Kreative Wertschöpfer gesucht - Wieviel Wirtschaft verträgt Kreativität?

Seit einiger Zeit gibt es die Initiative des Bundes, die Kreativwirtschaft zu fördern, die "maßgeblich zur Bruttowertschöpfung in Deutschland beitragen soll". RUHR.2010 habe als erste Kulturhauptstadt Europas das Thema Kreativwirtschaft ins Gesamtkonzept, gleichberechtigt etwa mit den schönen Künsten, integriert. So weit so virtuell.

Workshops ohne Wolldecken

Es werden Workshops eingerichtet, zum Beispiel im Museum Folkwang in Essen. Der "Marktplatz Kultur- und Kreativwirtschaft - Netzwerker.Treffen in NRW". Es wird geredet über die Chancen, über den Stellenwert der Kreativen. Bernd Neumann, der Beauftragte für Kultur der Bundesregierung, Christa Thoben, Ministerin für Wirtschaft in NRW und naturgemäß auch Dieter Gorny, alle betonen wie zukunftsträchtig dieser Wirtschaftszweig sei.

Kompetenzzentren

Die Beauftragten für die Bundesländer sind bereits im Einsatz. In Nordrhein-Westfalen ist es Christoph Schreckenberg aus Bielefeld, der seinen mobilen Sitz in Bochum hat und beraten soll. Ein schöner Job, wenn man den Leuten helfen kann, ein Scheißjob, wenn man ihnen nicht helfen kann. Es heißt "Kompetenzzentrum" und erwartet werden wohl eher nicht inkompetente Kleinkünstler, die sich auf eigene Füße stellen wollen, um Wert zu schöpfen. Wer kommt also zu solchen Beratungsgesprächen? Studenten, die Millionär werden wollen mit kreativen Ideen im Bereich Marketing?

Wertschöpfende Straßenfeste

Christoph Schreckenberg sagt, es sei eine große Chance, die Player zusammenzubringen, die ein Produkt - sei es ein werbewirksames Straßenfest oder ein Großevent - gemeinsam vermarkten könnten, also Mananger und Organisatoren. Er sei gespannt, wie sich die Sache entwickeln würde und er werde sich jetzt deutlich sichtbar in der Szene aufhalten, die Leute ansprechen, die ihr Potential noch nicht ausgeschöpft hätten.

Feine Künste

Die fine arts, also die bildende Kunst steht auch auf der Liste der Kreativen. Sie müssen eben ihr Kunstwerk besser verkaufen lernen oder sollen sie nach Auftrag arbeiten und sich ihrer eigenen Schöpfungskräfte entledigen? Die Ökonomisierung greift längst in die Künste ein. Es muss rentabel sein, besonders für die Kreativen, die es schaffen, eben einen feinen Künstler zu vermarkten, wenn er das nicht selbst kann. Die Selbstdarsteller sind weniger geworden. Jonathan Meese kann alles verkaufen. Gehört er zur Kreativwirtschaft? Wohl eher zu den Scharlatanen, zu den wunderbaren.

Darstellende Opfer

Die darstellende Kunst und die, die die Vorlagen für die Darstellung entwickeln, sind offenbar nicht in die Kreativwirtschaft einzuordenen. Womit sollen sie Profit machen außerhalb von Dinner-Theater und Ähnlichem? Es herrscht Ratlosigkeit bei der Frage nach der darstellenden Kunst. Allenfalls könnten Allianzen gefunden werden, um eben die Tanz- und Theaterkunst zu befördern, nicht um sie profitabel zu machen, denn das wäre sicher der Tod der Kreativität. Der ökonomische Weltwandel hat längst schleichend auch in diesen Bereich eingegriffen, indem die Geldgeber, selbst die öffentlichen, in erster Linie darauf achten, ob sich dieses oder jenes Projekt auch lohnt. Damit meinen sie nicht das Künstlerische, sondern es geht um Quoten, um Zuschauerzahlen und Überschüsse.

Homo creativus

Die angebotenen Workshops der Bundes-Kreativwirtschaft klingen genauso wie Kurse an der VHS, bei der IHK oder sonstwo. Da sollte die Kreativität als erstes Raum greifen. Anträge stellen erfordert zwar große Kreativität, ist aber alles andere als ein innovatives Workshopthema. "Wie mache ich mich selbstständig?" gehört auch zum Repertoire jeder Arbeitsagentur. Und da sitzen dann oft auch überwiegend sogenannte Kreative, die sich dann mit einem Fingernagelstudio, Tattooläden oder als Fotografen und Werbedesigner niederlassen und scheitern. Aber - wie gesagt - es ist der Anfang der großen Anerkennung dieser Spezies Mensch: Der homo creativus.

Foto: Zeppelin

Do, 29.04.2010 0

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03.03.2010

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Der Jesus von Rotthausen
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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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