
Der Tod eines Wohnzimmers - Roxy Kino schließt
Gedanken zur Schließung des Dortmunder Programmkinos im Herbst 2010
- Serie: Ökonomie
Am Sonntag, den 24. Oktober 2010 schließt das Roxy Kino nach 31 Jahren seinen Vorführraum auf der Münsterstrasse in der Dortmunder Nordstadt. "Das Ende ist mein Anfang" wird die vorletzte Vorstellungen sein.

Das Schwesterkino Camera wird weitermachen. Und es gibt Hoffnung. Hoffnung darauf, dass das Roxy an anderer Stelle seine Pforten erneut öffnen wird. Hoffnung auch darauf, dass andere Macher hier an dieser Stelle das engagierte Programm fortführen werden. Fakt ist aber: ab Montag sind die Lampen im Roxy erstmal aus. Und das tut weh!

Ich persönlich hänge sehr an dem Standort Münsterstrasse. Die Meile war immer ein Stück starke, bunte Heimat für mich. Und das Roxy hat besonders hier den schmalen Grat zwischen mediteranem Flair und vorderasiatischer Parallelgesellschaft begehbar gemacht. Am Ende des Tunnels entlang der KIKs, Falafel Buden, Call Center, Spielotheken und 1Euro-Shops, war das Roxy immer das Licht, das diese Strasse für mich erstrahlen ließ.

Abseits der Münsterstrasse gibt es sie nach wie vor, die strahlenden Konstanten in der Nordstadt: das Subrosa, das leckere Jankas, natürlich das Sissikingkong oder auch die Depothek mit dem Sweet Sixteen Programmkino.
Das Roxy bitte ich, flink und in der Tat eine neue Heimat zu finden.
Meine spontane, wahrscheinlich etwas naive Idee ist ein Comeback des Roxy im demnächst eröffnenden Kino im Erdgeschoss des Dortmunder U, dem RWE Forum!? Da ist die Technik wahrscheinlich State of the art und wird voraussichtlich noch Lücken bei der Vollauslastung haben!!! Aber das ist wohl utopisch!?!

