
Harald Welzer- "Subvention hemmt Innovation"
Die "Ungleichzeitigkeit und Unörtlichkeit des Potts"
Bei der Tagung "New Relations in Art & Society", die im Rahmen der Ausstellung "100 Lichter, 100 Gesichter" in der Kunstsammlung der Ruhr Uni Bochum stattfand, sprach der Soziologe und Sozialpsychologe Prof. Dr. Harald Welzer in einem Vortrag über die "Ungleichzeitigkeit und Unörtlichkeit des Potts". Eine seiner zentralen Thesen ist, dass in der Region nach dem wirtschaftlichen Strukturwandel ein Wandel der "mentalen Infrastruktur" fehlt. Diese "Neuerzählung der eigenen Geschichte", die sich an realen Gegebenheiten orientieren muss, sei unabdingbar für eine der Gegenwart entsprechenden Identität der Region und ihrer Bewohner. Momentan, so Welzer im Vortrag, stecke man im Ruhrpott mental noch in der industriellen Vergangenheit fest.
Herr Welzer, in ihrem Vortrag bezweifelten Sie, dass die Kulturhauptstadt Ausgangspunkte für die „Neuerzählung der Geschichte“, wie Sie sie fordern, gebracht hat. Die freie Szene steht der alten Ruhrpott-Folklore aber auch eher kritisch gegenüber – warum schafft diese Gruppe es nicht, den gesellschaftlichen Diskurs relevant zu beeinflussen?
Harald Welzer: "Ich glaube, dass die Gruppe zu klein ist und dass sie sich in den Nischen und Segmenten aufhält, die ohnehin für sie vorgesehen sind und in denen sie Kritik äußern kann, ohne zu stören – das gilt übrigens nicht nur für das Ruhrgebiet sondern gesellschaftsweit. Ich sehe die kritische Masse nicht."
Ist das Fehlen der kritischen Masse der einzige Grund dafür, dass sich in dem Bereich keine Dynamik entwickelt?
"Das könnte auch etwas damit zu tun haben, dass die akademische Kultur hier nicht sehr in die Lebenswelten hinein diffundiert. Sie hat eher einen Appendix-Charakter, sowohl im Bezug auf die räumliche Situierung der Unis, als auch auf die öffentliche Präsenz von Professorinnen und Professoren. Das, was es in dieser Region an kritischer Initiative gibt, hat keine Spiegelung in den hiesigen Eliten. Veränderungsprozesse sind aber dann leichter, wenn sie von etablierten Eliten gespiegelt und aufgenommen werden. In der gesellschaftlichen Mitte fängt die Sache schon an zu erodieren und sich auszudünnen."
Sie sagten im Vortrag auch, dass es schwierig sei, die Kreativität als Ausgangspunkt für eine Neuerfindung zu bemühen, weil sie hier gar keine Basis habe. Aber ist es nicht so, dass Kultur und Kreativität etwas generell Großstädtisches sind und dass man deswegen versucht, sie hier im Ruhrgebiet auch zu implementieren?
"So etwas kann man nicht künstlich implementieren, das ist der Irrtum. Es ist sehr schwierig, sich vorzustellen, wie Transformation intentional stattfinden soll. Auch die erste Industrialisierung ist ja nicht so verlaufen, dass jemand sich hingesetzt und einen Masterplan gemacht hat. Die Schwerpunkte, sei es in der Produktion oder der Kultur, die sich in einer bestimmten Region herausbilden, hängen vielmehr von den geografischen Bedingungen, von Religion oder der Einführung von Bildungssystemen zu bestimmten Zeitpunkten ab. Der Versuch, das zu steuern, drückt aber das große Vakuum aus, das durch die vorherrschende Nicht-Identität bezeichnet ist." 
Wie meinen Sie das?
"Also wenn ich nicht weiß, wer ich bin, gleichzeitig aber weiß, dass es so nicht weitergeht, dann beginne ich zu suchen, was als Ausgangspunkt einer neuen Identität geeignet sein könnte. Ein gutes Beispiel dafür ist das Stadtmarketing, wo ganz oft Dinge erfunden werden, die mit der Stadt nicht das Geringste zu tun haben. Wenn man das analysieren würde, würde man schnell merken, dass nur ein solches Stadtmarketing funktioniert, das in der Tat auch irgendeinen empirischen Anknüpfungspunkt hat – weil nur dann die Leute etwas damit anfangen können und man es substantiieren kann. Alles andere bleibt reine Behauptung. Deshalb funktioniert das mit der Kreativität nicht."
