Schlechter Verkehr - Der ÖPNV hat im Ruhrgebiet ein Imageproblem

Beim Blick auf die Anderen in der U41 vom Hauptbahnhof nach Dortmund-Hörde gerate ich ins Nachdenken. Da sitze ich nun, umgeben von den mutmaßlich drei, wahrscheinlich vier "A"s in der U-Bahn: Arbeitslose, Ausländer (wahlweise Migranten), Auszubildende (sagen wir Schüler und Studenten), vielleicht ist die junge Frau mit dem strähnigen Haar, der blassen Gesichtsfarbe und dem Kinderwagen, die seit ihrem Einstieg nervös an der Marlboro-Schachtel mit der Aufschrift "palenie zabija" (Rauchen tötet) herum nestelt, ja eine "A"llein erziehende, und ich frage mich, wo all die anderen sind?

Die Abteilungsleiter der Signal Iduna in ihren "Boss"-Anzügen aus dem Outlet-Center? Die leitenden Verwaltungsangestellten in ihren hochwertigen gesunden "Clarks"-Schuhen, die Studienräte in ihren gebügelten "Brax"-Cordhosen, die Waldorf-Mütter mit der teuren Apotheken-Kosmetik und den "Evian"-Flaschen in den Qualitätsumhängetaschen von "Bree"? In dieser Bahn sitzen sie jedenfalls nicht. Auch in den anderen Straßenbahnen und Bussen im Ruhrgebiet, in denen ich häufig unterwegs bin, treffe ich sie selten. Warum? Weil der so genannte ÖPNV hier ein Imageproblem hat. Denn welcher dieser Herrschaften fährt schon mit der Bahn ins Kino - oder ins Theater? Zur Arbeit? Zum Shoppen oder in den Waldorfkindergarten, um die kleine Cosima abzuholen? Leider viel zu wenige.


Anderswo ist Bahnfahren selbstverständlich


Die zwanghafte Autofahrermentalität im Ruhrgebiet ist ein Dilemma der örtlichen Stadtwerke, die bislang auch mit allerlei werblichen Mitteln keinen Ausweg daraus gefunden haben (weil sich ihre Mitarbeiter selbst aus dieser Mentalität nicht befreien können). Es braucht einen Wandel dieser Kultur, nicht um das Autofahren gänzlich zu diskreditieren, sondern um Bahnfahren zu einer selbstverständlichen Angelegenheit wie in London oder Berlin zu machen, wo Bänker und Schauspieler neben den vier "A"s auch mal in der U-Bahn Platz nehmen. In den vergangenen Wochen habe ich in Berlin Hans Leyendecker, Christian Ströbele, Günther Beckstein, Nina Hoss, Corinna Harfouch, und Kai Wiesinger (okay, dem hatte man einige Tage zuvor in Kreuzberg den Daimler in Brand gesetzt) in der Bahn gesehen. Hat im Ruhrgebiet dagegen schon mal jemand Bruno Knust, Christoph Metzelder oder seinen jeweiligen Oberbürgermeister im Linienbus getroffen? Ich jedenfalls nicht. Auch auf dem Fahrrad kommt mir von denen keiner entgegen (anders Christian Ströbele). Leider wird auch dieses Transportmittel im Ruhrgebiet nur selten für den Weg zur Arbeit genutzt, auf dem alltäglichen Weg von A nach B also. Das ist schade, und verstärkt das krasse Verkehrschaos, das auf die Lebensqualität im Pott drückt. Aber solange die Kollegen den Mann hänseln, der mit roten Fahrradtaschen zur Arbeit kommt ("ach, und wir dachten schon das sei der Fahrradkurier"), und die Reihenhausnachbarn sich fragen, ob Herr Meier, der unterm Regenschirm an der Straßenbahnhaltestelle steht, vielleicht seinen Führerschein verloren hat (etwa wegen Alkohol?), werde ich mir den U-Bahn-Wagon nach Hörde nur mit den vier "A"s teilen und vergeblich darauf warten, dass ein fünftes hinzu kommt - die "A"hnungslosen, die immer noch nicht wissen, dass die Bahn für den Weg in die Stadt das - für alle - stressfreieste Mittel ist.

