Eigentumsansprüche im All, 1969 / public domain

Interkultur: Wechselwirkungen sind die neuen Substanzen

Die Tagung „Interkultur in Theorie und Praxis“ am Essener KWI

Die „Multikultur“ betont(e) die Differenzen zwischen kulturellen Substanzen, der Interkultur geht es vor allem um Prozesse und Interaktion. Das Kulturwissenschaftliche Institut in Essen versuchte an zwei Tagen eine Begriffsschärfung, um lokalen wie globalen interkulturellen Austauschprozessen besser gerecht werden zu können.

 

Zur Geschichte interkultureller Prozesse

 

Mit dem schönen Bild von „Moorwegen zwischen Hüben und Drüben“ illustriert Dr. Klaus E. Müller, wie schon im Jungpaläolithikum dörfliche Gemeinden mit ihren Unterschieden umgingen: Wollte man sich in fremdes Territorium begeben, durchlief man zunächst Riten, um sich für die Begegnung mit dem Fremden zu wappnen. Das „Andere“ war absolut, Neues wurde in den Gemeinschaften nicht anerkannt, sondern höchstens per Deklaration zum „Eigenen“ erklärt, wenn es denn Teil der eigenen Gesellschaft geworden war. Identität stifteten ausschließlich die eigenen Ahnen – und längst nicht etwa die Idee eines gemeinsamen Planeten oder gar gemeinsamer Rechte (und Pflichten). Bald aber entstanden „Zonen kultureller Ambivalenz“, so Müller. Tagelöhner, Sklaven, Gelehrte, Herrscherfamilien, Kaufleute, Missionare und Bedienstete bildeten eine bislang unbekannte Gruppe mit der Funktion von gatekeepern und Mediatoren, von Vermittlern zwischen den Kulturen. So konnten sich bald Ideen wie „Alle sind gleich unter Gott, auch die Barbaren“ (z.B. die Stoiker, eine Grundidee aller Gemeinschaften erkennend) und mit den Digesten von Justinian I. eine Art Vorstufe der Menschenrechte herausbilden – auch wenn es hierbei eher um Integration ins Römische Reich als die Anerkennung des „Anderen“ ging. Selbst und gerade im mongolischen Reich war beizeiten der Handel als konstituierendes Element so wichtig, „dass eine Jungfrau mit einem Stück Gold auf dem Kopf ganz allein unbehelligt durch das ganze Reich ziehen konnte.“ Um es abzukürzen: Mit dem Güterhandel wurde es insgesamt nicht weniger, schließlich redete man gar von „Globalisierung“. Müller positioniert sich am Ende seines Vortrags gegen die postmodernen Theoretiker, die „immer nur auf den beschossenen Mantel eines Sinn stiftenden Kerns blicken“, also einer kulturellen Homogenisierung durch westlich-individualistisch-technophile Massenkultur (aus eigener Erfahrung) zu viel zutrauen. Die sogenannte „Kreolisierung“ und Hybridisierungen seien eher die Regel.

Prof. em. Dr. Hans-Georg Soeffner, neben Dr. Thea D. Boldt Leiter der Veranstaltung, sieht in diesen Ausführungen noch zu stark eine Betonung einer eigentlichen Substanz von Kulturen. Er attestiert zwar der spezifisch deutschen Geschichte kulturübergreifender Theorien eine Fixierung auf Probleme von Sprachen und Übersetzungen (à la „kann man die Sprache, kennt man die Kultur“), widerspricht aber ebenso deutlich der Ansicht eines japanischen Kollegen und seiner Sichtweise „Sprache ist übersetzbar, Kultur nicht.“ Stattdessen betont Soeffner das Prozesshafte in der Interaktion zwischen Kulturen wie innerhalb von Kulturen selbst. Durch mehr Miteinander ergibt sich – hier mit Müller d’accord  – mehr Gemeinsamkeit. Dies müsse eben nicht zu „Differenzvernichtung“ führen und „Leitkulturfragen“ hervorheben. Soeffner selbst bringt diese Sichtweise sogar zu der Erkenntnis, die Theorie des Eurozentrismus fuße in einer christlichen Schuldorientiertheit. Spannende Thesen also von zwei Herren in den Siebzigern.

