
"Es geht hier nicht um einen Garten" - Holger Bergmann im Interview (Teil 2)
Ringlokschuppen-Leiter zur Kritik an der Verteilung von Fördergeldern und der Verantwortung des eigenen Hauses.
Theater machen ist eine Sache, Theater finanzieren eine andere. Das Land NRW honoriert die Leistungen des Ringlokschuppen Mülheim mit einem Extrazuschuss. Im zweiten Teil des Interviews kommentiert dessen künstlerischer Leiter Holger Bergmann sowohl die Vergabe, als auch die Kritik an Verteilungsmechanismen.
Eine andere Ebene der von Ihnen bereits aufgegriffenen „staatlichen Subventionierung“ sind Zuschüsse für die Freie Kulturszene. Das Land NRW hat in diesem Herbst eine Aufstockung für die Freie Theaterlandschaft um 1,6 Millionen auf 6,4 Millionen € bekanntgegeben. U.a. gibt es für den Ringlokschuppen 100.000 € zusätzliches Geld.

Von daher macht es sehr viel aus, dass das Land so deutlich auf die Arbeit hier gezeigt hat, weil das Geld und die Ökonomie wichtige Voraussetzungen sind. Aber auch nur ein Teil der Medaille. Wenn man streitbare Projekte in der Stadt macht, bekommt man vor Ort den Gegenwind und von Außen den Rückenwind. Dass das Land gesagt hat, dass der Ringlokschuppen bedeutend für NRW sei, ist für uns ein wichtiges Signal, weil wir uns nicht im klassischen konzeptionellen Sinne der Kunstentwicklung sehen, sondern uns mit der Frage nach künstlerischer Partizipation und Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs beschäftigen.
Ist der Zuschuss vom Land an ein bestimmtes Projekt gebunden?
Es ist ein Projekt, das im gemeinsamen Gespräch mit der Theaterreferentin des Landes [Anm. des Autors: Bettina Milz] erarbeitet wird. Man schaut, was sind die Dinge, die gebraucht werden. Für uns wäre es wichtig, dass Künstler über einen längeren Zeitraum als nur für ein Gastspiel hier vor Ort sind.
An der Verteilung der Landesgelder gab es Kritik aus der freien Szene. Es seien immer die gleichen Häuser, die gefördert werden. Zitat: „Wer ein Haus hat, bekommt auch noch einen Garten.“

Es geht hier aber nicht um einen „Garten“, also nicht um eine verbesserte Aufenthaltsqualität für Verwaltung oder Menschen, die dieses Produktionshaus machen, sondern in erster Linie darum, den Sinn und Zweck des Ortes für die Kunst weiter nach vorne zu bringen. Wir haben bewusst so populäre Raumnutzungen wie Diskos, so genannte „Gemischtwarenkulturveranstaltungen“, heruntergefahren, um die Räume für den künstlerischen Prozess zu nutzen. Und für die Künstler und ihre Arbeit ist das Geld bestimmt.
Was muss Theater 2012 leisten, um gesellschaftlich relevant zu bleiben?

Auf der anderen Seite muss es sich auf den Weg machen, was sehr schwer in der jetzigen Zeit sein wird, sich nicht mehr als Ort der in der Jahre gekommenen Illusionsmaschine zu beschäftigen, sondern sich in der Architektur durchlässiger zu machen. Anstatt einer starken Institution, die im Haus geschlossene künstlerische Prozesse bearbeitet, braucht es viel eher den Knotenpunkt zwischen vielen Linien, an denen Kunst stattfinden kann.
Hinzu kommt die Überlegung, wie erreicht Theater Leute, die nicht mehr so einfach in die Häuser kommen, ohne dass ich jetzt unbedingt Hip-Hop mit Migranten auf der Bühne machen muss und dadurch fast schon wieder etwas stigmatisiere, was eigentlich nicht so ist, weil viele Migranten auch super Geige spielen, aber damit nicht auf die Theaterbühne dürfen. Man muss etwas anderes organisieren und Theater weiterdenken. Nicht nur in der künstlerischen Bewegung, sondern auch in der architektonischen, in der Verknüpfung im Stadtraum. Das versuchen wir.
Teaserbild: Michael Blatt
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