
Der Fotograf Farin Urlaub - Ein Wanderer durch Kulturen
Ein Arzt auf Abwegen: Farin Urlaub dokumentiert seine Reisen durch die verschiedenen Kulturen der Welt mit Fotos. Ende September stellt er sie erstmals in Berlin aus.
Farin, gibt es in Deinem Haus so etwas wie eine „Angeberwand“, wo man Deine Werke oder auch Erinnerungsfotos bewundern kann?
Urlaub: „Ich ahne, was Du meinst, aber ich habe kein einziges meiner Bilder aufgehängt; was schlicht und ergreifend daran liegt, dass ich mir demnächst einen Plotter, einen Großformatdrucker, kaufen werde. Ich schieße mit Kanonen auf Spatzen, mit meinen hochauflösenden Kameras, von daher würde mich ein DIN A4-Ausdruck überhaupt nicht zufrieden stellen. Der Hauptgrund in die Lumas-Galerie zu gehen war reine Eitelkeit: Damit ich meine Fotos endlich richtig groß sehen konnte.“
Du hast also gar keine Erinnerungsfotos in Deinem Haus? Deine Band Die Ärzte hat schon mit einigen Legenden wie Kiss getourt. Keine Lust auf Dokumentation?
Urlaub: „Ich bin kein Foto-Aufhänger. Ich mag weiße Wände und leere Räume, um der Fantasie mehr Platz zu geben. Wenn man sich etwas aufhängt, dann muss man sich nichts ausdenken.“
Du scheinst nicht eitel zu sein...
Urlaub: „Doch, das bin ich! Ich finde weiße Wände tatsächlich inspirierend. Seit ich vor zehn Jahren in mein Haus gezogen bin, kommen oft Freunde zu Besuch, und der Tenor ist immer derselbe: Es ist echt schön hier, aber wann kommen die Möbel?“
Gibt es Fotoalben von Dir? Vorzugsweise Mütter beschenken gerne ihre Söhne zu runden Geburtstagen mit Erinnerungsalben, in denen das bisherige Leben ihrer Kinder dokumentiert wird: von Geburt bis zu Konfirmation oder Kommunion und weiter.
Urlaub: „Nein, gibt es nicht. Das habe ich einmal selbst gemacht, aber die Kiste steht noch im Keller.“
Wann hast Du Deinen ersten Fotoapparat in der Hand gehabt?
Urlaub: „Ziemlich früh, während eines Urlaubs an der Ostsee, da muss ich sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein. Da hatte ich einen Apparat mit Film, also nicht digital, für die jüngeren Leser da draußen... Das Problem war: Ich hatte den Film vergessen. Ich habe bestimmt 4.000 Fotos von der Ostsee gemacht, war also dementsprechend ruhig gestellt. Die Entwicklung wäre bestimmt sehr sehr teuer geworden. So aber nicht.“
Wie lange machst Du Deinem Künstlernamen alle Ehre? Wie lange bist Du schon auf Reisen?
Urlaub: „Mit neun Jahren bin zum ersten Mal verreist. Ins Zeltlager. Am Anfang wollte ich nicht weg, danach nicht wieder nach Hause kommen. Ein sehr einschneidendes Erlebnis, auch für meine Musik: Dieses Lagerfeuer-Ding hat mich extrem geprägt. Lieder, die alle sofort mitsingen können.“
Fotos hast Du damals noch nicht gemacht?
Urlaub: „Nein. Zum ersten Mal mit der Fotografie bin ich mit Anfang 20 in Berührung gekommen. Ich wollte das, was ich erlebe, dokumentieren. Ich habe mit Billig-Apparaten begonnen, war aber ganz enttäuscht von dem Ergebnis. Ich wusste noch, wie es aussah, konnte aber niemandem begreiflich machen, was diese verschwommenen Aufnahmen darstellen sollten: Guck mal, da war Dschungel! Und man sieht nur einen riesigen grünen Fleck. Es hat sehr lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass es nicht meine Unfähigkeit als Fotograf war, sondern dass es am schlechten Werkzeug lag. Dann habe ich langsam upgegradet, und es wurde besser.“
Hast Du Dich dabei von einem Profi beraten lassen?
