Forum im Atlas Building Antwerpen

Migranten im Kulturbetrieb: Ich weiß nichts und du weißt nichts

Um morgen ein Stückchen weiter zu sein, müsste man heute wissen, wo man eigentlich ist

Menschen mit Migrationshintergrund sind im Kulturbetrieb nicht so präsent wie sie sein könnten nein: müssten. Und die wenigen, die man vor allem auf Seiten der "Macher" findet, sind nicht repräsentativ für die großen Zuwanderergruppen im Land, sondern Teil einer internationalen Branchenelite. Dafür gibt es viele Gründe und wir haben in dieser Serie an der ein oder anderen Stelle schon hinter die Kulissen wie Fassaden der Szenerie gucken können. Nun ist es woanders ja angeblich sowieso immer besser – aber wo und wieso? Keiner weiß es.

 

Wir werfen einen Blick nach Antwerpen. Die belgische Hafenstadt hat

einen umfangreichen Integrationsplan und wirbt für sich mit dem Slogan "Die Stadt gehört allen". Im Team des "Atlas Building", dem zentralen Empfangshaus für Einwanderer in der Carnotstraat hinter dem Hauptbahnhof, werden gut 70 Sprachen gesprochen; das reicht für so gut wie alle Ankommenden zu mehr als einem "Willkommen". Das zugehörige "Haus des Niederländischen" wiederum vermittelt jedem Neuankömmling Sprachkurse, seinem Bildungsgrad und der individuellen Vorkenntnisse entsprechend. Ein Interkulturelles Kulturzentrum ist das "Atlas" zwar nicht, doch auf die Sichtbarkeit der Kultur von Migranten wird Wert gelegt: Im Foyer des Hauses lief noch bis zur letzten Woche unter dem Titel "Hier ben ik" eine Ausstellung mit Familienfotos von Zuwanderern und ihren Ausstellung Home Call, MAS, AntwerpenNachkommen. Davor gab es eine beeindruckende Schau über Sinti und Roma in Belgien. Zeitgleich war im nicht nur architektonisch spektakulären Museum an der Schelde (MAS) erstmals die Geschichte der ghanaischen Einwohner Antwerpens zu sehen. Die Universität der Stadt schließlich beherbergt ein Centre for Migration and Intercultural Studies (CEMIS). Fragt man dort allerdings nach Zahlen zur Bedeutung und Präsenz von Migranten im Kulturbetrieb Flanderns oder ganz Belgiens, geht es einem wie quasi überall in Europa: Fehlanzeige.

 

 

Was lange währt, findet doch noch statt

Vierzig Kilometer südlich, in Brüssel, sitzt Sabine Frank in ihrem Büro und wundert sich darüber nicht. Die erfahrene Frau im Dschungel der Europäischen Bürokratie ist Generalsekretärin der "Platform for an Intercultural Europe" (PIE). Diesen Zusammenschluss einiger Dutzend zivilgesellschaftlicher Institutionen aus ganz Europa vertritt die Politologin am EU-Hauptsitz. Zuvor hat sie unter anderem fünf Jahre für die Sprecherin der Sozialisten im Kulturausschuss des Europäischen Parlaments in Straßburg gearbeitet – Frank ist eine erfahrene Lobbyistin der Kultur. Auch deshalb gehört PIE zu den nur drei Organisationen, die auf Einladung der Europäischen Kommission an den großen kulturpolitischen Debatten im EU-Kulturministerrat mitwirken dürfen. Eine davon findet aktuell in der Expertengruppe "Kulturelle Vielfalt, interkultureller Dialog sowie Zugang zu Kultur und Inklusion" statt. Das heißt, sie wird dort stattfinden … also, sie soll, hoffentlich … bald. Denn nur vier Jahre nach dem entsprechenden Beschluss von 2008 werden sich die Gesandten aus 24 der 27 EU-Mitgliedsstaaten dem Vernehmen nach im April auch schon erstmals treffen – ab dann wird es allerdings schnell gehen müssen: Die aktuelle Siebenjahresperiode der EU endet 2013 ganz planmäßig.