Wie kommt man aus dieser Falle raus?
"Die Arbeiterkultur selbst hat doch Bestandteile, an die man anknüpfen könnte. Daraus könnte etwa ein Selbstbewusstsein des Produzenten entstehen, eine bestimmte Erdung in dem, was tatsächlich hergestellt wird und gesellschaftlichen Wohlstand produziert. Ich glaube, Transformation kann man nur leisten, wenn man sie andockt an gegebene Bestandteile, die man dann produktiv nutzt und sie umformatiert, etwa von „fossil“ zu „postfossil“."
Ist das große Problem nicht eher das fehlende Selbstbewusstsein der Region, gerade im Vergleich mit Nachbarn wie Düsseldorf oder Köln?
"Ich glaube, das ist produziert. Ich hatte im Vortrag ja auf den gescheiterten Strukturwandel hingewiesen und eigentlich, wenn man es zynisch formuliert, passiert ja hier in der Region etwas ähnliches, das auch gelegentlich mit Hartz IV-Familien passiert: dass man Subventionen für einen normalen Lebenszustand hält. Der setzt aber nicht Kreativität und die Suche nach einer Neuerfindung seiner selbst frei, sondern nur den Wunsch, sich in Verhältnissen einzurichten, die von woanders her bereit gestellt werden. Subvention in diesem großen Stil ist eigentlich Verhinderung von Innovation."
Den kulturellen Innovatoren wird es hier mitunter sehr schwer gemacht, weil man ihnen oft nicht nur keine Freiräume gibt, sondern darüber hinaus gegen Kultur aus individueller Initiative vorgeht und sie aktiv verhindert …
"Diesem Befund würde ich zustimmen. Zumal die Mittel, die dann in die Event- und Hochkultur gesteckt werden, für lebendige Kultur- und Veränderungsprojekte nicht zur Verfügung stehen. Prestigeprojekte wie Ruhrtriennale, Kulturhauptstadt etc. bedürfen eines wahnsinnigen Aufwands an Mitteln, funktionieren dabei aber selber eigentlich überhaupt nicht als Motoren der Veränderung. Sie stellen quasi eine Benutzeroberfläche des Marketings dar und bedienen eine bestimmte Klientel, aber sie sind nicht die Trägermasse eines lebendigen gesellschaftlichen Prozesses."
Wie ist denn Ihre Prognose für die Region?
"Ganz schlecht. Das, was man hier im Ruhrgebiet sehen kann, bildet aber im Grunde nur in großer Klarheit ab, was das Problem der Bundesrepublik, vielleicht der westlichen Gesellschaften insgesamt ist: sie haben nicht verstanden, dass sie nicht mehr das sind, was sie zu sein glauben. Das bündelt sich in dieser Region sehr stark – eigentlich ein Argument dafür, dass man daraus etwas machen könnte."
Also ist die Entwicklung hier ein Hinweis auf eine viel größer dimensionierte gesellschaftliche Identitätskrise?
"In gewisser Weise ist das Selbstbild der wirtschaftlich prosperierenden, durch Facharbeiter und Ingenieure geprägten industriellen Techno-Gesellschaft, die Wohlstand für alle bereit stellt, historisch überholt. Das können andere inzwischen besser. Das einzige, wovon dieses Selbstbild noch zehrt – und da sind wir wieder bei der Subvention – sind ein gesellschaftlicher Reichtum und eine Menge an Infrastrukturen, mit denen man über das Verfallsdatum hinaus noch scheinbar gut existieren kann. Aber mittlerweile wird, wie wir alle wissen, dieses subventionierte Fortbestehen nur noch über Kredite finanziert und ist nicht mehr selber erarbeitet. In dieser Hinsicht ist die Region hier wie ein Brennglas, das offenbart, was anderen noch nicht so deutlich ist".
