Still aus "Communitas" von Aernout Mik © Florian Braun

„Communitas, Commune, Communismus“ – Zur Zukunft der Gemeinschaft

Das Symposium zur Ausstellung „Communitas“ von Aernout Mik

Eine Co-Produktion unter Nachbarn: Das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) und das Museum Folkwang sprachen anlässlich der aktuellen Ausstellung von Aernout Mik mit Gästen über den Wert von Gemeinschaftskonzepten. Wichtige Protagonisten: die Occupy-Bewegung, Dieter Kunzelmann und Slavoj Žižek.
 


„There is no such thing as society“ – Margaret Thatcher

Wenn die soziologische und kulturwissenschaftliche Sicht des KWI auf den künstlerischen Blick von Folkwang trifft, dann wird es schwierig für politische Diskussionen. Das merkten an diesem Tag verschiedenste Referentinnen und Referenten. So gleich zu Beginn Francesca Raimondi, die das „Communitas“-Konzept von Victor Turner vorstellte – ein Einfluss und Namensgeber der Ausstellung Miks, aber ebenso ein zwar offener, aber gleichzeitig wissenschaftlicher Begriff. Im Gegensatz etwa zum deutschsprachigen Wort „Gemeinschaft“ geht es Turner nur bedingt um ethnische oder politische Gruppen, wenn er von „Communitas“ (eher wie in „community“) spricht. Ihm liegt es an etwas, das im Deutschen eher in Richtung „Weltgeist“ zu verorten wäre, also eine unspezifische, unorganisierte und möglichst undefinierte Form eines Zusammengehörigkeitsgefühls bzw. dessen Grundlage. Gerade wenn wie z.B. bei Deleuzes Nomaden sich Neues aus zerbrochenen alten Strukturen ergibt, ist die “Communitas” spürbarer als in klar strukturierten Systemen. Oder: Gerade wenn Ordnungen zerbrechen, wird der Blick auf darunter liegende Prinzipien einer allgemein menschlichen Gemeinschaft klarer. „Communitas“ ist jenseits von „Staat“, „Volk“, „parlamentarische Demokratie“ oder „Vereinte Nationen“, aber bedeutet auch nicht einfach „weltumspannende, undefinierbare neue Bewegung“.

Francesca Falk zeigt daraufhin mit kultur- und medienkritischem Blick, wie die westliche Kultur die Aufstände im Nahen Osten, aber auch die auf den eigenen Straßen ihrer eigenen Ideologie angepasst hat. Besonders deutlich wird dies an den teils auch persönlichen Beziehungen, die zu der Person des Jahres des Time Magazine geführt haben: Basis der Zeichnung „The Protester“ ist ein Foto der Aktivistin Laura Mason. Sie dient als personalisierte, bemützte und verhüllte Ikone, stellvertretend für die „Massen“ im Hintergrund, die anscheinend einfach nur Arbeitsplätze brauchen. „Die da unten“ bitten „die da oben“, für sie arbeiten zu dürfen – darum ging es also in Ägypten, Tunesien, New York und Co? An diesem Punkt wird recht fassbar, dass Pop-Ikonographie und Protest heute weniger denn je an einem Strang ziehen können, vor allem wenn es um eben nicht zu verallgemeinernde Widerstandsphänomene geht. Was den einen Anliegen ist, ist den anderen eine Währung, ob nun in klingender Münze oder Reputation/Quote.


“Nimm dir einen Regelkreis und tu dich mitten rein. Schnell erhältst du den Beweis: Besser kann die Welt nicht sein.“ – F.S.K., „Lob der Kybernetik“