 

Minimalziel: Datengrundlage

Deutschland wird in dieser Expertengruppe von Gabriele Pfennings aus

dem Berliner Kanzleramt und Annette Schwandner vertreten, die im niedersächsischen Kulturministerium die Kulturabteilung leitet. Zwei Fragen stehen im Mittelpunkt der Arbeit: Wie kann man die europaweit 90 Prozent Nichtnutzer öffentlich getragener Kultur doch noch dazu bewegen und wie kann die kulturelle Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund verbessert werden? Ein Vergleich der existierenden Zugänge und Strategien durch die Gruppe soll dann in ein Handbuch bewährter Praxis für Kunst- und Kulturinstitutionen münden. Die PIE-Lobbyistin Frank hofft zudem auf einen Impuls, endlich auch die entsprechenden Daten zu erheben, die es bisher ja nicht gibt. Ist das realistisch? Die Gesandte des Bundes, Gabriele Pfennings, kann man dazu leider nicht befragen: "Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus den Fachreferaten der Ressorts stehen nach der Geschäftsordnung der Bundesregierung grundsätzlich nicht als Gesprächspartner für die Medien zur Verfügung", teilt das Bundespresseamt auf eine entsprechende Anfrage mit.

 

Kultur ist keine echte Teilmenge von Interkultur

Der Versuch, mit Hilfe von Botschaften europäischer Nachbarländer in Berlin etwas über die Teilhabe von Migranten am kulturellen Leben dort zu erfahren, schlug übrigens vollkommen fehl – die Geschichte dieser Recherche wäre höchstens comedytauglich. Gucken wir also lieber noch mal direkt vor die eigene Haustür. Vor zwei Wochen hat der Landtag in Düsseldorf ein Integrationsgesetz für NRW verabschiedet. Das soll der "Integrationspolitik im Land ein belastbares Fundament" geben, sagte Sozialminister Guntram Schneider dazu vor dem Parlament. Stolz verwies er auf die Vorreiterrolle Nordrhein-Westfalens, und in der Tat hat nur Berlin Ähnliches vorzuweisen. Allerdings: Der Kultursektor selbst spielt in beiden Gesetzen keine Rolle. Das im politischen Düsseldorf wie in der Bundeshauptstadt zurzeit hippe Wort von der "Interkultur" kommt zwar mehrfach vor, doch vor allem in Zusammenhängen wie der "interkulturellen Öffnung der Landesverwaltung", die im Gesetz sogar regelrecht beschworen wird.

 

Zahlen ohne Wert

"Zwölf Prozent der Beschäftigten haben einen Migrationshintergrund", zitierte der Minister eine aktuelle Befragung in den obersten Landesbehörden (wozu ja auch das Kulturministerium zählt). Und Schneider fügte an, dass diese Zahl höher werden müsse, worin sich ausnahmsweise sogar mal alle Parteien im Landtag einig sind. Blöd ist bloß, dass besagte Befragung freiwillig und anonym war. Der Rücklauf der Antworten wiederum liege bei "bis zu 70 Prozent", heißt es aus den Personalabteilungen, mit anderen Worten: Nicht mal drei Viertel der Mitarbeiter haben Auskunft gegeben, oft sind es weniger. Wer aber teilnimmt und wer nicht, ob das fehlende Viertel (oder Drittel?) vielleicht aus lauter Migranten besteht, die sich nicht outen wollen oder auch aus lauter Nicht-Migranten, die nur gerade mal bockig sind – niemand weiß es. Der Aussagewert der Erhebung ist jedenfalls auch jenseits harter wissenschaftlicher Kriterien nahe Null. Eine genauere Erfassung aber verbieten Arbeitsrecht wie Datenschutz.

 

Ohne meine Daten sag' ich nichts

Den Mangel an wirklichem Wissen beklagt auch Susanne Keuchel vom Zentrum für Kulturforschung in Sankt Augustin. Die Soziologin arbeitet aktuell im Auftrag der Landesregierungen von Niedersachen und NRW an einem "Interkulturbarometer". Erstmals werden hier ein ländlicher Raum und ein urbanes Ballungszentrum hinsichtlich des Umfangs und der Struktur der Teilhabe von Migranten am kulturellen Leben erfasst und verglichen. Das sei schon schwer genug gewesen, sagt Keuchel, denn Kulturinstitutionen hätten oft Bedenken, bei Erhebungen im Publikum nach einem Migrationshintergrund zu fragen: "Die finden das diskriminierend"; wohlgemerkt nicht die untersuchten Besucher und Zuschauer, sondern die Kulturmanager – viele machten deshalb gar nicht erst mit. Und mit einem Vergleich der kulturellen Teilhabe von Zuwanderern in einzelnen Bundesländern oder gar unter EU-Mitgliedsstaaten kann Deutschlands profilierteste Forscherin auf diesem Gebiet erst recht nicht dienen. Einleuchtende Begründung: "Wenn es keine validen Daten gibt, kann man auch keine Aussagen treffen!"

Fotos: Peter Grabowski (2), MAIS/Ralph Sondermann, PIE, Atlas

So, 15.04.2012 0

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19.10.2011

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