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Wenn man sich auch der komplizierten Sprache bedient, die Wissenschaftlern nun mal zu eigen ist, zeigt dies unsere Fähigkeiten, sich blitzschnell anzupassen. Welzer liegt ja richtig, aber dennoch ist der Denkacker ein wirtschaftlicher, von mir aus auch volkswirtschaftlicher. Stop. Nicht so weiter.....
Alle Warnungen bleiben seit Jahrzehnten ungehört, weil sie den Faktor "eigennützige Politik" nicht mitdenken dürfen. Die Provinz will nicht, dass man einen Königsweg geht. Schon wieder Geschwafel...
Die "Gesellschaft" ist längst hilflos. Da Diffuse führt in Stillstand und helfen auch keine Gebäude und erst recht nicht Inszenierungs-Ideen, die dem Mainstream auf dem Schoß sitzen, Anpassungsannäherungen an die temporäre Heimat. Aber Rezepte gibt es nicht, es sei denn, man zahlt das Mittel aus eigener Tasche - subventionsfrei.
Ich komme nicht weiter.....bitte für die morgige Vostellung streichen...Worte finden ist schwieriger als ein Huhn rupfen...
Recht hat-er
Das mit dem tollen Strukturwandel von Kohle und Stahl zur prosperierenden Kultur- und Kreativwirtschaft an Rhein und Ruhr ist ja ohnehin ein Husarenstück. Dessen Erfinder bedienen sich selbst kreativ der in zahlreichen "echten" Wirtschaftszweigen als Erfolgstreiber wirksamen Querschnitteigenschaft Kreativität, und präsentieren uns "Voilà!"eine neue Boom-Branche ex machina. Respekt.
Zustimmung auch für das diagnostische Szenario einer Nomenklatur aus Politik, Verwaltung und bevorteilten Kultur-Höflingen, die Steuermittel und gepumpte Euros für Inszenierungen aufwenden, die insbesondere einer priveligierten Elite Spaß bereiten ... aber die sprichwörtliche Straße nicht erreichen. Irgendwie undemokratisch - wenigstens gefühlt.
Kollektiver Identitätsverlust
Ich muss leider nochmals auf "Heimat unter Erde" zurückkommen, das jüngste Stück im Dortmunder Theater. Das wurde von einigen Besuchern (ich hörte: auch von Udo Mager, dem Chef der Dortmunder Wirtschaftsförderung) als Bergmannsfolklore missverstanden, die wir hier nicht mehr wollen.
Dabei formuliert dieses Stück ungefähr das Gleiche, das hier auch Welzer sagt: Es hat im Ruhrgebiet mal eine Arbeiterkultur gegeben, die sinnstiftend und Generationen und Herkunft übergreifend funktionierte. Diese Arbeiterkultur gibt es nicht mehr, sie hat auch nicht zu einem "Selbstbewusstsein des Produzenten" geführt (trotz der Millionen Baumarkt-Frickler im Ruhrgebiet), und eine "gebildete" Kultur- und Kreativklasse hat bislang nicht die "kritische Masse" erreicht. Und es ist aus den von Welzer erläuterten Gründen fraglich, ob die kreative Klasse es schaffen wird, "den gesellschaftlichen Diskurs relevant zu beeinflussen".
Wer Welzer verstehen will, gehe in "Heimat unter Erde", und wer das Stück gesehen hat, lese dieses brillante Interview hier noch einmal.
bumm!
Diese Haltung dürfte bei vielen Politikern und Stadtmarketing und Event-Geld Verteilern nicht gut ankommen und als " viel zu negativ" als "akademisch" abgetan werden. Natürlich mit dem Hinweis "wie viel schon erreicht ist" und das wir "auf einem guten Weg" sind. Arrrrrgh...
Was aber auch nachdenklich stimmt, ganz "binnen-debattentechnisch" gedacht, dass so ein Text hier im Lab NULL Resonanz generiert. Und das, obwohl er sehr klar und meinungsfreudig die mentalen Bedingungen und Transferzahlungs-Wirklichkeiten treffend benennt.
Die von Welzer beschriebene Problematik, dass "die akademische Kultur nicht in die Lebenswelt diffundiert" trifft auch auf viele kreative Bereiche und auch auf Arbeit der Apologeten des "New Ruhrgebiet" zu. Und vermutlich ist sie auch eine treffende Beschreibung des Labs - ohne dass ich jetzt defätistisch werden will.