MfG aus WRO

Glosse aus Breslau: Kulturelle Vielfalt oder Überangebot?

Interessant. Ich stolperte letztens in der Zeitung über eine Anzeige, die den/ das/ die 2. AFF bewarb. Nach kurzem Nachforschen stellte sich das AFF als AmericanFilmFestival dar.

Was für mich erstaunlich war, war nicht nur der Fakt, dass mittlerweile alles (wie überall im westlichen Europa und der Welt) abgekürzt wird – daran habe ich mich gewöhnt, nachdem im Sommer auch das Filmfestival ENH lief. Das steht für Era Nowe Horyzonty; ach so, die Telefongesellschaft wurde ja jetzt von T-Mobile gekauft, naja, ich bin gespannt, wie sie es in Zukunft abkürzen. Bekanntlich fand ja der ECC (European Congress of Culture) letzten Herbst in Breslau statt fand, in diesem Jahr steht die EURO(pameisterschaft) im Fußball hier ins Haus und wir steuern auf das Kulturhauptstadtjahr WRO2016 zu – obwohl man sich wohl hier nur der üblichen IATA-Abkürzung für Flughafencodes bedient hat.

Erstaunlich fand ich vielmehr die Zahl. Es wurde zum zweiten Festival geladen, was impliziert, dass es ja zumindest einmal erfolgreich gelaufen sein muss.

 

Irgendwann hat jedes Festival einmal begonnen

Mir stellt sich nur die Frage, ob sich alles gleich als Festival etablieren muss – nein, ob es sich vielleicht sogar nur dann etablieren kann. Natürlich müssen eine Stadt und ihre kulturellen Macher im Fluss bleiben, neue Trends entstehen und man kann auch schon mal einen solchen verschlafen und dann hinterherlaufen.

Und irgendwann hat jedes Festival einmal begonnen, so auch die bekannten Breslauer Veranstaltungen: Wratislavia Cantans 1966 oder das sogar noch zwei Jahre „ältere“ Festival „Jazz an der Oder“.

Andere Versuche sind jedoch auch gescheitert, denkt man gerade in der neueren Zeit an das „Stadtfestival“ WroclawNonStop, wobei sich hier die Frage stellt, ob sich nur nicht der Anspruch, alle Genres abzudecken und für jeden etwas anzubieten – sei es aus dem musikalischen Bereich, sei es etwas Künstlerisch-Gestalterisches in Form öffentlicher Installationen – nicht verwirklichen ließ.

 

Vielfalt oder Überangebot?

Wenn sich aber vielleicht für das eingangs beschriebene AFF die Möglichkeit bieten würde, Filme erst einmal innerhalb eines seit zehn Jahren renommierten Filmfestivals (Nowe Horyzonty) zu „testen“ bzw. das Programm zu präsentieren, würden sich die Menschen vielleicht etwas weniger im immer ausuferndem Angebot verlieren. Weniger Masse bedeutet doch nicht automatisch weniger Klasse. Ich sage das ganz bewusst vor dem Hintergrund, dass ich selbst drei Jahre lang an den „Deutschen Kinowochen“ mitgearbeitet habe, die zweimal im Jahr in Breslau an fünf Tagen jeweils einen Film zeigen, bereits viele Jahre lang. Keiner wollte bisher daraus ein Festival machen, was vielleicht auch gut ist, da somit die Stammzuschauer jährlich zu ihren Kinowochen kommen können, durchaus aber auch neue Gäste Jahr für Jahr dazukommen.

Alles ist eine Gratwanderung zwischen (gewünschter) Vielfalt und Überangebot. Niemand sagt, dass das AFF keinen Erfolg als Festival haben kann, allerdings steigt meiner Meinung nach das Risiko, dass sich die Leute im Überangebot nicht mehr zurechtfinden und dann eher nicht kommen. Wenn sie nicht bereits an den Abkürzungen verzweifeln.

 

Text: Markus Krusch

Do, 12.01.2012 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Über den Autor

29.11.2009

Letzte Kommentare des Autors

Das Schwarze Brett
vor 2 Jahre 6 Wochen
Untitled (Glade)
vor 2 Jahre 20 Wochen
vor 2 Jahre 36 Wochen

Thema

Stadt

Branche

Aktuelle Tweets

@guardianculture lists 5 #books to start with for reluctant male readers - http://t.co/e4khOcW85F #Literature
Pünktlich zu Ostern eröffnet im @dortmunder_u die neue Ausstellung "Urban Movement - Stadt in Szene" -http://t.co/hMNdVctpsy
Free scene reaches out to where municipal #culture planning often doesn’t get http://t.co/P6PZxwu7xX #ruhrgebiet
@CupsApp elates caffeine junkies in #NYC - http://t.co/ka08qY08Vu #coffee