2012 feierte Werner Ruhnau seinen 90. Geburtstag. © Sandra Anni Lang

Ein Traum in Ultramarinblau

Der Essener Architekt Werner Ruhnau hat Ikonen moderner Nachkriegsarchitektur erschaffen

Sich spielend annähern, sich öffnen und gemeinsam etwas erschaffen – das war und ist die Richtschnur der Baukunst Prof. Dipl.-Ing. Werner Ruhnau. Und so wie der Architekt und Stadtplaner eine offene Gesellschaft fordert, erschuf er dafür offene Bauwerke und Theaterspielformen, zum Beispiel mit seinem berühmtesten Theaterbau: dem Gelsenkirchener Musiktheater im Revier MiR.


Am 11. April 2012 feierte der Architekt und Stadtplaner Prof. Dipl.-Ing. Werner Ruhnau seinen 90. Geburtstag. Bekannt wurde der Wahl-Essener neben dem Bau des MiR unter anderem durch den Theaterbau Münster, den Umbau des Schauspielhauses Frankfurt und des Essener Grillo-Theaters.

Die Siedlungen in Velbert-Erlenweg und Oberhausen-Alstaden realisierte er ebenso wie die U-Bahnhöfe Viehofer Platz in Essen und Mülheim Stadtmitte sowie das Hertener Verwaltungsgebäude der Herta GmbH. Zwischen seinen Aufträgen in Deutschland arbeitete er als Gastprofessor in Kanada. Besonders herausgefordert sah sich Werner Ruhnau bei der Realisierung der Spielstraße der Olympischen Spiele 1972 in München und des Musiktheaters 1959 in Gelsenkirchen.
 

MiR – ein Leuchtturm in Sachen Baukunst
„Ich wollte in Gelsenkirchen Architektur, Malerei und Plastik miteinander verbinden. Das war mir wichtig. Mein Entwurf sollte zudem die städtebauliche Neuordnung deutlich machen. Die offene Struktur und die Glasfassade des Theaters sollte die Theatergemeinde als Teil des öffentlichen Geschehens darstellen“, erklärt Werner Ruhnau, der dies zum Beispiel mit den legendären ultramarinblauen Schwammreliefs realisierte, die er mit seinem Künstlerfreund Yves Klein entwarf. Die kurzerhand als „Gelsenkirchener Blau“ titulierte Farbgebung trugen sie monochrom auf sechs große Reliefflächen des Theaterfoyers auf.

Entstanden ist ein Leuchtturm in Sachen Baukunst. Das Haus zählt zu den bedeutendsten Theaterbauten der Nachkriegszeit und steht seit 1997 unter Denkmalschutz.

 

 

Während der Errichtung des Theaters gründete der Architekt in einer Häusergruppe der ehemaligen Feuerwache die Theaterbauhütte – eine Werkstattgemeinschaft nach dem Vorbild mittelalterlicher Bauhütten. Dort lebten und arbeiteten die Künstler und Architekten Yves Klein, Jean Tinguely, Robert Adams, Norbert Kricke und Paul Dierkes gemeinsam an der äußeren und inneren Gestaltung des Musiktheaters. Auch das gesamte Bauteam kam dort unter: Künstler, Planer, Architekten, Ingenieure, Bauarbeiter. „Das Leben dort war ein schöpferischer Vorgang, ein gemeinsames Tun: Wir arbeiteten an einem Werk, das als Initialzündung für die wiedererstarkte Stadt Gelsenkirchen stehen sollte. Und die Baustelle war unser Atelier, unser Gelsenkirchener Traumpalast“, berichtet Werner Ruhnau. Das Team gründete die „Partei der Blauen Patrioten“ und rief 1958 die „Blaue Revolution“ aus: eine Utopie für eine „Sensibilisierung der Macht“ und die „Abschaffung des Kannibalismus in Europa“.


Spielstraße der Olympischen Spiele
Das Projekt das Werner Ruhnau am meisten forderte, war die Spielstraße der Olympischen Spiele 1972, das er 1968 in seinem ehemaligen Wohnhaus in Essen-Bredeney ausarbeitete, inspiriert von Joan Huizingas Buch „Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel“. „Das Buch war für mich eine Offenbarung“, berichtet Werner Ruhnau, „und so sollte mein Projekt auch eine Art Spiel in Form einer ganzen Straße werden – eine riesige Theaterkulisse, in der die Zuschauer aus ihrer Sitzposition erlöst würden, indem sie sich auf einer Vielzahl von kleinen Spielplätzen mit kultischen, künstlerischen Elementen würden austoben können, eine kreative Begegnungsstätte mit Schauspielern, Artisten, Malern, Bildhauern, Musikern und Filmemachern. Ein interaktives Ereignis.“


           

Die Spielstraße musste ein Affront gegenüber den Olympia-Funktionären und den Leistungssport darstellen – im Kern des Leistungssports genau diesen mit künstlerischen Mitteln zu hinterfragen. „Ich habe die Olympischen Spiele immer kritisch gesehen. Dieser absurde Leistungswettbewerb ist mir zuwider. Einen Wettbewerb zu veranstalten ist in Ordnung, ja, aber die Kommerzialisierung des Sports ist befremdlich.“ Die Spielstraße rund um den Olympiasee wurde ein Erfolg, ihre täglich 30.000 Besucher freuten sich über die öffentlichen Räume, die sie spielend in Besitz nahmen.
Nach dem Angriff palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympia-Mannschaft wurde das Programm der Spielstraße gestoppt. Israelische Athleten wurden als Geiseln genommen. 17 Menschen kamen ums Leben. „Irgendetwas musste nach dem Attentat dran glauben“, sagt Werner Ruhnau, „und das war die Spielstraße, die den Funktionären sowieso ein Dorn im Auge war."
Dennoch fand die Spielstraße internationale Aufmerksamkeit, erinnert sich Werner Ruhnau. „Mit der Spielstraße ist Deutschland wieder in die Weltgemeinschaft der Kultur und Avantgarde eingegliedert worden.“

 

Mit 90 Jahren am kulturellen Diskurs beteiligt
Trotz der vielen Jahrzehnte, die seit der Realisierung seiner berühmten zwei Projekte vergangen sind, erinnert sich Werner Ruhnau noch genau an seine Spielstraße in München und die Realisierung seines Traumpalasts in Gelsenkirchen und auch noch mit 90 Jahren beteiligt er sich am kulturellen Diskurs im Ruhrgebiet, mischt sich ein und kümmert sich um kulturelle und stadtplanerische Anliegen: „Ich finde es schade, dass das Gelsenkirchener Stadttheater zur Eröffnung der Kulturhauptstadt 2010 nicht berücksichtigt wurde. Zudem hätte ich mir für 2010 ein neues Gefühl von Nachbarschaft gewünscht. Und zwar in den Vorgärten der Menschen, in ihren Wohnstraßen – und nicht in Großveranstaltungen.“
Im Rückblick waren Werner Ruhnau die Realisierungen des MiR und der Olympischen Spielstraße am wichtigsten: „Besonders die Impulse, die von unserer Theaterbauhütte ausgingen, waren für die deutsche Nachkriegsarchitektur wegweisend.“

Mo, 18.06.2012 0

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04.12.2009

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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