Hochzeitszubehör in einer Schaufensterauslage in Marxloh (c) PEH

Ein Spaziergang durch Marxloh

Das Duisburger Schmuddelkind ist besser als sein Ruf

Wer bei Duisburg-Marxloh an unbewältigten Strukturwandel, benachteiligte Jugendliche mit Migrationshintergrund und schlechtes Wetter denkt, liegt so falsch nicht. Und dennoch: Ein Spaziergang, geführt vom Vorstand der Stadtteilagentur "Urban Rhizome", ist ziemlich spannend, erhellend und informativ. LAB-Autor Marcus Römer hat so eine Stadtteilführung mitgemacht – ein Latsch durch eine gar nicht so üble Gegend.

Ach, der Walk on the Wild Side – diese Siff-Ballade von Meister Lou Reed wäre doch die Überschrift schlechthin gewesen. Ein Schuss ins leere Tor, der Treffer, der einfach gemacht werden muss, ein Head gewordenes Vorurteil. Aber nein, was nicht stimmt, darf auch nicht geschrieben werden, schließlich wollen wir doch eine kleine Realität beschreiben.

Vor zehn Jahren war ich zum letzten Mal hier, zur Redaktionsvertretung im Rahmen meines Volontariats. Damals regten sich die toleranten Gutmenschen über den seinerzeitigen Innenminister Otto Schily auf. Der hatte es doch tatsächlich gewagt, von Migranten und deren Nachkommen Deutschkenntnisse einzufordern – was für eine Unverschämtheit. Für mich und andere Kollegen war das natürlich ein prima Pass in den freien Raum, ein Thema, aufs Tablett gelegt. Wo besser als in Duisburg-Marxloh konnte man dem Phänomen auf den Grund gehen, dass viele Türken – sie stellen den Großteil der "Ausländer" – der deutschen Sprache nicht mächtig waren und manche auch gar keinen Anlass sahen, daran etwas zu ändern.

 

Türken brauchen kein Deutsch, oder?

Ein angekündigter Besuch in einem dieser typischen Kulturvereine, in dem Männer noch Männer sind, also den lieben langen Tag rumsitzen, Tee trinken, labern und rauchen, stellte einiges klar. Die Jungs haben ihr Leben lang gearbeitet, nein, nicht gearbeitet, sie haben geknechtet, geschuftet, mit Stahl oder Kohle. Sie hatten schlichtweg keine Zeit, zu lernen. Und jetzt waren sie zu alt. Überhaupt, für die Zubereitung einer köstlichen Linsensuppe in Ahmets Imbiss an der Ecke brauchten sie kein Deutsch, sondern nur das überlieferte Rezept von Oma Asli. Und zum Auberginenkaufen braucht das Weib ebenfalls kein Deutsch, der Gemüsehändler kommt auch aus Anatolien. Aber Abschweif, das ist eigentlich ein anderes Thema. Man lässt sich ja so leicht hinreißen.

Damals war Marxloh tatsächlich nah am Verrotten. Fast jeder zweite Laden stand leer, auf der Weseler Straße hätte man einen Zombiefilm drehen können. Das ist heute völlig anders. Mustafa Tazeoğlu, einer der beiden Geschäftsführer von Urban Rhizome, macht auf ein leer stehendes Ladenlokal aufmerksam. "Das einzige in ganz Marxloh." Und tatsächlich, die Gegend ist ziemlich vital. Und wer will, kann sie mit einigem Recht sogar romantisch nennen. Rund 50 Brautmodengeschäfte schmücken die Marxloher Lebensader und ihre Seitenstraßen. Das heißt nun nicht, dass die Leute hier ständig heiraten. Nein, die Kundschaft kommt aus fast ganz Europa, die Dichte an Hochzeitskrempel ist eigentlich nur mit der im zehnten Arrondissement in Paris zu vergleichen.

 

Ein Paradies für Stadtplaner

Doch das war's auch fast schon. Es gibt noch einen Media Markt und einen Woolworth, der mit 20% Preisnachlass auf Kram aller Art lockt. Supermärkte sind eine Seltenheit, dafür gibt's natürlich kleinere Lebensmittelgeschäfte und jede Menge Imbissbuden, von deren Besuch Tazeoğlu aus geschmacklichen Gründen allerdings abrät. Wir speisen lieber im Selale, einem guten türkischen Restaurant mit fantastischem Güvec und Oliven, auf die man sich im Gegensatz zu den meisten Italienern jederzeit verlassen kann.

Uns angeschlossen hat sich ein Stadtplaner aus Cottbus, der jede Menge intelligente Fragen stellt, vor denen ich verschämt verblasse. Immer wieder fällt der Begriff "Kreativwirtschaft". Hm, darunter stelle ich mir so viel vor wie einen armen Maler, der in einem kleinen, kalten Atelier ein Bild pinselt. Der ist dann kreativ. Wenn irgendwann ein reicher Schnösel vorbeiwackelt und sein Produkt kauft, ist das Wirtschaft. Aber wir sind ja nicht bei Toulouse-Lautrec. Kreativwirtschaft beinhaltet mehr, irgendwas mit Worten wie Netzwerke, kultureller Austausch, Zusammenarbeit, Projekte, Kulturmanagement. Der Medienbunker am Johannismarkt ist da recht aktiv und scheint sogar Geld zu generieren.

 

Moscheebau mal ohne größeren Stress

Das "Wunder von Marxloh" finde ich da viel spannender. Die Ditib-Merkez-Moschee, die größte Moschee Deutschlands, wird so genannt, weil ihr Bau im Vergleich zur Moschee in Köln wesentlich geschmeidiger verlief. Und es leuchtet ja selbst einem römisch-katholischen Konservativen wie mir ein, dass ein Stadtteil mit über 30 Prozent Jungs und Mädels islamischen Glaubens ein angemessenes Gotteshaus braucht. Doch so dermaßen sanft, wie ihr Bau wahrgenommen wurde, war's dann auch wieder nicht. Die Betreiber des prächtigen Tempels verzichten nämlich freiwillig auf ihren Muezzin, der normalerweise den Turm hinaufkeucht und die Leute zum Gebet ruft. Das hätte vielleicht den Bogen dann doch überspannt. Nun, kann man auch vorauseilenden Gehorsam nennen. Schließlich bimmelt die gegenüberliegende St. Peter und Paul Kirche die Menschen ja auch aus dem Schlaf. Als Muslim wär' ich da schon ein bisschen sauer. Sei's drum, man sollte sich diesen wirklich fein gelungenen Luxusbau mal anschauen. Schuhe aus und rein. Man wird sehr gepflegt in Ruhe gelassen und wenn man Fragen hat, findet sich sicher ein frommer Mann, der sie beantwortet. Im Keller gibt's ein nettes Café mit guter Nahrung.

Unterm Strich ist Marxloh also ein Stadtteil wie tausend andere in tausend anderen Städten auch. Um halb zwei nachts auf der Straße ist es in etwa so gefährlich wie zur gleichen Zeit im Stadtpark von Malmö. Tagsüber sieht man erfreulich viele Kinderwagen mit Inhalt und recht glücklich anmutenden Frauen. Manche tragen ihr Tuch auf dem Kopf, andere nicht. Das ist ja nun auch wirklich deren Sache. Perspektivlose Jugendliche, die die Straßenecken vollstehen und bescheuertes Deutsch faseln, hab' ich nicht gesehen. Aber ich komme ja irgend wann wieder.

 

 

 

 

 

Mi, 04.01.2012 0

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23.08.2011

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