Guerilla Gardening – Dorothée Waechter streut grüne Gedanken-Bomben

Dorothée Waechter verrührt ein wenig Lehm, Dünger und Samen mit etwas Wasser und formt daraus kleine Kügelchen. Danach lässt sie sie trocknen: Gebastelt ist die Seed Bomb, die Saat-Bombe. Anschließend werden die Bomben gestreut – vornehmlich auf öffentliche, vernachlässigte Grünflächen. Nach dem Motto „Throw it Grow it” sollen beim „Seed Bombing Walk” aus den Saatgranaten Stockrosen, Sonnenblumen und Gemüsebeete erwachsen.

Dorothée Waechter ist Fachjournalistin, Buchautorin und Sprecherin des NRW-Zweigs der Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur, kurz Gartengesellschaft. Sie hat im August 2010 einen „Seed Bombing Walk” – ein explosives, bombiges Verbreiten von Saatgut und Pflanzen durch Saat-Bomben oder -Granaten – in Essen-Rüttenscheid im Rahmen des Ausstellungsprojekts Hacking the City unterstützt. Kuratorin Dr. Sabine Maria Schmidt hatte hierfür den Oberbombenleger des Guerilla Gardening Richard Reynolds nach Essen eingeladen.



Es war bereits der zweite Besuch des Garten-Guerilleros in der Stadt. Schon im März 2010 hat die Gartenbau-Ingenieurin Richard Reynolds ursprünglich zu einer Lesung eingeladen. Daraus erwuchs eine medienwirksame Guerilla-Gardening-Aktion. Mit 30 Gärtnern bepflanzte Richard Reynolds eine kleine vernachlässigte Fläche zwischen Bahnhof und Einkaufsstraße: mit Sommerblumen, Stiefmütterchen, Stockrosen, Frühlingsblühern. Doch statt das Potenzial der Aktion zu nutzen, befand der städtische Garten- und Grünflächenbetrieb, die Gärtner könnten das Grünkonzept für das Jahr der Kulturhauptstadt in Gefahr bringen. „Nur”, erklärt Dorothée Waechter, „ein Grünkonzept der Ruhr.2010 war in der Stadt gar nicht erkennbar – im Gegensatz zur Kulturhauptstadt Stockholm 1998 mit ihrer Förderung der Grünkultur und einer großen Gartenbauausstellung.” Drei Wochen nach der Aktion sagte die Stadtverwaltung zu, sie nehme sich der Fläche an, habe aber lediglich einen Baum gepflanzt und Rindenmulch gestreut, so Dorothée Waechter und verspricht: „Wir werden uns der Fläche bald annehmen."


„Die Gärtner-Bewegung muss noch viel lauter werden”


Dorothée Waechter.Der Guerilla Gardener Richard Reynolds hat mit seinem botanischen Manifest zum Guerilla Gardening das Gärtnern zum Trend gemacht. „Guerilla Gardening heißt, man annektiert ein Stück Boden, um es zu bepflanzen”, erklärt Dorothée Waechter. „Das Gut wird dabei als Freiraum betrachtet, insbesondere dann, wenn das Land nicht geachtet und vernachlässigt wird. Guerilla Gardening ist zwar verboten, doch wenn ich auf einer Verkehrsinsel Narzissen pflanze – wer sollte mir verbieten, Schönheit zu schaffen? Die Stadtverwaltungen sollen den Nutzen von Gärtnern erkennen und ihre Energien nutzen. Deshalb muss die Gärtner-Bewegung noch viel lauter werden. Das ist eine wichtige Geschichte”, meint die Journalistin, die mit größtem Engagement daran arbeitet, das Gärtnern populärer zu machen. „Gepflegtes Grün ist doch auch ein überzeugendes Marketing-Argument für eine Stadt. Wenn also die Stadtverwaltung nicht selbst fachgerecht Hand anlegt, sollte sie doch wenigstens die freiwilligen Gärtner gewähren lassen, entspannt bleiben und eine kreative Stimmung schaffen, die letztlich auch die Identifikation mit der eigenen Stadt fördert.” Dass Gärtnern auch ein Wirtschaftsfaktor sein kann, zeigt sich in Großbritannien: Denn wo Richard Reynolds sät, da wird geerntet – und zwar Immobilienpreise. Die ziehen an, sobald der Gardening-Star sich an Flächen zu schaffen gemacht hat.



Menschen gesunden wieder in Gärten


Das Gärtnern hat für Dorothée Waechter in erster Linie eine soziale Dimension: „Es bietet Menschen eine Chance, sich anzunähern und miteinander zu sprechen. Gärtnern berührt unsere Seele, unsere Instinkte. In technisierten Zeiten brauchen wir einen Ausgleich und das schafft am besten die harmonisierende Wirkung der Natur. Durch Gärten können Menschen sogar gesunden. Gärten schaffen das.”
In der Gartengesellschaft beschäftigt sich die Garten-Expertin auch mit der Gartendenkmalpflege, etwa im Kölner Reformgarten Friedenspark – einem eingetragenen geschützten Denkmal. Auch in Köln wäre mehr Bewusstsein für eine sensible Grünflächenpolitik von Seiten der Stadtverwaltung wünschenswert. „Es fehlt ein denkmalpflegerisches Erhaltungskonzept. Deshalb verfällt der Friedenspark allmählich und die Grundsubstanz dieses Meisterwerks von Fritz Encke wird zerstört”, berichtet Dorothée Waechter, die auch deshalb eine aktive Öffentlichkeitsarbeit betreibt, Weiterbildungen, Spaziergänge, Vorträge und Workshops organisiert. „Wir wollen Bildung betreiben und informieren, unseren Geist weitergeben und Erwachsene, Jugendliche und Kinder zugleich begeistern. Wichtig ist uns: ein Bewusstsein dafür schaffen, was Gärtnern verändern kann. Und wenn die Menschen erst einmal infiziert sind, dann sind sie im Fieber.”

 

So, 01.05.2011 0

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Über den Autor

04.12.2009

Letzte Kommentare des Autors

Stadt

Aktuelle Tweets

LABKULTUR
[FAR] CULTURE IS THE KEY. A culture consultant & an architect: temporary events mirror excess and euphoria http://t.co/gQGJw2WWB1 #LABKULTUR
LABKULTUR
[STREET] ART 'Sell Out ist ein übler Begriff und ein Angriff auf Künstler' #Qumi by @CCaravante http://t.co/zWe3e1OKyZ #LABKULTUR
LABKULTUR
[CULTURE] PLAN? @KuPoGe's Sievers prepares 7th cultural-political Federal Congress 13+14.06.2013 http://t.co/d28NAkEyDF #LABKULTUR
LABKULTUR
[KULTUR] HAUPTSTADT @KosiceECOC2013 ein gutes Viertel Jahr ist rum Was bisher geschah: http://t.co/bEwS6e7pxt #LABKULTUR