Es tut sich etwas in der Nordstadt © Jens Kobler

Leerstand war gestern: Die Stadt Essen bringt Künstler in die Schützenbahn

Das Kulturbüro initiierte, der Kunsthaus e.V. organisiert. Hallo, Modellcharakter!

Direkt neben den einmal von der Initiative Freiraum besetzten Räumlichkeiten können ab sofort günstigste Flächen bezogen werden. Und nun sind alle gespannt auf die Reaktionen von der Presse, anderen Initiativen und anderen Kommunen. Ein Glücksfall? Nicht umsonst genug? Oder doch ein sozial ausgewogenes Modell, das übertragbar ist? Vielleicht sogar nicht nur auf Künstler in anderen Städten, sondern sogar auf andere Branchen? Ein Interview mit Uwe Schramm vom Kunsthaus e.V.

 

Schnell ging es, dass gleich mehrere hundert Quadratmeter an Künstler vermietet werden können. Und das zu Preisen im niedrigen einstelligen Bereich. Ausgangspunkt war – neben der voran gehenden Besetzung (s. u.a. hier und hier) – auch die allseits gelobte unbürokratische Arbeit des Essener Kulturbüros unter Leitung von Andreas Bomheuer. Das Kunsthaus ist einbezogen und man traf auf eine sehr kooperative Vermieterin, wie ich hörte. Wie hängt all das zusammen, was ergab sich wie?

 

Andreas Bomheuer plante, ein Stadtentwicklungskonzept für die Essener Nordstadt voranzutreiben. Es gab und gibt schon immer Initiativen, aber auch einzelne Künstler, die sich für Räumlichkeiten vor Ort interessiert haben. Im Kulturbüro wurde im Mai eine Arbeitsgruppe eingerichtet, zu der auch das Kunsthaus gehörte, und zwar aufgrund unserer langjährigen Erfahrung mit Künstlern und Ateliers. Dann begann die Konzeptentwicklung, und so gab es auch für uns genug Gestaltungsspielräume. Mitten im Sommer erreichte mich dann ein Anruf von Alfons Wafner, es gebe eine Immobilie für diesen Zweck. Daraus entstand dann ein 40-seitiges Papier. Und darin steht nach einer Analyse der schon vorhandenen Möglichkeiten in Essen eben nicht nur etwas von Räumlichkeiten für Künstler für deren kreative Arbeit, sondern auch Qualifizierungsmaßnahmen. Wir stellen von Seite des Kunsthauses nämlich immer wieder fest, dass es große Unkenntnis gibt über Dinge, die das eigene Metier betreffen. Das geht von Verwertungsrechten über die Mechanismen des Kunstmarktes bis hin zu Öffentlichkeitsarbeit und Werbung.

 

Dass in Essen Kunst und Wirtschaft zusammen gedacht werden, und zwar auch von der Pieke auf, das ist manchen immer noch neu. Verwundern könnte auch, dass es so gut und vor allem schnell mit dem Immobilienpartner geklappt hat.

Das ist ganz klar ein Punkt, der aber auch mit der Arbeitsweise des Kulturbüros zusammen hängt. Ich hatte in der ganzen Zeit nie das Gefühl, mit einer Verwaltung zusammen zu arbeiten. Alles war auf die jeweiligen Kompetenzen zugeschnitten und die Verwaltung selbst ist erst dann eingeschritten, wenn Türen geöffnet oder Möglichkeiten aufgezeigt und Kontakte hergestellt werden mussten. Als dann eine Vermieterin sagte, dass sie sehr gern auf zwei Etagen Künstlern die Möglichkeit zum Arbeiten geben möchte, da kam tatsächlich alles schnell und gut zusammen.

 

Nun gibt es vor Ort zum einen schon eine gewisse Infrastruktur. Und eine vom Kunsthaus eingesetzte Jury, die über die Vergabe entscheidet. Außerdem wird ja auch später noch einiges zu organisieren sein, ein Name muss vielleicht her, usw. Was kann man über den zu erwartenden Charakter des Hauses jetzt schon sagen?

