25 Jahre Live Aid

Vor einem Vierteljahrhundert betrat die Popkultur eine neue Dimension: Ein 16-stündiges Simultankonzert auf zwei Kontinenten wurde zum größten kollektiven Musikevent. Möglich wurde das Megaspektakel, eine Hilfsaktion für Äthiopien, durch wackelige Satellitentechnik. Und durch einen bemerkenswerten Altruismus, inmitten eines hedonistischen Jahrzehnts.

Sie waren mal wieder ihrer Zeit voraus: Als David Bowie und Mick Jagger den Plan für ihren Live Aid-Auftritt ausheckten, schwebte ihnen ein interkontinentales Duett vor. Bowie, auf der Bühne in Philadelphia, und Jagger, im Londoner Wembley Stadium, wollten gemeinsam „Dancing in the street“ singen – synchronisiert durch eine transatlantische Liveschaltung. Doch die Technik war noch nicht reif – und da beide aufgrund der leichten Zeitverzögerung ihren Groove nicht finden konnten, zeigten sie schließlich einen Videoclip. Nur 25 Jahre ist das her, doch diese Anekdote erscheint wie ein fahler Schatten aus einer weit entfernten Ära.

Ein mediales Popspektakel

Das von Bob Geldof organisierte Live Aid-Konzert (Untertitel: „The Global Jukebox“) versammelte die größten Stars der 60er, 70er und 80er auf zwei Bühnen: Bob Dylan, Paul McCartney, Queen, Madonna, Bowie, The Who, The Beach Boys, Led Zeppelin, U2, Run DMC, Sting, Elton John, Phil Collins, Duran Duran und viele andere spielten ohne Gage. Collins, das fleißige Lieschen, sogar in beiden Städten: Nach seinem Gig in London setzte er sich in eine Concorde, um wenige Stunden später in Philly aufzutauchen.

Die Energie dieses besonderen Tages, eine Mischung aus Woodstock-Gefühl und Public Viewing-Ekstase, ist auch heute noch präsent: „Das war das erste große globale Pop-Medienereignis, das uns alle beschäftigt hat – und wo alle auch zugeguckt haben“, erinnert sich Rainer Schmidt, Chefredakteur des deutschen Rolling Stone: „Jeder weiß, was er damals gemacht hat. Ich will das jetzt nicht mit der Mondlandung vergleichen, aber es war noch Monate und Jahre danach Gesprächsthema.“

Die soziale Ader der Fun-Generation

Der Anlass allerdings hätte trauriger nicht sein können: Eine Dürrekatastrophe in Äthiopien trieb Bob Geldof, den mittelmäßig erfolgreichen Sänger der Boomtown Rats, zur Organisation des Events. Auch nach Konzerten für Bangladesch (George Harrison), Krebshilfe (Elvis) und Kampuchea – eine solch geballte Wohltätigkeit der Popstars war neu: „Die 80er hatten ja wie ein Zirkus angefangen: Nach der Punkwelle Ende der 70er tauchten plötzlich Leute wie Spandau Ballet oder Adam Ant in Fantasiekostümen auf, Madonna forderte mehr Holiday und Cyndi Lauper verstand unter Gleichberechtigung lediglich Fun. Dieser Generation war wenig soziales Engagement zuzutrauen“, meint DJ und Journalist Mike Litt von Eins Live. „Dass dann ausgerechnet diese Musikerriege das bis dahin größte Benefiz-Konzert bestritt, war die richtiger Antwort auf das ,No Future' der Punks – genauso wie eine Ansage an die 68er, die die Verantwortung eigentlich als für sich gepachtet betrachteten.“

Die Bundes-Pop-Elite "Nackt im Wind"

Auch in Deutschland: Hier wurde im Laufe des Tages die „Band für Afrika“ zugeschaltet, vor dem Kölner Dom sangen Grönemeyer, Lindenberg, Nena, Maffay, Lage, Westernhagen & Co. die skurrile, von BAP-Sänger Niedecken getextete, Nummer „Nackt im Wind“. Am Ende des langen Tages verbuchten die Organisatoren weltweit über 100 Millionen Euro Spendengelder, die allerdings unter dubiosen Umständen verteilt wurden.

Was blieb sonst noch übrig? Der Auftritt von Queen, der 2005 von der BBC als bestes Konzert der Rockgeschichte gewählt wurde. Eine große Tradition von Nachahmer-Konzerten, darunter auch das „Live 8“ 2005. Und die Spezies „Pop-Saubermann“, wie Bono und der später zum Ritter geschlagene Sir Bob Geldof. Letzterer kann manchmal allerdings ziemlich nerven. „Das habe ich ihm verziehen“, relativiert Rainer Schmidt die stetige Präsenz des Live Aid-Erfinders, „weil er durch diese Plattform viel Gutes vollbracht hat: Für Äthiopien einerseits und für uns Fernsehzuschauer und Musikfans andererseits. Deswegen: Danke, Bob Geldof!“

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Di, 13.07.2010 1

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Kommentare

und die nächste dimension?

wenn ich das lese, denke ich: so ein schritt fehlt der musik heute? damals eignete sich musik die globalisierung an - nicht als markt, sondern als gesellschaftsform, sollen wir sagen als "gutmenschen-attitüde?" (ist etwas böse, ich weiß). Doch das war richtig und wegweisend. Was eignet sich Musik heute an? Was müßte sie anpacken, um so gesellschaftlich relevant zu bleiben? Die Standard-Antwort wäre nun "Musik an den Schulen". Ich behaupte es jetzt einfach mal: "Das reicht nicht. Das reicht nicht. Aufwachen!" Wo ist die nächste Dimension?

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06.01.2010

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