Autoren im Ruhrgebiet: Schreib-Waisen eines Porno-Proll-Potts im Übergang?...

...Oder: Das Gute kommt auf leisen Sohlen.

Selbstironisch gab sich eine Bochumer Tagung kürzlich den Titel „Literaturwunder Ruhr“. Trotzdem winkte ein bekannter 2010LAB-Blogger bierernst ab und kommentierte, dass „niemand im Ernst behaupten“ könne, „es gäbe eine lebendige Literaturszene an der Ruhr“. In der Zuspitzung dürften Utopisten wie Schwarzseher gleichermaßen falsch liegen, auch wenn Jürgen Lodemann als Advocatus Diaboli auflistete: „Vom Welt-Dichterclub PEN gibt es in Berlin 196 Mitglieder, (...), in Frankfurt 35, in Freiburg sieben, in Essen (...) keinen einzigen. Dummsdorf wird Kulturhauptstadt?“

Doch nicht jeder, der gut schreibt, muss gleich PENner werden oder will überhaupt– frei nach Woody Allen – in einen Club, der bereit wäre, gerade ihn aufzunehmen. Tatsache bleibt: Mit dem Ruhrgebiet verbindet man heute mehr Schriftsteller denn je, die meisten sind hier im Blog auch längst genannt.

Selbst die Lyrik wird endlich wahrgenommen

Der 2010 von mir herausgegebene Band „Stimmenwechsel. Poesie längs der Ruhr“ erschien bereits im Februar in der zweiten Auflagen und stellt endlich auch die jungen Stimmen vor. „Stimmenwechsel“ zeigt auch, dass die Zukunft der Lyrik hier weiblich sein dürfte. Starke Stimmen wie die von Ivette Vivien Kunkel (31), Katharina Bauer (27) oder Anna Linke (17) finden zurzeit keine Entsprechung bei den jungen Testostoronauten, die vielleicht lieber slammen, rappen, zappen, deren Texte aber selten gedruckt vorliegen.
Doch selbst „Stimmenwechsel“ mit seinen über 50 Temperamenten und Schreibweisen ist eines noch lange nicht: eine auch nur halbwegs vollständige literarische Widerspiegelung der Mentalitäten, Sprachen, Kulturen, zersplitterten Lebens- oder Arbeitswelten hierzulande.

Universum des Nebeneinanders

Da gäbe es noch viel zu entdecken. Die türkischstämmige Community z.B. konnten wir selbst über WAZ und Internet nicht erreichen. Dennoch vermittelt „Stimmenwechsel“ einen aktuellen Einblick in die unterschiedlichen Bewusstseinsströme, Traditionen und Perspektiven einiger Bewohner dieses Landstrichs. Sichtbar wird die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in Texten und Autorenbiografien von Migrantinnen und Flaneuren, Insidern und Außenseitern. Und alle – scheint’s – leben in ihren Paralleluniversen, wissen nichts voneinander oder wollen nichts voneinander wissen.

Literatur unterhalb der Wahrnehmungsschwelle

Alles in allem dürfte spätestens mit den Folgen des Finanzcrashs (als dem größten Wirtschaftsverbrechen aller Zeiten) genug Kunst-Stoff für alle da sein, um Bilder der Region zu verbinden mit den großen Themen der Weltliteratur und zeitgenössischen literarischen Strömungen. Schließlich sitzen hier milliardenschwere Konzerne neben den von Westerwelle gehetzten Hartz-IV-lern, leben Gestrandete neben Deutschen, die vom Ausreisen träumen als Flucht aus ungelebtem Leben. Armut wächst sichtbar neben immensem Reichtum, vor allem geistige Armut. Stahl, Kohle, Nokia – vieles geht unter oder droht wie Opel unterzugehen. Manches blüht auf wie die Logistik-Branche oder die Gamefactories der Softwarebranche und eben auch die Literatur, das literarische Leben, allerdings eher unterhalb jeder Wahrnehmungsschwelle, unbemerkt von der großen Öffentlichkeit.

Sie ist längst da, die kleine Neue Unübersichtlichkeit, in der Vielfalt der Stoffe und Genres, mit der nicht nur der schreibende Nachwuchs arbeitet. Außerdem wird das Ruhrgebiet wieder bereist und beschrieben. In der Zeitschrift „Theater der Zeit“ (2/2010) erklärt Ranjit Hoskoté, warum er sich im Ruhrgebiet als Teil einer für ihn ländlichen Industrieidylle so gut erhole von der Hektik der globalen Metropole Bombay, in der er sonst wohnt. Und Feridun Zaimoglu betrachtet das Ruhrgebiet als „Discountdiaspora. Jubel und Jammer jeden Tag“. Mit äußerst heterogenen Figuren, die erst noch zu entdecken wären als Panoptikum der Spießer und Aufgespießten, als „Ethnoperformer“ und weiße Säufer, allesamt Bürger im Übergang in ein „porno-proletarisches Gesellschaftmodell“. Zaimoglu: „(...) tatsächlich lässt sich der Ruhrpott am besten verstehen, wenn man den Eingeborenen, den Alteingesessenen und Dazugestoßenen ihren Alltag abschaut und niederschreibt.“

„The best is yet to come“

Und auch bei den alteingesessenen und dazugestoßenen Autoren selbst ist sie zu finden, die neue Vielfalt mit spannenden Tönen, Tonlagen, Melodien, Rhythmen und Klangfarben. Ihre Texte laden ein zu Himmel- und Höllenfahrten durchs Revier. Mehr und mehr Autoren richten sich ein im Unbehagen zwischen neuer Vielfalt und alter Tristesse und spüren deren Ursachen nach. „The best is yet to come“ sang einst Frankieboy und das dürfte auch für die Literatur aus dem Ruhrgebiet gelten. Das erste Mal in dessen Geschichte besteht die Chance, dass die Städtelandschaft durch ihre Bewohner sich selbst gekonnt zur Sprache bringt, erzählt oder besingt, weil Menschen jetzt hier leben, die sich mal als junge Rebellen verstehen, mal als Best Ager jene Lebenserfahrung mitbringen, jene Sprache, Sprachen und Bildung, um die nervöse Welt im globalen Wassertropfen Ruhrgebiet in neue Bilder zu fassen.

Foto: chelseagirl (Profil bei piqs)
 

Mo, 12.04.2010 2

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Kommentare

Der "Experte" rät:

Frage nicht was dein Gedicht für dich tun kann, sondern was du für dein Gedicht tun kannst!

---und was hält der experte von diesem Gedicht?

"Die Rechtschaffenheit

Es straft sich nachts, wer Stimmen spricht
und jenseits jeden Glücks entfaltet
So rücksichtsfrei wie lichterloh
Sein Ahnenherr kühl spaltet
Und Rettungsringe werden froh
Ins nichts und nie geworfen
Verschleudert gar, wer glaubt mir, treu
Ist niemand mehr gescheitert
So Ratsaal ich such, so such ich Verstand
In Zeilen Pest steckt nimmermehr Vernunft
Denn wer den Abgesang nicht abklingt
Die Bosheit nicht dürftig in sengendes Eisen strickt
Der verweigert sich selbst aller Kunst
Streif mich, schickliche Böe
Schon mich, edler Verstand
Reife mit mir, kindliche Würde
Holpere mit mir, eiserne Hand
So wie sich ein paar Hufe küssen
So lebt sich zwischen Schreibergen aus Laub
Wem die Stimme der Wehmut in Herzen nicht tönet
Dem wäre prinzipiell keine Andacht gegenüber formulierbar"

Hahn von Opel 2010

Über den Autor

08.03.2010

Stadt

Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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