In den ersten drei Wochen hatten wir bereits 50 Bewerbungen. Und das zeigt schon den Bedarf allein an Künstlern, die in Essen leben und arbeiten wollen. Weiterhin kann man sagen, dass ein Vormieter RTL war, es gibt also ehemalige Tonstudios, und ein weiterer Vormieter war ein Tanzlokal, es gab also auch schon Veranstaltungen dort. Die Ateliers werden nach interdisziplinären Kriterien verteilt, auch weil manche Räume zwar ohne Tageslicht aber hervorragend für Studios geeignet sind. Genauso kann man sich Fotographen vorstellen, aber auch natürlich Maler und bildende Künstler, und warum nicht auch einige Texter und Grafiker! Temporäre Galerien können sehr leicht neben den Ateliers entstehen, diese Räume könnten aber auch für andere Veranstaltungen genutzt werden. Allgemein kann man sagen, dass Kunst im öffentlichen Raum im urbanen Kontext entstehen soll, also auch nichts Ab- oder Eingeschlossenes. Im Gegenteil: Es soll in die Innenstadt hinein wirken und kann so zu einem Knotenpunkt für soziale und künstlerische Zusammenhänge werden. Insgesamt wird es in naher Zukunft um 1000 Quadratmeter gehen, und das hauptsächlich für kleinteilige Ateliers. Es zeichnet sich mitsamt der Nähe zu universitären Einrichtungen und anderen Knotenpunkten also tatsächlich ein Kreativquartier in der Essener Nordstadt ab. Die ersten Mieter ziehen noch 2011 ein.

 

Vielen Dank für das exklusive Gespräch!

 

Nachtrag:

Bei der Pressekonferenz zum Projekt am 8. Dezember 2011 wird noch deutlicher, dass eine kreative Verwaltung für solch ein besipielhaftes Projekt sinnvoll, aber nicht alleine Ausschlag gebend ist. Dietmar Düdden von der Essener Wirtschaftsförderung stellt fest, dass eine Aufwertung der Nordstadt, speziell in Bezug auf die Einzelhandels- und Immobilienentwicklung schon lange auf der Agenda steht. Willige Vermieter zu finden, die nicht ausschließlich ein kommerzielles (und kurzfristig denkendes) Interesse mitbringen, sind ebenso notwendig. "Es darf aber auch bei den Künstlern nicht nur um l'art pour l'art gehen". Uwe Schramm und Andreas Bomheuer betonen zudem, dass mehr als Kunstförderung die Existenzsicherung und Förderung von Künstlern Idee des Projektes ist. Dieter Gorny - denn auch ecce fördert dieses Projekt neben der Stadt Essen nicht nur finanziell - ist zudem an europaweitem Austausch gelegen. Plus: "Die EU-Gelder ab 2014 gehen genau in die Richtung der Förderung solcher Projekte." Eine Zukunfts orientierte und nicht nur lokal funktionierende Melange hat sich hier also gefunden, mit Ansprechpartnern für vierlei Belange. Einig sind sich alle: Das Unterfangen soll gelingen und damit zu ähnlichen Projekten ermuntern. In Richtung Kommunen wie Künstlerinitiativen wie Vermieter.

Do, 08.12.2011 2

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Kommentare

a)

Ist etwas verkürzt geschrieben, ja. Zitiert sehr indirekt den letzten Satz eines WAZ-Artikels vor ner Zeit zum Thema, in dem man sich irgendwie wunderte, dass Stadtkultur und so nicht mehr nur aus dem Kommunalbeutel bezahlt wird. Inhaltlich: Muss aber auch nicht immer sozialistischer Realismus dabei herauskommen.

1.

Kunst und Wirtschaft zusammen denken, heißt schon immer Kunstmarkt. http://www.labkultur.tv/blog/keine-raeume-fuer-freiraum2010-essen

Über den Autor

04.12.2009

Thema

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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