Urlaub: „Meine Schwester hat mir geduldig vieles erklärt, weil sie Fotografie studiert hat. Meine erste Spiegelreflexkamera habe ich mir 2005 gekauft, damals in Afrika. Ich merkte auch, dass es besser wurde, aber sie meinte, ich bräuchte noch etwas viel Besseres. Und ich: Aber die Kamera hat doch schon 500 Euro gekostet! Und sie: Da gibt es aber noch eine Klasse drüber. Und dann habe ich mir die damals höchstauflösende Kleinbild-Digital-Kamera geholt. Dann ging es auf einmal.“
Gibt es auch Fotografen-Freunde, die Dich beraten oder Deine Werke bewertet haben?
Urlaub: „Es gibt Bekannte, die Kommentare abgegeben haben, ja. Die schwankten aber zwischen ermutigend und kritisch. Letzteres habe ich mir zu Herzen genommen.“
Du hast also Talent?
Urlaub: „Es klingt scheiße, wenn man das von sich behauptet. Ich weiß aber, dass ich ziemlich hartnäckig bin.“
Deswegen die naheliegende Frage: digital oder analog? Du als Technik-Freak müsstest doch riesigen Spaß in einer Dunkelkammer haben, oder?
Urlaub: „Genau das ist der einzige Teil, an dem ich keinen Spaß habe. Den hat mir mein damaliger Chemielehrer komplett ausgetrieben. Alles, was mit Chemikalien und Selbermachen zu tun hat, hasse ich. Aber Einscannen kann ich mittlerweile. Und jetzt kommt eben als nächstes der Drucker.“
Wenn Du es nicht magst, etwas selber zu machen, dann hättest Du Dir jemanden mieten können, der Dir Deine Arbeit als Fotograf abnimmt.
Urlaub: „Darum ging es nicht. Meine Reisen unternehme ich größtenteils alleine. Ich will niemanden mitnehmen, nur damit die Reise schön dokumentiert ist. Es geht um mich selber und mein Erleben, da brauche ich keinen, der das Erleben begleitet und dadurch versaut. Vielleicht auch erweitert, aber auf jeden Fall ist es etwas anderes, zu zweit zu reisen. So hat es natürlich deutlich länger gedauert, bis ich das Handwerk gelernt habe. Ich habe viele Bücher zum Thema gelesen, weil ich Komponenten wie die Tiefenschärfe verstehen wollte. Jetzt kenne ich sogar die Fachausdrücke, das ist echt schön.“
Du nutzt Deinen Promi-Bonus nicht aus. Kollegen wie Karl Lagerfeld oder Bryan Adams fotografieren mit ihrem Namen und lassen sich für Projekte anstellen.
Urlaub: „Ich halte es nicht geheim, dass ich Farin Urlaub bin. Und an eine noch größere Glocke als zurzeit kann ich es nicht hängen, dass ich Fotos mache, oder? Das will ich auch gar nicht. Irgendwann hat man diesen Übersättigungseffekt: Jetzt macht der Typ auch noch Fotos! Was kommt denn wohl als Nächstes? Vielleicht werde ich noch Rennfahrer, das wäre der Klassiker...“
Es würde Dich überhaupt nicht reizen, wenn jemand mit Dir arbeiten möchte, Du ein Angebot bekämest?
Urlaub: „Nein. Im Moment bin ich noch zu sehr mit Reise- und Dokumentar-Fotografie beschäftigt. Ich teile lieber meine Sicht der Welt mit anderen, als dass ich es allen wirklich beweisen muss, dass ich es kann.“
Das Zitat in der Pressemitteilung für Deine Ausstellung lautet: „Ich fotografiere die Welt, um sie zu verstehen.“ Erkläre mir das bitte!
Urlaub: „Wie kann ich den Leuten verständlich machen, dass ich jetzt fotografiere? Deshalb dieses Zitat. Ich muss ein wenig metaphysisch werden: In dem Augenblick, in dem ich fotografiere, setze ich mich noch einmal damit auseinander, wie ich die dreidimensionale Welt, die ich sehe, auf zwei Dimensionen so banne, dass es für andere Leute verständlich wird, was mich an diesem Augenblick so gereizt hat. Daher stammt dieser pompöse Satz.“
Fotografen müssen spontan und detailverliebt sein. Weißt Du genau, wann Du ein Foto machen musst oder ist das ein längerer Denkprozess?
Urlaub: „Zum Denken bleibt beim Fotografieren nicht viel Zeit. Was ich am liebsten mag, wie in der Musik, sind die intuitiven Fotos. Sachen, die mir in den Schoß fallen. Man geht über einen Markt, sieht einen Ausschnitt und muss die Kamera richtig hängen haben und technisch so versiert sein, dass das Foto schon gemacht ist, wenn der Gedanke zuende gedacht ist. Dann gibt es inszenierte Fotos, da sucht man nach dem richtigen Blickwinkel, dem richtigen Bildausschnitt und der richtigen Schärfe. Da wird quasi mit Wasserwaage gearbeitet. Es geht nicht um den Moment, sondern um den Ort.“
Es muss nicht unbedingt auf Reisen sein, Du hast auch Fotos in der Lüneburger Heide gemacht.
