Dichter und Denker? Richter und Henker!

Moderne Zeiten. Der literarische Vortragswettbewerb erobert die Welt. Im Ruhrgebiet finden 2010 sogar Meisterschaften statt, im November, in Bochum. Rettet der „Poetry Slam“ die Literaturbegeisterung oder ist er die Antwort mutiger Waldorfschüler auf Mario Barth?

Es war einmal in Amerika

Wer hat’s erfunden? Wie so vieles stammt der „Poetry Slam“, der Dichterwettstreit oder die Dichterschlacht, aus Amerika. Woher auch sonst? Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden die Kleinen schon im „Kindergarden“ auf den Wettbewerb vorbereitet, bekommen an der High School nur die besten, nicht die schlausten Sportler Stipendien. Wer denkt, Deutschland habe die Neidkultur erfunden, sollte einmal vier Wochen in einer amerikanischen Kleinstadt im Mittleren Westen verbringen… Amerikaner sind besessen vom Wettkampf. Kein Wunder, dass in Chicago ein Pferdeschwanzträger namens Marc Kelly Smith auf die Idee kam, vortragende Künstler von einem Publikum beurteilen zu lassen. Kein vorauseilender Gehorsam also wie in einer steifen, deutschen Kabarett-Veranstaltung, wo sich Rollkragenpullover-bewehrte Gymnasiallehrer und andere Altachtundsechziger davon überzeugen können, dass ihre Ansichten schon immer richtig waren. Nein, es sollte mehr Pepp in die Bude, statt Hörsäle ging es in die Kneipe, statt Vortrag vor bezahlenden Jubelpersern gab es Interaktion – alle Gewalt geht vom Wort aus. Aber ist das so?

Willkommen am Wörtersee

Neu macht gierig, das ist nicht neu. Wie bei jeder revolutionären Idee verendet die eigentliche Botschaft im Sand. Die (Talente) im Dunkeln sieht man nicht. Denn wer schreibt, ist gern allein, aber ungern einsam? Von wegen! Wer aus leisen Worten epische Lautmalereien kreiert, ist selbstbewusst genug, auf eine Bühne zu steigen und das Publikum von seiner Genialität zu überzeugen. Ein Blick zurück beweist: Hatten die Klassenclowns auch die besten schriftlichen Noten? Also. Nicht nur, dass der „Poetry Slam“ sein eigentliches Ziel, den gekonnten Umgang mit Sprache zu honorieren, in das Gegenteil ummünzt, er geht sogar noch weiter! Und ab da wird es nämlich gefährlich. Wer in einem Land dieser wortgewaltigen Tradition (sowohl positiv als auch negativ) lebt und mit der Sprache jeden Tag und jede Nacht sein Päckchen zu tragen hat, der sollte auch in der Lage sein, eine Veranstaltung nicht „event“ zu nennen, aus der „slamily“ den „slammaster“ auszuwählen, der dann die „performance“ auf der „stage“ in einer „location“ „announct“, wo es dann entweder das „open mic“ oder die „challenge“ gibt, den „dead or alive-“ oder den „deaf-slam“. Jörg Thadeusz ist für seine Moderation des „WDR Poetry Slam“ 2007 für den Adolf-Grimme-Preis nominiert worden, weil er auf diese Anbiederung weitgehend verzichtet hat. Das macht Mut.

Die Lehre aus Harry Potter

Gedichte mit Kurzgeschichten zu vergleichen ist dasselbe, als anschaulich über Musik zu schreiben oder über Architektur zu tanzen. Es geht nicht. Äpfel mit Birnen. Aber das Ziel ist honorig: Bringt den Kids die Sprache näher, lieber spielend als streitend. Denn wer mit Worten spielen kann, schneidet beim Streiten besser ab.

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Do, 24.06.2010 3

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Kommentare

sprache in bewegung

warum wollte man sich nicht an die korrekte fachterminologie halten? für die analyse von lyrik werden seit jeher die gleichen fremdwörter benutzt!
sprache ist immer in bewegung, wird sich immer verändern und bleibt lebendig durch einflüße, neue quellen und impulse. sonst würden wir noch immer wie in goethes zeiten reden und schreiben. und das will doch auch keiner.
apropos kids: die großen gewinner der nationalslams sind auch gerne mal über vierzig. poetry slam ist ein starkes lyrisches genre; es in den bereich der pädagogik abzuschieben ist kurzsichtig und wird dem ganzen nicht gerecht.

Anglizismen sind out!

Aber gerade weil der Spass im Vordergrund steht trifft die Kritik an den (übertrieben) eingesetzten Anglizismen doch ins schwarze. Oder bin ich zu verbohrt?

Poetry Slam

Auch wenn bei so einem Poetry Slam nicht immer alles hohe Dichtkunst ist, macht es doch riesig Spaß. Und das sollte dabei doch auch im Vordergrund stehen

Über den Autor

17.02.2010

Stadt

Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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