Euromayday Ruhr - Demo auf den Dächern der Stadt

„Tanzt, habt Spaß und macht mal richtig Lärm!“ In der Spitze bis zu 1.000 Teilnehmer, die Polizei spricht offiziell von 700, folgen am 1. Mai dem Aufruf der Euromayday Ruhr-Organisatoren. Dortmund wandelt sich für einen Nachmittag vom aktuell schwarz-gelben in ein kunterbuntes Farbenmeer, um herrlich ideologiefrei auf lokale & globale Missstände hinzuweisen und alternative Lebensstrategien zu bewerben.

„Politischer Karneval“ nennen es die Veranstalter, die am Tag der Arbeit eine Demo-Option jenseits der traditionellen Gewerkschaftsaktivitäten anbieten wollen. Vor allem für prekär Beschäftigte, aber auch für Minderheiten, die zum Teil von staatlicher, zum Teil von rechtsbürgerlicher Seite Repressionen ausgesetzt sind. Seien es die in die Illegalität gedrängten Prostituierten vom Straßenstrich in der Nordstadt oder die von Abschiebung bedrohten Flüchtlinge. Mittels Interviews bekommen im Verlauf des Tages zahlreiche Gruppen ihre Öffentlichkeit, begleitet von DJ-Sets auf drei Lautsprecherwagen.

„Wenn es darum geht, ein festes Zentrum einzurichten, dann ist es mit Freiräumen nicht so einfach. Aber ansonsten gibt es sie überall. Man muss sie sich nur nehmen und sie nutzen“, beschreibt Feel Vergnuegen-Partyveranstalter Kevin Kuhn die Möglichkeiten einer derartigen Straßenaktion, die bereits am Abend zuvor in ähnlicher Form in Duisburg von der Initiative „DU it yourself“ via Nachttanzdemo praktiziert worden ist. „Die ganze Stadt wird unsere Leinwand“ haben beispielsweise die Dortmunder Theaterpartisanen zur Begrüßung auf ein überdimensionales Banner gepinselt, als sie sich vor dem Schauspiel dem Demozug anschließen.

Seinen ersten Zwischenstopp legt der Protestzug zuvor im Brückviertel ein, um dort auf die Naziproblematik in der Stadt hinzuweisen. „Dortmund ist neben Berlin das Zentrum der Autonomen Nationalisten. Es war den Stadtpolitikern jahrelang egal. Mittlerweile setzt ein Umdenken ein, aber sie müssen angetrieben werden. Wir setzen darauf, den Nazis permanent etwas entgegenzusetzen“, erklärt das Antifa-Bündnis D.A.B. vor dem Eingang der Hirsch-Q-Kneipe, die schon mehrfach Opfer politisch motivierter Angriffe gewesen ist.

Um zu unterstreichen, dass die Stadt dennoch ihr „Hoheitsgebiet“ ist, erklimmen drei schwindelfreie Antifa-Aktivisten Fahnen schwenkend ein benachbartes Hausdach und werden von unten anerkennend mit Applaus und „Alerta, alerta, antifascista!“-Sprechchören bedacht.

Eigeninitiative ist auch der Antrieb der UZDO-Initiative, die sich seit einem Jahr für ein Unabhängiges Zentrum einsetzt. Tino Buchholz: „In erster Linie ist es die Idee, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.“ Der Tross zieht weiter zum Theater, wo erwähnte Theaterpartisanen sich optisch zwar wunderbar in Schale geschmissen haben, mit dem Plakat „Tötet Mario Barth“ aber die Grenze des guten Geschmacks überschreiten. Dann doch lieber „Her mit dem schönen Leben“ oder „Freiheit, Gleichheit, Erbsensuppe“.

Ehe es zur finalen Tanzpolonäse hinter dem Beatplantation-Wagen in den Westpark geht, steht noch ein Stelldichein vor dem Dortmunder U an, das Journalist Stefan Laurin als „Symbol eines nicht eingelösten Versprechens“ tituliert und vom „ganz großen Betrug an den Steuerzahlern“ spricht. Die Euromayday-Teilnehmer zeigen, dass es keiner Millioneninvestitionen bedarf, um ein Kreativviertel entstehen zu lassen, sondern lediglich ein paar Eimer Kreide, mit denen sie vor Ort ihre Wünsche und Ideen für ein angenehmeres Leben auf dem Asphalt des U-Vorplatz verewigen.

Sicherlich die sympathischste Aktion des Tages, den auch die Ordnungshüter im Hintergrund als „sehr entspannt für beide Seiten“ wahr- und ausnahmsweise sogar Farbkleckse auf eines ihrer Gebäude am Wall gelassen hinnehmen.

Vor allem aufgrund der aktiven Beteiligung vieler Teilnehmer in Form von selbstgebastelten Transparenten, Schildern und Kostümen schreit es förmlich nach einer Wiederholung im nächsten Jahr. Martin Krämer vom Euromayday Ruhr Bündnis gibt sich zumindest vorsichtig optimistisch: „Ich würde schon glauben, dass wir wieder einen machen.“ Der muss dann nicht zwingend ein drittes Mal in Dortmund stattfinden. Auch Bochum, Mülheim oder Duisburg seien durchaus eine Überlegung wert.

Fotos: Michael Blatt

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Mo, 02.05.2011 2

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Kommentare

Foto im Funke-Text

Nette Aktion mit dem Aufkleber. Hab davon auch extra noch ein Foto gemacht. Peinlich, dass sich die Piraten nicht an die Bitte der Veranstalter gehalten haben, keine Parteienpromo zu machen.

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05.01.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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