Juicy Beats 18: Fokus Underground

27.000 Besucher erhitzt und zufrieden

Volljährig ist das wohl schönste und entspannteste deutsche Festival für elektronische Musik, DJ-Culture, Hip Hop, Reggae, Weltmusik und Artverwandtes dieses Jahr geworden – die 18. Auflage im Dortmunder Westfalenpark wird in der Geschichte von Juicy Beats einen hohen Stellenwert einnehmen.

Siebentausend Besucher mehr als im letzten Jahr, sicher zu einem Gutteil auch dem perfekten Sommerwetter geschuldet, ließen die Zählmaschinen erst bei 27.000 stoppen. So viel nackte Haut war nie, so viele bunte Regenschirme als Sonnenschutz auch nicht, und endlos war der Wasserdurst. Die freien Wasserstellen wie von Gnu- und Antilopenherden umlagert, die Flamingoteiche mit nackten Füßen aufgewirbelt, den Buschmühlenteich mit den Karpfen geteilt. Und wenn man dann noch Berliner Hipster ist und Vollbart zur Kampfjacke tragen muss wie der schwer angesagte Hip Hop-Entertainer MC Fitti, hat man’s doppelt schwer. Internet-Phänomene wie dieser voll nette Kauz bildeten einen Teil des umfangreichen Programms – den Hype um seine Person konnte Fitti mit einer forschen, durchaus lustigen Show rechtfertigen; ob der Typ jedoch mehr ist als eine Eintagsfliege, wird man sehen. Hauptacts wie Marteria mit diesem furchtbaren Hit „Lila Wolken“ bestärken zwar meine These von der Verschlagerung sämtlicher Spielarten der Popmusik, aber nun ja, das ist halt die Hauptbühne und die Kiddies wollen was zum Mitsingen.

 

Keinen Bock auf Autoradio-Mainstream

27.000 Besucher waren beim 18 Juicy Beats Festival dabei

Nicht zu Unrecht behauptet Veranstalter Carsten Helmich, dass das Juicy-Beats-Programm seit den Anfängen (damals noch Juicy Fruit genannt und von Wrigley’s wegen Namensgleichheit zu einer Kaugummisorte unterbunden) immer den „Fokus Underground“ hatte und sich an ein vorurteilsfreies, aufgeschlossenes Publikum richtet. Das stimmt weiterhin so, auch wenn sich eine gewisse Einsliveisierung wohl nicht gänzlich verhindern lässt. Wer keinen Bock auf Autoradio-Mainstream hatte, wird von den vielen kleinen Acts und Nebenbühnen sicher nicht enttäuscht gewesen sein. „Nah an den Bühnen und Bands“ zu sein, sagte eine junge Besucherin, sei eins der positiven Kennzeichen von Juicy Beats, die Stimmung sei toll, „beflügelt von der Sonne.“ Andere Zuschauer beurteilten das Line-Up mit vielen angesagten Namen und aktuellen Chart-notierten Acts etwas kritischer, aber man muss bedenken, dass die Künstler zum Teil vor Monaten gebucht wurden, als so manches heutige Hit-Album noch gar nicht auf dem Markt war. Wenn Carsten Helmich und sein Team eins können, dann aus der Szene heraus Trüffelschwein spielen und die großen Namen von morgen buchen, bevor andere Booker überhaupt die Augen aufgeschlagen haben.

 

Verwandelte Füchse waren die Besten

Preziosen gab es überall zu entdecken. Sehr gut, dem erwachsenen Alter von Juicy Beats angemessen, funktionierte zum Beispiel die Worldbeat Stage von Funkhaus Europa, jedermanns Lieblingssender. Knorke nach vorne auf die Elektro-House-Zwölf gab’s hingegen am anderen Ende des traumschönen Westfalenparks rund ums Daddy Blatzheim. Wie immer waren die Tänzer an den Wasserbecken die Eifrigsten; der Kittball Deep- & Techhouse Floor brodelte und brodelte. Und für den aufgeklärten Indie-Veteranen ist die FZW-Bühne jedes Jahr aufs Neue eine Offenbarung. Nicht, weil die großen Notwist erneut aufspielten (zuletzt vor zwei Jahren dabei), sondern weil die Hamburger Soulsängerin Leslie Clio Gänsehaut-Momente bescherte und vor allem, weil wir Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi endlich live kennen lernen durften – das Berliner Rap-Projekt um die Schauspielersöhne Robert und Johannes Gwisdek („Sie mögen sich“) ist von viel gutem Punk- und Rocktheater-Spirit beseelt und hat die tollsten, abgefahrensten Texte über verwandelte Füchse, die es je in der Geschichte der Poplyrics gegeben hat.

Und dass die Nacht den DJs gehörte und bis 4 Uhr morgens dauerte, muss ja auch nicht jedes Jahr neu geschrieben werden, oder?

 

Text: Peter Erik Hillenbach

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Di, 30.07.2013 0

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