Kay in der Kiste: "Waisen" im Theater Dortmund

Über den Fremden in uns

Theater Dortmund: Die ungeheuer intensive Inszenierung „Waisen“ wird auch in dieser Spielzeit noch einige Male zu sehen sein. Nach den gefeierten Aufführungen im leer stehenden ehemaligen Museum am Ostwall ist der Schauplatz mittlerweile das Harenberg City Center (HCC) am Hauptbahnhof. Ursprünglich sollte Dennis Kellys Erfolgsstück über die Angst vor dem Fremden nur bis Mitte Juli 2011 laufen. – Vor den nächsten Vorstellungen (Termine siehe unten) bringen wir hier noch einmal den Text zur Premiere am 20. Mai 2011.


Kay Voges & Ensemble bei der Spielzeiteröffnung
Kay Voges und sein Ensemble bei der Spielzeiteröffnung (c) Birgit Hupfeld
Das Theater unter dem neuen Schauspieldirektor Kay Voges hat Dortmund in seiner ersten Spielzeit gut getan. Es hat sich eingemischt, es ist angeeckt, es hat Stellung bezogen. Voges ist überraschende, nahe liegende und kluge Kooperationen mit anderen Playern der Stadt eingegangen, und er hat das Theater wieder zum Ort der Begegnung gemacht: „Das Theater ist weder Festung noch Tempel der Kunst, sondern ein sozialer Raum für die Bürger der Stadt.

Wo die Stadt nicht zum Theater kommt, muss das Theater zur Stadt kommen“, sagt er. Ob mit der freien Kulturszene oder mit der Obdachlosenzeitung bodo, ob künftig mit dem HMKV und dem Kino im Dortmunder U – die Vernetzung oder Verknüpfung mit den Wortführern einer unbelasteten, frischen, nicht erstarrten Dortmunder Kultur tut Not.
 

Draußen lauert die Gefahr – oder?


Vielleicht ist Dennis Kellys Stück „Waisen“, das gerade überall – u.a. auch in Oberhausen – rauf und runter gespielt wird (deutsche Uraufführung: Oktober 2010 in Basel) am besten geeignet, die Großthemen der erfolgreichen ersten Spielzeit unter Kay Voges zu bündeln. Es ist ein klaustrophobisches Stück über die Fragen, die das Theater heute stellen sollte: Drinnen und Draußen, Wir und Sie, Teilhabe oder Ausschluss. Die Story: Ein junges Paar sitzt beim Essen in seiner Wohnküche, als der Bruder der jungen Frau blutüberströmt hereingestürzt kommt. Er habe einem Überfallenen geholfen, „da draußen“, wo die Stadt dem Bürger gefährlich scheint. Regisseur Voges lässt den Überfall in der Dortmunder „Brückstraße“ stattfinden, wo es dem Bewohner der sauberen Vororte ja auch nicht geheuer ist.

Premierenapplaus
Den "Waisen" so nah: Premiere in Dortmund (c) Peter Erik Hillenbach
Folgerichtig tut Voges zweierlei: Er holt die Stadt ins Theater, und zwar laut, grell und störend. Der Erwartungshaltung des Publikums – Kunstgenuss nach Feierabend – begegnet er mit Videoinstallationen (Daniel Hengst), die exakt jene Dortmunder Straßenszenen und –sounds (Paul Wallfisch) ins Haus tragen, die man doch gerade hinter sich lassen wollte. Und: Voges inszeniert das Stück in einer großen geschlossenen Holzbox, die mitten im ehemaligen Museum steht (Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch).

82 Zuschauer finden darin Platz, die von allen vier Seiten unmittelbar in die Wohnküche des jungen Paares sehen können. Das ist filmisch; man wird zum Voyeur, der beim Nachbarn durchs Schlüsselloch sieht. Und man sitzt verdammt nah dran und drum herum, ohne Abstand zu den Schauspielern. Es ist diesen nicht mehr möglich, sich hinter Posen, Pathos und Kostümen zu verstecken; ihr Auftritt erfordert präzises, konkretes Denken und Sprechen. Die Schauspieler sind so „nackt“, dass man in ihren Augen den Moment des Siegens oder des Scheiterns ablesen kann.
 

Melanie Lüninghöner und Christoph Jöde
Helen und ihr Bruder Liam (Melanie Lüninghöner & Christoph Jöde) (c) Birgit Hupfeld
Entropisches Kammerspiel – es wird heiß


Die Geschichte des jungen Mannes bekommt nach und nach Risse, aus dem Verfolgten wird ein Verfolger, aus dem vermeintlichen Opfer der Täter. Bürgerliche Ängste vor dem Fremden, Fragen von Zusammengehörigkeit, Familienbindung und Familienbildung (die junge Frau ist schwanger), moralische und emotionale Erpressungsversuche – dargeboten in einem entropischen Kammerspiel, in dem die drei Akteure (Melanie Lüninghöner als Helen, Frank Genser als Danny und Christoph Jöde als gefallener Bruder Liam) brillieren dürfen. Und es wird heiß in der Kiste!

„Waisen“ ist ein Mikrokosmos, der ein großes gesellschaftliches Thema erzählt. Es geht um Xenophobie, um Fremdenfeindlichkeit. „Wir trauen uns nicht mehr auf die Straße!“ Es geht um die Angst vor „den“ Asiaten, vor Schlägereien, vor den Anderen. Unsere Paranoia wird immer größer. Das führt zu zwei Fragen. Erstens: Wo steckt das gefürchtete Monster? Antwort: Es sitzt am eigenen Küchentisch. Und zweitens: Für wen bin ich verantwortlich, wenn ich meine Zuwendung und Nächstenliebe in konzentrischen Kreisen von „blutsverwandt“ über „befreundet“ bis „fremd“ staffele? Was mache ich mit dem blutenden Mann auf der Brückstraße? Nach welchen moralischen Richtlinien handele ich? Und wenn ich helfe – bei der Premiere von „Waisen“ am 20 Mai waren Tunesien und Lampedusa gerade Thema – werden mir womöglich die Hilfsbedürftigen zur Last, zur Gefahr?

Es ist gut, dass man dieses Stück auf dem Spielplan gelassen hat...


Die Inszenierung von Schauspieldirektor Kay Voges läuft im Harenberg City Center (Königswall) und war ursprünglich nur für die Spielzeit 2010/11 geplant. Die kommenden Termine: 1. und 20. Mai 2012, 16. und 24. Juni. Karten unter Tel. 0231/50-27 222 und www.theaterdo.de
 

Fotos: Birgit Hupfeld (3)
Peter Erik Hillenbach (Premiere)

 
Di, 01.05.2012 1

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Kommentare

jaloucity

...schon die erste Geste, als die Schauspieler die Jalousien hoch ziehen, damit wir gucken können durch die Sichtschlitze und dann die Leinen der Jalousien auf "unsere" Seite hängen, macht klar: wir haben die Wahl: Hinsehen oder Schotten dicht machen. Ein Erlebnis diese drei Schauspieler, zu Tränen rührend, empördend, wild, grotesk und brutal, beängstigend. Man kann gar nicht sagen, wer der Drei am meisten hervorsticht,, denn wie vom Stück geboten, verweben die sich dermaßen ineinander, reagieren, agieren, manipulieren und werden manipuliert, dass es kein ICH mehr gibt. Groß Groß Groß!!!

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13.12.2009

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