Still aus
Still aus "Osmosis and Exces" von Aernout Mik © Florian Braun
“Die Zuschreibung 'Blogger' trennt uns von den Menschen hier”, sagte ein Tunesier zu Francesca Falk. Und auch in der Kunst und bei Kommunen ist dieses „Drinnen oder Draußen“ essentiell. Sabine Maria Schmidt erklärt in diesem Zusammenhang, dass es ihr oft darum geht, aus der Kunst heraus Handlungsspielräume zu eröffnen – durchaus mit lokalem Charakter wie u.a. bei „Hacking the City“. Sie interessieren daher vor allem Künstler, denen an den Konsequenzen ihrer Kunst gelegen ist. Ein Plädoyer für Intervention aus der Kunst heraus. Claus Leggewie liefert einen reich bebilderten rant ab, welche sich an Rebellen (oder den Staat) heranschmeißende Formen von Kunst er nicht mehr sehen mag. Stattdessen präferiert: „Dechiffrierung und Dekonstruktion verbrauchter politischer Zeichen“. Wie das so ist bei breit aufgestellten Symposien ist der Weg dann nicht weit zu Kommunenkonzepten von vor 40 Jahren und heute, zum imaginierten Zusammenhalt virtueller Gemeinschaften in den social media und dem Kommunismus.

Ja, es ist schwer, sich zurecht zu finden in all den Gemeinschaftskonzepten, die in sechs Stunden und bei neun Referentinnen und Referenten – einer Parade von Gemeinschaftskonzepten nicht unähnlich – durchexerziert werden. Da muss Frank Ruda Slavoj Žižek (und Alain Badiou) exemplarisch verteidigen, wenn es um die Frage geht, ob die Idee des Kommunismus schon nach etwas mehr als einem Jahrhundert aufgegeben werden kann, obwohl z.B. Christentum, freiem Unternehmertum und Demokratie a) mehr Zeit zugestanden wird und b) diese auch viel Unheil produziert haben. Und Wolfgang Kraushaar darf einmal mehr mit den 68er-Kommunen abrechnen, dann ein Neo-Kommunarde von seinem Hof in Niederkaufungen erzählen, bevor Oliver Leistert erklärt, warum social media eben nicht sozial oder Gemeinschaft stiftend sind. Hier könnten sich spannende Fragen über Ähnlichkeiten dieser jeweils recht hermetischen Konzepte ergeben, leider ist die Zeit knapp und alle sind auf ihr eigenes Sub-Thema konzentriert.


„If you want to be a different fish, you’ve got to jump out of school“ – Don Van Vliet

Und so müssen sich die Besucher des Symposiums alles selbst zusammen puzzeln: Wenn also in Zeiten eines endgültig überbordenden Finanzmarktes die parlamentarische Demokratie an ihre Grenzen stößt und die verbindende Antithese Kommunismus desavouriert ist, (wie) kann und soll dann überhaupt eine Art Gemeinschaft aus Prekarierten und Marginalisierten definiert werden? Wird die Revolution nun im TV oder Internet übertragen oder ist es etwas anderes, das da präsentiert wird? Ist es also sinnvoll, wenn in der westlichen Welt immer mehr Leerstellen statt konkreter Forderungen auftauchen, wenn „der Chor stumm ist“ (Leggewie) wie bei Aernout Mik? Oder braucht es klare Aussagen und alternative Lebensansätze – die dann aber eine mögliche globale Bewegung erschweren? Hat jemand in Ägypten oder Iran nicht andere Sorgen als solche? Und vielleicht: Warum fühlen sich diese Deutschen eigentlich ständig für alles zuständig? Schönes Denken und viel „Inspirierendes“ also auf diesem Symposium, sowie einige News zu alltäglicher Propaganda. Der Gesamteindruck aber: Kritische Theorie bleibt gut (und „cool“), wenn sie in eigenen Kulturkreisen wirkt; das Reden in akademischen und künstlerischen Zirkeln über und das Instrumentalisieren von Aufständen hingegen kann nach wie vor gut nerven – selbst wenn man nicht aus dem Nahen Osten ist.
 

Freundliche Hinweise:

„Communitas“ von Aernout Mik noch bis zum 29. Januar im Museum Folkwang.

"Tanz mit dem Jahrhundert": Claus Leggewie trifft Stéphane Hessel am 14. Februar in der Lichtburg Essen.

 

 

Do, 26.01.2012 0

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04.12.2009

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