
„Communitas, Commune, Communismus“ – Zur Zukunft der Gemeinschaft
Das Symposium zur Ausstellung „Communitas“ von Aernout Mik
Eine Co-Produktion unter Nachbarn: Das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) und das Museum Folkwang sprachen anlässlich der aktuellen Ausstellung von Aernout Mik mit Gästen über den Wert von Gemeinschaftskonzepten. Wichtige Protagonisten: die Occupy-Bewegung, Dieter Kunzelmann und Slavoj Žižek.
„There is no such thing as society“ – Margaret Thatcher
Francesca Falk zeigt daraufhin mit kultur- und medienkritischem Blick, wie die westliche Kultur die Aufstände im Nahen Osten, aber auch die auf den eigenen Straßen ihrer eigenen Ideologie angepasst hat. Besonders deutlich wird dies an den teils auch persönlichen Beziehungen, die zu der Person des Jahres des Time Magazine geführt haben: Basis der Zeichnung „The Protester“ ist ein Foto der Aktivistin Laura Mason. Sie dient als personalisierte, bemützte und verhüllte Ikone, stellvertretend für die „Massen“ im Hintergrund, die anscheinend einfach nur Arbeitsplätze brauchen. „Die da unten“ bitten „die da oben“, für sie arbeiten zu dürfen – darum ging es also in Ägypten, Tunesien, New York und Co? An diesem Punkt wird recht fassbar, dass Pop-Ikonographie und Protest heute weniger denn je an einem Strang ziehen können, vor allem wenn es um eben nicht zu verallgemeinernde Widerstandsphänomene geht. Was den einen Anliegen ist, ist den anderen eine Währung, ob nun in klingender Münze oder Reputation/Quote.
“Nimm dir einen Regelkreis und tu dich mitten rein. Schnell erhältst du den Beweis: Besser kann die Welt nicht sein.“ – F.S.K., „Lob der Kybernetik“
Ja, es ist schwer, sich zurecht zu finden in all den Gemeinschaftskonzepten, die in sechs Stunden und bei neun Referentinnen und Referenten – einer Parade von Gemeinschaftskonzepten nicht unähnlich – durchexerziert werden. Da muss Frank Ruda Slavoj Žižek (und Alain Badiou) exemplarisch verteidigen, wenn es um die Frage geht, ob die Idee des Kommunismus schon nach etwas mehr als einem Jahrhundert aufgegeben werden kann, obwohl z.B. Christentum, freiem Unternehmertum und Demokratie a) mehr Zeit zugestanden wird und b) diese auch viel Unheil produziert haben. Und Wolfgang Kraushaar darf einmal mehr mit den 68er-Kommunen abrechnen, dann ein Neo-Kommunarde von seinem Hof in Niederkaufungen erzählen, bevor Oliver Leistert erklärt, warum social media eben nicht sozial oder Gemeinschaft stiftend sind. Hier könnten sich spannende Fragen über Ähnlichkeiten dieser jeweils recht hermetischen Konzepte ergeben, leider ist die Zeit knapp und alle sind auf ihr eigenes Sub-Thema konzentriert.
„If you want to be a different fish, you’ve got to jump out of school“ – Don Van Vliet
Und so müssen sich die Besucher des Symposiums alles selbst zusammen puzzeln: Wenn also in Zeiten eines endgültig überbordenden Finanzmarktes die parlamentarische Demokratie an ihre Grenzen stößt und die verbindende Antithese Kommunismus desavouriert ist, (wie) kann und soll dann überhaupt eine Art Gemeinschaft aus Prekarierten und Marginalisierten definiert werden? Wird die Revolution nun im TV oder Internet übertragen oder ist es etwas anderes, das da präsentiert wird? Ist es also sinnvoll, wenn in der westlichen Welt immer mehr Leerstellen statt konkreter Forderungen auftauchen, wenn „der Chor stumm ist“ (Leggewie) wie bei Aernout Mik? Oder braucht es klare Aussagen und alternative Lebensansätze – die dann aber eine mögliche globale Bewegung erschweren? Hat jemand in Ägypten oder Iran nicht andere Sorgen als solche? Und vielleicht: Warum fühlen sich diese Deutschen eigentlich ständig für alles zuständig? Schönes Denken und viel „Inspirierendes“ also auf diesem Symposium, sowie einige News zu alltäglicher Propaganda. Der Gesamteindruck aber: Kritische Theorie bleibt gut (und „cool“), wenn sie in eigenen Kulturkreisen wirkt; das Reden in akademischen und künstlerischen Zirkeln über und das Instrumentalisieren von Aufständen hingegen kann nach wie vor gut nerven – selbst wenn man nicht aus dem Nahen Osten ist.
Freundliche Hinweise:
„Communitas“ von Aernout Mik noch bis zum 29. Januar im Museum Folkwang.
"Tanz mit dem Jahrhundert": Claus Leggewie trifft Stéphane Hessel am 14. Februar in der Lichtburg Essen.
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