Kunst MIT Raum - Kunstmesse "Contemporary Art Ruhr"

Die C.A.R. ist eine Messe und es geht ums Verkaufen. Nur dass man diesen eher schnöden, zugleich völlig legitimen Aspekt der Kunst auf der C.A.R. nicht spürt. Was zum einen an der gelungenen Mischung aus künstlerischen Institutionen, Sonderschauen von Museen, Förderkünstlern und eher kleineren europäischen Galerien liegt - aber vor allem an den Räumlichkeiten auf der Zeche Zollverein.

Geldmaschine vs. Raumgewinn

Wo die großen Messen wie die Art Cologne oder Art Basel gigantische Geldmaschinen sind, wo die großen Sammler mit Limos von den handverlesenen dort vertretenen Galerien hofiert werden und auch die kleineren, unabhängigen Messen wie zum Beispiel der Berliner Preview ein großes Gewese um meist noch unbekannte Künstler in viel zu engen Räumen zu teilweise erstaunlichen Preisen gemacht wird, ist die C.A.R. anders: zum einen weitläufige Räume in der beeindruckenden Industrieruine Zollverein lassen der Kunst wirklich ihren Platz - viel Platz. Und die Kunst nimmt ihn sich und beide gewinnen.

Zum anderen hinterlassen Fotografie von Qualität und Vielfalt sowie ein wenig Video, Installation und Computerkunst nach zwei Stunden in Salzlager und Kokerei von Zollverein einen rundum gelungenen Eindruck. Die freundlich entspannten Gespräche mit Künstlern und Galeristen tun ihr Übriges - auch das etwas, das im „Buzz“ auf den Großmessen nicht stattfindet, dem marktschreierischen Getue und dem Schuhe/Anzug/Uhr-Scan der Galeristen dort, wo rein betriebswirtschaftlich solvente Käufer und Sammler vom unwichtigen Rest der Besucher getrennt werden. Die C.A.R. ist eher ein inspirierender Sonntagsspaziergang zwischen Kunst und mit Kunst.

Kunst im Bau

Manche Werke auf der C.A.R., vor allem die Videoprojektionen oder großformatige Fotografien in der Mischanlage der Kokerei mit den gigantischen Trichtern und Betonbunkern scheinen geradezu für diese Räumlichkeiten entworfen. Selten bespielen mehr als zwei Künstler einen der riesigen Räume - eine Präsentation, auf die so manche Konkurrenzmesse mit ihren kleinen, wackeligen Holzverschlägen in stickigen, gesichtslosen Messehallen neidisch sein dürfte. Sicher, in Berlin, Basel, Köln wird ein Vielfaches an Geld umgesetzt. Ein mir bekannter Galerist aus Berlin nannte die Galerien auf der C.A.R. "vielleicht ambitioniert", aber was den Markt angehe "nicht ernst zu nehmen". Reine Hobby-Galerien sind es nicht, jedoch in der Staffelung Etabliert, Aufstrebend, Unbekannt, vermutlich eher am unteren Rand zu finden. Der Dualismus der Kunstwelt: Museen (Gehaltvolles, Hype-Resistenz, Sammlungscharakter, Tiefe, dafür nicht nah genug an der Zeit) auf der einen und Messen (Geld machen, Trends machen, Namen machen, Jetztzeit) auf der anderen Seite. Die C.A.R. scheint in dieser Hinsicht ein Mischwesen, mit Luft nach Oben.

Trotzdem: was hier gezeigt wird, hat durchaus Klasse, muss sich nicht verstecken. Man hat bei kaum einem Werk das Gefühl, die beiden Veranstalter Silvia Sonnenschmidt und Thomas Volkmann hätten für ihre junge, längst nicht etablierte Messe nehmen müssen, was sie kriegen konnten. Fast möchte man der C.A.R wünschen, sie möge nicht allzu schnell wachsen, um sich diesen Charakter und die besondere Atmosphäre zu erhalten.