Foto: schnucke81
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Mi, 01.09.2010 6

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Kommentare

ende der diskussion

@florian - natürlich hast du recht mit deiner analyse. das imageproblem kommt ja bloß erschwerend hinzu. denn es ist ja nicht so, dass die ruhris ihre busse und bahnen einzig aus dem grund nicht nutzen, weil die verbindungen mäßig sind. ich hätte mir im zuge der ruhr 2010 eine größere debatte zu diesem thema gewünscht. inzwischen hat sich die hoffnung aber zerschlagen, weil ich merke, dass die meinungsführer und verantwortlichen gar kein interesse daran haben. dabei wäre der "verkehr" neben "integration" und "kreativwirtschaft" eigentlich das zentrale anliegen, um das man sich nachhaltig kümmern müsste - um im ruhrgebiet voran zu kommen.

Image & Wirklichkeit

Die Rede vom Imageproblem suggeriert, eine an sich gute Sache werde bloß schlecht »verkauft«. Schön wär's! Das Problem ist doch, daß der öffentliche Verkehr im Ruhrgebiet so schlecht organisiert & teuer ist, daß man niemandem das Autofahren verdenken kann. Von einem Netz auf »Metropolenniveau« ganz zu schweigen! Der Nahverkehr im Revier besteht aus einer Vielzahl von sternförmig auf das jeweilige Stadtzentrum ausgerichteten Netzen, die jeweils den Anforderungen von Klein- & Mittelstädten entsprechen, Vernetzung ist nicht. Dortmund ist in der Tat die einzige Stadt, die aus dem Planungsdesaster der gescheiterten »Stadtbahn Ruhr« mit einem halbwegs funktionierenden U-Bahnnetz herausgekommen ist. Aber in Duisburg verkehren die wichtigsten Linien abends im Halbstundentakt, in Hagen wird ab 21.30 h & an Sonntagen schon ab 19.30 h nur noch das ausgedünnte »Nachtnetz« angeboten usf. So überzeugt man keinen Autofahrer. Ein notwendiger erster Schritt zur Verbesserung wäre die Zerschlagung von BOGESTRA, EVAG & Co. & die Etablierung einer ruhrgebietsweiten, einheitlichen Verkehrsgesellschaft. An vielen Stellen mögen Metropolengehabe & Zentralisierungsbestrebungen unangemessen bis schädlich sein - hier nicht!

Liebe Leute von

Liebe Leute von heute,
probieren Sie mal an einem Tag unter der Woche im Dortmunder Nachtleben auszugehen und dann wollen sie gegen 23:51 wieder nach Hause in Richtung Ruhrort fahren - mit dem VRR ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Ich finde das einen ganz wichtigen Aspekt, was der Olaf hier anspricht. In Bochum ist es zum Beispiel so, dass während der Schulferien die U35 (verkehrt zwischen Bochum Uni und Herne Hbf.) nur alle 10 Minuten fährt - das ist aus meiner Sicht hochprovinziell und zeigt meiner Meinung nach, wie erbärmlich weit entfernt man noch von Metropolen wie Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt oder München ist - gerade wenn man sich als Kulturrevier begreifen will. Hier muss das Ruhrgebiet noch enorm aufholen.

EIne Anmerkung dazu. ÖVM

EIne Anmerkung dazu. ÖVM haben hier nicht nur ein Image-Problem, ÖVM haben das Image, vvieles zu verkomplizieren, weil das Netz eben nicht so dicht und direkt ist wie in Berlin oder London . Man kann es niemanden verdenklen, mit dem Auto die 20 min. zur Arbeit zu fahren, wenn der Weg mit Öffentlichen zwei mal umsteigen mit beachtlichen Wartezeiten und Fußwege involviert und dabei insgesamt doppelt bis drei mal so lange dauert.

erweiterter Innenstadtbereich

Recht hasse Kollege! Genau das ist in diesem Haufendorf, wahlweise in dieser Städteregion, das technische Problem, das sich wunderbar in die Mentalitätsdelle fügt: Viele Verbindungen sind einfach schlecht. So muss ich nachher schon um sieben Uhr im Café Max einen Kumpel treffen, damit wir gemeinsam noch eine Handvoll Kaltschalen schlabbern können, bevor meine letzte Bahn zurück in den dunklen Außenbezirk geht. Morgenabend dann gehts nach Essen, wo ich mir das Kaltschalenschlabbern gänzlich verkneife, damit ich mir das Hotel sparen kann. Kein Wunder, dass es den Brauerein hier so schlecht geht.

ÖPNV

Wohl gesprochen, Gevatter! Und in Dortmund ist man zumindest im erweiterten Innenstadtbereich wirklich nicht schlecht per U unterwegs. Mir reicht meist mein Fahrrad für spontane journalistische Kontrollfahrten und Präsenz in den PLZ-Gebieten 44135, 137, 139, 141, 143 und 145. Nun ja, wer weiter draußen wohnt...

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11.02.2010

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