Stichwort digitale Evolution. Hier noch mein bewegendster Roxy Moment ever: Im eh schon hypnotischen Zeitlupenprolog zu Lars von Triers "Antichrist" fing der Film plötzlich erst an zu ruckeln ("mal wieder starker Einfall von Herrn von Trier"?!?) um dann komplett stehen zu bleiben und schliesslich aus der Mitte des Bildes heraus zu ZERSCHMOREN!!!
Das Roxy spielte Filme halt nicht bloss ab,
sondern sie lebten dort.
Abschliessend noch die Stimmen zur Niederlage:
Annika, Dortmund:
Das Roxy ist für mich: Wohnzimmer zum Filmegucken. Bier auf die Hand und echtes Dunkel. Kino von früher. Und Filme mit Gehalt. Ich mag diese Großkinos nicht, die laut sind und voll und industriell. Ich gucke also nur im Roxy oder gar nicht. Ist das altmodisch?
Alexander Kluge, Berlin:
Ich würde niemals auf die Idee kommen, meine Filme in eines dieser grossen Gebrauchskinos zu tragen. Ich würde stattdessen in ein Filmmuseum gehen wie das Centre Pompidou oder das Museum of Modern Art.
(in der Reihe Digitale Evolution, SPEX 11/12 2010)
Peter, Bochum:
Der größte Skandal, den ich im Roxy erlebte, war im Herbst 1989 die Premiere von Peter Greenaways opulentem Meisterstück „Der Koch, der Dieb, seine Frau & ihr Liebhaber“. Nie wieder habe ich erlebt, wie fast 40 Prozent des anwesenden Publikums das Kino verließen, weil sie die gekünstelt stilisierte, aber dennoch krasse schock-barocke Bilderwelt kaum ertragen konnten. Der damalige Theaterintendant (es war nicht John Dew) stand vor dem Kino und beobachtete die Reaktionen des Publikums. Als ich in seine Richtung rief: „So, jetzt gehen wir erstmal Pommes essen“, musste er lachen. An anderer Stelle gefror mir das Grinsen. Als im Jahr 1987 die Premiere von Helge Schneider’s „Johnny Flash“ terminiert war, kam ich zu spät, weil ich Depp mir den Zeitpunkt falsch notiert hatte. Im Vorbeigehen sah ich nur noch den Rücken von Andreas Kunze (der im Film die Mutter von Schneider spielte) und verbrachte den Abend dann halt im Bass, der Kneipe auf der Münsterstrasse, die direkt neben dem Roxy liegt. Hier haben wir uns nach Filmbesuchen im Roxy oft die Köpfe heiß geredet, während im Hintergrund Charlie Parker oder Miles Davis lief. Oder ich habe in halbschräger Haltung einfach nur lakonisch in mein Bier gestarrt. Zum Beispiel als in den frühen 90ern die umfangreiche Kaurismäki-Retrospektive lief. Meinen Lehrer Herr Pfeiffer konnte ich nicht für die Gaststätte mit dem schnellsten Personal im Umkreis von 90 Kilometern erwärmen. Für ihn war es schon aufregend genug, dass wir mit unserem Oberstufen-Englisch-Leistungskurs die Vorführung von „Out Of Rosenheim“ in der Original mit Untertitel“-Version sahen. Der Film war so spannend, dass ich die Hälfte verschlafen habe. Das war aber ein Ausnahmefall. Für meinen Geschmack war die Programmgestaltung des Lichtspielhauses in Dortmund Nord immer wieder großartig. Im Frühjahr des Jahres 2000 konnte ich hier zum Beispiel innerhalb weniger Wochen Ghost Dog (Regie: Jim Jarmusch), Sweet & Lowdown (Regie: Woody Allen) und Bringing Out Of the Dead (Regie: Martin Scorsese) sehen. Hier war ich gerne Abnehmer für wunderbare Filmkunst, hier gab es kaltes Brinkhoff’s Pils aus Halbliterflaschen und Lakritztütchen - und kein widerlich schlecht gezapftes Budweiser oder Cinemaxx-Popcorn in 12-Liter Eimern. Eine bekannte Imagekampagne bringt es auf den Punkt: Kino – dafür werden Filme gemacht!
Thomas, Dortmund:
Mann, ich habe vor 30 Jahren meine erste Godzilla-Filme im Roxy gesehen. Oder die vielen Leben des Brain immer vor Weihnachten, schnüff ...
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Roxy Förderverein
... Na gut, dass wir mal drüber gesprochen haben!
Stark!
Unterschrift folgt...
http://roxyfoerderverein.de/pageID_10000171.html
Treffende Analyse von Christian Westheide
Hallo zusammen!
Finde die Betrachtung von Herrn Westheide sehr einsichtig. Das sind Gedanken, die Holga, Sascha und mir auch durch den Kopf gegangen sind und letztlich dazu geführt haben, die Chance die Tradition des Roxy-Kinos eigenverantwortlich weiterzuführen ergreifen zu wollen. Und das tun wir gerade.
http://www.oneamongmany.net/roxy/offenerbrief.jpg
Für Fragen sind wir gerne da. :)
noch ein rückblick...
http://www.2010lab.tv/blog/langsames-sterben-oder-renaissance-unabh%C3%A...
ohjeeeee, aber egal....
Man hat es kommen sehen. Aber ohne jetzt allzu zweckoptimistisch amerikamäßig rüberzukommen: vielleicht ist die Schließung und hoffentlich Neueröffnung mit neuer Leitung auch eine Chance. Denn aus meiner Sicht haben die Macher zwar das klassische Programmkinoprogramm gemacht, aber sonst gar nix. Den Ort als kulturellen Ort zu bespielen, mit Festivals, Lesungen, Konzerten UND Filmen - viel zu selten, eigentlich nie.
Die Werbung für sich selbst (die nicht viel kosten muss, sonden auch Geld bringen kann durch Konzerte z.B. oder Filmgespräche oder Cross-Over Veranstaltungen) fand faktisch NICHT statt.
Somit ist das Roxy teil der großen Geschichte des ewigen Werden und Vergehen von Kultur (und uns). Ich hab zwar auch Angst vor Jens Prognose mit der Multiplex/Pink Floyd Cover Band Kultur in dieser Region aber ich glaub nicht, dass alle irgendwann Borg sind: Assimilieren oder sie werden vernichtet.
Der neuste Hit aus Berlin: Hit and Run Kino: Filme an verbotenen Orten als exklusive Veranstaltungen. Das funktioniert großartig.
Roxy-Kino schließt
Und ich dachte schon, das Nordstadt-Kino schließt und keiner merkt es. Dieses Forum zeigt, dass es nicht ganz so ist. Genau genommen schließt das Roxy-Kino heute, Mittwoch, 20.10. nach der letzten Vorstellung. Ich gehe mit meiner Ehefrau noch einmal hin.
Das bricht mir das Herz...
... und versaut mir den ganzen Tag.
Die Lücke wird nicht zu schließen sein, denn ich finde es ist nicht nur die Filmauswahl, die das Roxy zum Roxy macht(e). Ein neues Roxy im "U"? Kann ich mir nicht vorstellen....
Noch ein Grund weniger, in die Nordstadt zu kommen....
Traurig... und wieder geht für mich ein Stück meiner Identifizierungsmöglichkeiten mit dieser Stadt verloren.
Horrorszenarios
da möchte auch ich mein bedauern kundtun;
habe dort in all den jahren schöne kinomomente und auch ´n paar flops erlebt.
überhaupt ist es traurig und ärgerlich, wenn immer wieder liebgewonnenes schließt oder verschwindet (plattenladen last chance, diverse clubs, chillR etc. pp.).
horrorszenario: irgendwann gibt es dann nur noch großraumkinos, ü-30 parties mit grauenhaften partyklassikern, cafeketten, in denen sich steppjackenbesucher aufhalten und live gigs von ich+ich oder pink-floyd gedächtnisbands...
mit andern worten (ohne pathos): jede kultur zerstört sich irgendwann selbst...