Verflechtung Markt und Kunst

Die Verflechtung von Markt und Kunst (eine Tatsache, die man nicht verurteilen kann, sich nur immer bewusst machen sollte auf so einer Show) und dazu DAS Thema in der Debatte um die Kulturhauptstadt, Stichwort Kreativwirtschaft, fällt auf der C.A.R. nur an zwei Stellen auf: Gleich im Eingangsbereich der Mischanlage wird der Besucher mit „kunstaffinen“ Produkten zum Beispiel von Apple oder dem Angebot eines Bilderrahmenbauers begrüßt; weiter oben bietet ein Unternehmen seine Dienste bei der virtuellen Raumpräsentation an. Geschenkt. Ebenso dass man dem Unternehmen Wormland, das wie inzwischen viele Marken und Konzerne ihre PR um eine Kunstsammlung erweitert hat, auf der Messe Raum gibt ihre Filialkunst - Tätowierungen oder nicht, klassische, uninteressante Magazinfotografie - zu zeigen. Eine Videoinstallation von tonictrix zum Thema Überwachung wirkt zu konzeptionell und konventionell.
Für die Messe vielleicht trotzdem eine Win-Win Situation, weil Wormland auch als Sponsor der C.A.R. auftritt.

Die jungen Feinen - Natur, Mensch und Raum

Denn es gibt viel Interessanteres als das zu entdecken, vor allem bei jenen Künstlern mit so genannten „Förderflächen“ - also junge Fotografen meist, die unabhängig von einer Galerie auf diese Weise einem interessierten Publikum vorgeführt werden sollen. Geld zu verdienen ist mit denen wieder nicht - allerdings nur von Bedeutung, wenn das ein Kriterum für Qualität wäre.

Herauszuheben wäre die mit den Elementen Wasser, Erde, Luft und ihren Strukturen arbeitenden Fotografien von Sabrina Neef, die als Dreiklang gehängt sind und der Gefahr bloßer Dekoration mit einer gewissen Spröde der Farben und den zurückhaltenden Formaten entgehen.

Gelungen auch die kleinformatigen (sonst viel größer gezogenen) „farbigen Schwarz/Weiß“ Aufnahmen Torben Hökes von Gegenständen und Orten. Die Objekte sind von unduchdringbarer Dunkelheit umgeben und verwirren in Reihen nebeneinander gehängt den Betrachter: eine Computerplatine sieht aus wie eine schimmernde Stadt aus dem Himmel betrachtet, ein Schacht in einem Schwimmbad wie die Tür in eine andere Dimension, überall bieten sich Anknüpfungspunkte für die eigene Fantasie.

Von großen Vorbildern wie Nan Goldin oder Wolfgang Tilmans inspiriert, die ästhetisch ähnliche Arbeiten gemacht haben, hat Florian Fischer eine Art Fotoreportage im Tropical Islands in Brandenburg geschossen, einer künstlichen Tropenwelt in einer ehemaligen Zeppelinhalle. Die Aufnahmen leben davon, dass man sie zunächst für Urlaubsfotos aus einem Club Med oder von Mallorca hält - inklusive Schnappschusscharakter, roter Augen usw.. Doch irgendwann quält einen die Frage, wer sind diese komischen Leute und was stimmt nicht mit ihnen und diesem Ort? Die Künstlichkeit der Natur und die eigentümliche Schäbigkeit der Räume passt erschreckend gut zu den intim wirkenden Szenen und den unförmigen Leibern.

Beton auf Beton und Formen im Raum

Lyrisch verspielt ist dagegen die Videoarbeit in einem der Betontrichter von Nikola Dicke, die Lichtskizzen von Vögeln ins Treppenhaus projeziert - eine schöne Einstimmung auf die folgenden Räume, in denen zum Beispiel die Arbeit von Adrian Lehman wie gemacht für die Industrieruine Zollverein erscheint: Die Arbeit mit dem Titel Babylon Continuum zeigt gleichzeitig vier Projektionen von Wohnsilos und städtischen Betonlandschaften ohne Menschen. Beton auf Beton projiziert, der Zechenbunker als Leinwand und gesichtslose Wohnbunker in stiller Abfolge auf den Bildern - eine tolle Dopplung, in der man spürt, wie das Menschengeschaffene ihn selbst zugrunde zu richten in der Lage ist.