 

 

Kultur der Kooperation statt Kampf um den Nordpol

 

Kulturkampf? Fragen globaler Diskurshoheit? Wie weit das KWI mittlerweile in weltweiten Diplomatie-Sphären unterwegs ist, das zeigt Prof. Claus Leggewie: Anknüpfend an eine aus uraltem Seerecht stammende Idee vom Meer und vielleicht auch den Polen als „Erbe der Menschheit“ versucht er sich zusammen mit anderen Gelehrten an Wegen, die „Eigentumsfrage“ des Nordpols zu lösen. Muss sich hier für die USA, Russland und Skandinavien mittelfristig eine prekäre Konfliktzone ergeben? Oder findet man zu einem gemeinsamen Nenner, der jenseits von Gebiets- und Rohstofflogik funktioniert? Leggewie ist der Überzeugung, dass seitdem die USA nicht mehr die Rolle eines Hegemon (o.a. „Weltpolizei“) spielt, natürlich mehr „Anarchie“ herrscht. Wie nun konstruktiv umgehen mit dieser Situation? Leggewie sieht „unterschiedliche Rationalitäten“ am Werk, die am besten 1:1 zwischen je zwei Interessensgruppen ausgehandelt werden sollten. Direkte Kooperationen zwischen zwei Parteien, gegebenenfalls gedeckt durch die Sanktionsgewalt einer dritten Kraft, führen zu Annäherung und Erkenntnisgewinnen sowie für jede Partei zu langfristigem internationalen Reputationsgewinn, selbst wenn kurzfristig Zugeständnisse gemacht werden müssen. Ein klar handlungstheoretischer Ansatz, der auf Prozesse setzt und kulturelle Eigenheiten nicht negiert, aber eben auch nicht per se als Hindernis setzt. Positiv betrachtet, laut Leggewie: „Sind fremde Kulturen also Quelle der Bereicherung, oder begegnen sie sich wie Hund und Katz? Wer will es so sehen – und wer unterstellt das genaue Gegenteil, eine humane Disposition zur Empathie?“

 

Die „Kultur der Kooperation“ steht im Zentrum von Leggewies Überlegungen, also die Betonung dessen, „was an Kooperation Kultur ist“. Dies gilt nicht nur für staatliche und ökonomische Kräfte, sondern ebenso für NGOs und andere interkulturelle Projekte. Vereinfacht dargestellt: Je mehr Austausch und kontinuierliche Kooperation stattfindet, desto weniger braucht es eine gemeinsame Ideologie, eine „Weltpolizei“ oder gar einen Angriff aus dem All oder ähnliche Apokalyptik, um all die verschiedenen Menschengruppierungen zumindest großteils unter einen Hut zu bekommen. Dann darf auch die eine Gruppe „Hut“, die andere „Menschenrechte“ oder „Dach der UNO“ und die nächste „Gott“ dazu sagen. Ist das neu? Bringt man diesen Ansatz zurück von Fragen weltpolitischer Relevanz zum alltäglichen Miteinander, bleibt festzuhalten: Differenzen nicht überbetonen, kontinuierlich kooperieren, bei allem Repräsentationsdrang empathiefähig bleiben. Regeln, gegen die die Hype- und Skandalindustrie mittlerweile millisekündlich verstößt. Aber dann muss man auch an diese vielleicht umso kreolischer herangehen. Oder japanischer, indischer, islamischer,… Interkulturelle Kompetenz nämlich ist heutzutage wichtiger denn je, Isolationismus und Monokultur führen mehr denn je nur auf die finsteren Pfade.

 

Buchtipp zum Neudenken von Territorialansprüchen und anderen:

Silke Helfrich und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.)
COMMONS - Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat
April 2012, 524 S., kart., 24,80 Euro
ISBN 978-3-8376-2036-8
Transcript Verlag Bielefeld
Download des Buches auf www.boell.de/commons

 

"Kultur der Kooperation" - Symposium im Rahmen der Ruhrtriennale:

22. bis 24.08.2012, Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle Bochum

 

Großes Bild: Apollo 15 auf dem Mond.

Diese Datei ist gemeinfrei (public domain), da sie von der NASA erstellt worden ist. Die NASA-Urheberrechtsrichtlinie besagt, dass „NASA-Material nicht durch Urheberrecht geschützt ist, wenn es nicht anders angegeben ist“. (NASA-Urheberrechtsrichtlinie-Seite oder JPL Image Use Policy).

 

Schwarzweiß-Bild: Treffen von Siedlern und Maori bei "Hawke's Bay", Neuseeland.

Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Dies gilt für die Europäische Union, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.

 

Unteres Bild: Treffen am Atom-Eiskreuzer "Sibir" nahe des Nordpols.

w:de:Creative Commons
Namensnennung Weitergabe unter gleichen Bedingungen
Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert. 
Namensnennung: RIA Novosti archive, image #505370 / V. Chistiakov / CC-BY-SA 3.0
 

 

Fr, 27.04.2012 0

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04.12.2009

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