Stratmann/Wuppertaler Bühnen (2), Kai Schubert
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