Mit Geometrie von Räumen und den Perspektiven der Fotografie wie der Malerei spielen die Arbeiten einer Künstlerkooperation: der Maler Oster und der Fotograf Koezle bewegen sich zwischen den Gattungen, indem sie riesige, meist monochrome Bilder in leeren Farbrikräumen oder Lagerhallen installieren und dabei die Fluchtpunktperspektive des Raums brechen und ebenso nicht klar wird, ob die roten und schwarzen geometrischen Formen tatsächlich in diesem Raum standen oder die Fotos nachträglich bemalt wurden. Die beiden nehmen am Computer nachträglich noch Korrekturen vor, so dass, wie die Künstler es sagen, sich ihre Arbeiten „vom Abbild zum Bild“ verändern. Der alte Streit zwischen Fotografie und Malerei - hier hat er zu einer großartigen Fusion geführt, ohne dass das eine oder andere dominiert.

Robert Frank in Bunt sowie kubanisch Düsteres

Malerei und Fotografie treffen sich auch bei Igor Tishin, der in Robert Frank Tradition seine Fotos nachträglich bemalt hat. Tishin malt mit grobem Pinsel Figuren in Aufnahmen von Ruinen und leeren Schuppen, dann blühen in verlassenen Häusern gigantische Blumen, eine Frau scheint über den Trümmern zu schweben oder zu stürzen. Die Bilder vereinen auf eigentümliche Weise zugleich Humor und Tragik, Zerstörung und Verlassenheit mit etwas Lebendigem, sind im besten Sinne metaphysisch.

Ein Schwerpunkt dieser C.A.R. lag auf Fotografie aus Kuba. Die Arbeiten von Liudmilla & Nelson sind Fotomontagen, die unser Klischeebild von Kuba mit der optischen Wirklichkeit von Heute vermischen, die alten Autos mit funktionalen Gebäuden der Neuzeit. Ein wenig zu naheliegend, aber nicht uninteressant.
Düster, verrätselt und so gar kein Havana-Club-Strand-Feeling kam bei den großartigen Fotos von René Peña auf, der seine Portraits inszeniert wie Geisterbilder oder Albtraumszenen. Im Dunkel sich verlierende Körper mit eigenartigem Kopfschmuck, Szenen wie aus einem David Lynch Film - nur ohne Blondinen. Beeindruckend.

Kunst oder Kommerz?

Nach der Ausstellung schlenderten wir noch entlang anderer Kunstwerke: Ruhrgebietsmäßig solchen aus Stahl! Auf der Zeche Zollverein fand nämlich ein Oldtimer Treffen statt. Und so ließ sich bei der Betrachtung amerikanischer Straßenkreuzer und 70er Jahre BMWs nochmals über die Frage sinnieren, wann ein kommerzielles Produkt zum Kunstwerk wird (Duchamp! Warhol!) oder wo sich Gestaltung und Markt treffen und wie sich das von Kunst unterscheidet. Und ob.

Der C.A.R. jedenfalls herzlichen Glückwunsch zum fünften Geburtstag. Man darf gespannt sein, was der zweite Teil der Messe, die Messe für zeitgenössische Kunst im Oktober anbieten wird.
Die Frage, ob das Ruhrgebiet eine eigene Messe angesichts der bereits um Sammler und um Aufmerksamkeit buhlenden Messen in Köln und Berlin und Basel braucht, bleibt unbeantwortet. Dass zahlungskräftige Sammler, die das Überleben von Galerien sichern und tatsächlich den Markt steuern, in Essen vorbeikommen, ist unwahrscheinlich. Doch als Mischwesen von Ausstellung und Messe könnte die C.A.R. Kunst für eine andere Klientel "kaufbar" machen (Beispiel Lumas)oder einfach dem an qualitativ anspruchsvollen temporären Ausstellungshallen armen Ruhrgebiet zwei Mal im Jahr eine solche geben.

alle Fotos C. Westheide

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Mi, 07.07.2010 1

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Kommentare

Schade... ich war nicht da!

Nach diesem großartigen Artikel ärger ich mich noch mehr, dass ich es nicht geschafft habe!

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25.03.2010

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Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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