Urlaub: „Logisch. Die Welt findet ja auch bei mir zuhause statt!“
Wenn Du auf Reisen bist, machst Du ausschließlich Fotos. Du könntest doch aber auch Filme drehen, wie zum Beispiel Dieter Nuhr. Das komödiantische Element wäre bei Dir doch kein Problem.
Urlaub: „Vielen Dank für die Blumen, aber da müsste ich mich in den Vordergrund stellen, und die Reise verschwindet im Hintergrund. Ich müsste einen Kameramann mitnehmen, und dann wäre es anstrengend. Ganz oben steht immer noch das eigentliche Erleben. In den Zeiten von Facebook wird vergessen, dass es eine reale Welt da draußen gibt. Wenn schöne Dinge passieren oder ein interessantes Motiv auftaucht, dann gibt es das Foto dazu. Die Reise als Anlass zu noch mehr Selbstdarstellung – dazu bin ich auf der Bühne zu ausgelastet.“
Lass uns über Deine Faszination über Asien reden. Wann bist Du mit dem Virus infiziert worden?
Urlaub: „Da war ich 19 und bin in Istanbul über die Bosporus-Brücke gefahren und habe zum ersten Mal meinen Fuß auf diesen Kontinent gesetzt. Dann folgten vorsichtig Reisen nach Thailand und Singapur, also in die zivilisierteren und leichter zu bereisenden Teile. Irgendwann sind dann alle Dämme gebrochen. Diese Vorliebe ist nur scheinbar, weil ich in Zyklen reise, in denen ich bestimmte Kontinente öfter bereise. Noch vor 15 Jahren war ich ganz viel in Südamerika, in den letzten fünf bis acht Jahren sehr oft in Asien; was aber nicht heißt, dass ich Asien präferiere.“
Dich reizen andere Kulturen, warum?
Urlaub: „Weil es so viele verschiedene gibt! Und die sich auch innerhalb eines Landes extrem unterscheiden. Das fasziniert mich. In den USA gibt es diese Unterschiede auch, aber die Kulturen stehen einander deutlich näher als in Asien. Das ist aufregender, verwirrender und damit eben spannender.“
Wie oft wird bei Dir die Kamera in den Tagesablauf eingebaut? Hast Du sie immer am Mann? Hemmt das nicht die Kreativität?
Urlaub: „Das kommt auf die Situation an. Wenn ich in ein Dorf komme, das mir auf Anhieb so gut gefällt, dass ich dort ein paar Tage bleibe, dann lasse ich die Kamera erst mal im Wagen, im Zelt oder in der Hütte. Damit die Leute sich an meine Anwesenheit gewöhnen. Denn als großer Ausländer fällt man schon auf. Sie sollen nicht nur das große Objektiv von mir sehen, und dann bin ich wieder weg. Aber am zweiten oder dritten Tag packe ich dann die Kamera aus und erkläre ihnen, was ich mache. Das ist das Schöne an digitaler Fotografie, man kann die Bilder sofort zeigen. In den allermeisten Fällen führt das zu Interesse oder auch Begeisterung. Es lässt zumindest niemanden kalt. Dann kann man anfangen, das festzuhalten, was man festhalten will.“
Gab es diesbezüglich schon Probleme? Dass sich Leute geweigert haben?
Urlaub: „Ich frage fast immer. Bei einer Masse von Menschen erlaube ich mir, diese Masse einfach zu fotografieren. Bei einem Portrait frage ich immer. Bei den Fotos aus dem Libanon, die Armeeposten und die zerschossenen Häuser, da habe ich nicht gefragt. Im Hamas-Viertel von Beirut habe ich nur schnell Fotos gemacht und bin wieder weg. Aus dem Wagen raus, geknipst, weg. Da kann man sehr schnell Ärger bekommen.“
Wie genau planst Du Deine Reisen? Grob von A nach B oder mit Stützpunkten?
Urlaub: „Es gibt unterschiedliche Arten zu reisen. Allein lasse ich mich gerne treiben, mit anderen ist es geplanter.“
Deine Reisen dauern lange, da kommen zwangsläufig Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Bilder zusammen. Wie langwierig und vor allem schwierig ist die Auswahl?
