
Schatten der vergessenen Ahnen
- Serie: EUROPE IN SHORTS
Von Tamar Baumgarten-Noort. Einer der berühmtesten Filme des ukrainischen Kinos heißt Schatten der vergessenen Ahnen, eine „Romeo und Julia“-Geschichte, die im ukrainischen Hinterland spielt. In den 1960er Jahren wurde Regisseur Sergej Paradzhanov mit diesem Film zum Star des ukrainischen Kinos – doch der Titel des 1964 produzierten Films könnte auch mottogebend für die Probleme des ukrainischen Kinos sein.
Die Ukraine, seit 1991 unabhängig, 2004 mit Hilfe der Orangenen Revolution demokratisiert, scheint noch immer auf der Suche zu sein nach einer nationalen Identität. Jeder fünfte Einwohner der Ukraine ist kein Ukrainer – die Nation vereinigt über hundert verschiedene Nationalitäten, Ukrainisch ist zwar offizielle Landessprache, aber knapp 75 Prozent der Bevölkerung sprechen Russisch. Die lange Zugehörigkeit zur Sowjetunion, aber auch die inzwischen bestehenden Geschäftsbeziehungen zu Westeuropa und Amerika geben der Nation eine Art Zwitterhaltung: Einerseits orientiert sich das Land an den Westen, andererseits in Richtung Russlands.
Zwei nennenswerte Filmfestivals
Die nationale Identitätskrise äußert sich auch im künstlerischen Schaffen. Es gibt zwar Bemühungen, die Ukraine als Filmland zu etablieren. Allerdings lädt die Ukrainian Cinema Foundation eher ausländische Produktionsfirmen in die unberührten Landschaften der Ukraine ein – mit dem Hinweis, in der Ukraine gebe es weder mächtige Gewerkschaften noch gesetzliche Bestimmungen, die die Arbeit mit Kindern oder Tieren limitierten. In erster Linie ist Film in der Ukraine offenbar ein Wirtschaftsfaktor. Dazu passt, dass die offiziellen Institutionen sich viel Mühe geben, den ukrainischen Film im Ausland präsent zu machen, im eigenen Land hingegen gibt es lediglich zwei nennenswerte Filmfestivals. Das KROK, das Animationsfilme zeigt, und das Festival „Molodist“, das für seine internationale Ausrichtung gerühmt wird und bei dem Regisseure wie Tom Tykwer, Danny Boyle, Stephen Daldry und François Ozon ausgezeichnet wurden – ukrainisches Kino hingegen findet hier nur wenig statt. Dabei wurden im Jahr 2008 immerhin sieben ukrainische Spielfilme produziert.
Das poetische Kino der Ukraine
In künstlerischer Hinsicht hat das ukrainische Kino in vielerlei Form mit den Schatten der vergessenen Ahnen zu kämpfen. Die historisch gewachsene Vielfältigkeit der nationalen Identität macht es jungen Filmemachern schwer, sich an prominenten Vorbildern zu orientieren oder sich von ihnen abzusetzen und so eine eigene Stimme zu entwickeln. Deshalb gab es nach der Unabhängigkeit der Ukraine in 1991 eine Welle der Rückbesinnung auf die 1960er Jahre: Paradzhanovs Film Die Schatten der vergessenen Ahnen hatte damals eine Bewegung ausgelöst, die als das „poetische Kino der Ukraine“ berühmt wurde. Das poetische Kino lehnte sich an die Malerei an, es interessierte sich kaum für Narrativität, sondern stellte abstrakte Bildkompositionen in den Vordergrund, die mit der Form und der Beschaffenheit des Mediums an sich experimentierten. Nach 1991, als das Land auf der Suche nach einer ukrainischen Stimme war, besann man sich zurück auf die einzig originär ukrainische Filmkunstbewegung, die es jemals gegeben hatte. Doch das poetische Kino gehörte in die 1960er und 70er Jahre – in dem neuen ukrainischen Staat, in dem plötzlich westliche Filme zu sehen waren und Kino sich auch nach Marktwerten regulieren musste, fand das poetische Kino keinen Platz mehr.
Bis heute wirkt das Ringen um eine eigene künstlerische Stimme nach. Einige Filmemacher versuchen, das Erbe des poetischen Kinos mit einem neuen Sinn für Realität zu verbinden. Ob das gelingt, wird die Zukunft zeigen. Dann hat ukrainisches Kino eine große Chance, zu einer eindrucksvollen Stimme im europäischen Kanon zu werden.
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