Urlaub: „Ich bewerte die Fotos, richtig altmodisch mit Sternchen. Außerdem habe ich das Glück, dass ich meine eigenen Sachen mag. Etwas mehr als zehn Prozent sind Ausschuss, die technisch missglückten sortiere ich sofort aus. Dann wird es spontan. Ich wähle bis zum Schluss aus, bis ich die Fotos habe, die ich anderen zeige.“
Für die Ausstellung bei Lumas in Berlin im September hast Du aber nicht allein ausgesucht, oder?
Urlaub: „Es sind am Ende des Tages nur 12 bis 15 Fotos, die dort in groß ausgestellt werden. Um auf die 15 zu kommen, habe ich ungefähr 40 angeboten. Daraus wurde dann ausgesucht. Mit Themenschwerpunkten. Stadtbilder zum Beispiel gibt es keine von mir, weil dieses Thema schon besetzt war. Es ist das erste Mal, dass ich mich hinstelle und sage: Schaut her, ich mache so gute Fotos, die man sich auch an die Wand hängen kann.“
Wer hatte die Idee dazu?
Urlaub: „Zu Lumas wollte ich, weil mir die Art und Weise der Präsentation gefällt. Sie fanden meine Bilder gut, also haben wir das Projekt angestoßen.“
Wie ist die Resonanz der Ärzte-Fans auf Dein zweites Standbein?
Urlaub: „Im Gästebuch heißt es meistens: „Schöne Bilder. Und: Wann spielt ihr endlich wieder?“
Wann spielt Ihr endlich wieder?
Urlaub: „Dieses Jahr ist Pause, Ende 2010 setzen wir uns zusammen, um alles weitere zu besprechen. Ich bereite in Ruhe mein zweites Buch vor, die Hälfte der Fotos ist schon fertig. Ich passe auf, dass ich mich nicht verzettele. Immer schön eins nach dem anderen. Mein Leben gestaltet sich sehr entspannt.“
Wie misst man den Erfolg einer Ausstellung eigentlich?
Urlaub: „Das weiß ich nicht. Lumas sagen, wenn Leute Bilder kaufen, ist es ein Erfolg.“
Wenn das passiert, könntest Du Dir vorstellen, daraus eine Art Wanderausstellung zu machen? Man hätte zum Beispiel im Ruhrgebiet im Rahmen der Ruhr.2010-Kampagne genügend Möglichkeiten.
Urlaub: „Ich habe Angst, beliebig zu werden. Ich muss erst mal sehen, wie sich das Ganze anfühlt. Ich habe jetzt schon wieder neue Fotos, die ich der Welt vorstellen könnte, das stimmt.“
Was hältst Du von der Kulturhauptstadt in diesem Jahr?
Urlaub. „Ich kenne das Konzept nicht erst seit diesem Jahr. Ich finde es klasse! Wenn man sich für Kultur interessiert und viel reist wie ich, dann wird man durch solche Aktionen auf viele Dinge hingewiesen, die man sonst vielleicht übersehen hätte. Der alte Slogan 'Unser Dorf soll schöner werden' greift hier: Die Städte geben sich richtig Mühe. Es wird etwas geboten, was sich für alle rechnet.“
Hast Du persönlich eine besondere Bindung zum Pott?
Urlaub: „Der Pott kocht. Ich spiele gerne da. Es ist immer wieder ein Erlebnis.“
Eine Verbindung mit den Fotos kannst Du Dir bei Konzerten nicht vorstellen?
Urlaub. „Eine Dia-Show vorher oder nachher? Nein! Motto: Der Song zum Bild? Wenn ich damit anfange, fliege ich aus beiden Bands, den Ärzten und dem Farin Urlaub Racing Team!“
LUMAS Berlin – Hackesche Höfe lädt ein:
Ausstellung: FARIN URLAUB – KUROBOSHI
Ausstellungsdaten: 24. September – 2. November 2010
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farin urlaub ist ein großer
farin urlaub ist ein großer denker und intensiv fühlender mensch. eine absolute rarität an eigensinn und genußfreude am dasein. ich bewundere seine entschlossenheit und sein potenzial. und er gibt sich nicht für alles her...hut ab. mit dem reisen lieber farin-das kopiere ich von dir! urlaub das wort gibts bei mir nicht mehr...viele grüße
Ein sehr interessantes
Ein sehr interessantes Interview von Farin, das ganz neue Einblicke "in sein Leben" außerhalb der Musik gibt.