Jazzmarathon: 24-hour-run in Wroclaw
Eine Kooperation zwischen dem polnischen Festival Jazztopad und jazzwerkruhr
"Wir fangen an mit einer Clubnacht...", sagt Nadin Deventer, und das ist nach einer langen Busfahrt von NRW nach Wroclaw/Breslau sicher ein kühner Satz. 30 Musiker aus NRW und Polen werden in den nächsten 24 Stunden 40 Konzerte an 15 Locations geben, da ist die Clubnacht nur die Lockerungsübung zum Anfang. Parallel läuft nämlich gleich eine audiovisuelle Nacht und erweitert das musikalische Spektrum jazzgemäß in die Nachbargenres. In den Moderationen zwischen den Sets gesteht jazzwerkruhr-Organisatorin Nadin Deventer, sie sei mit der einen oder anderen Formation "immediately in love" gefallen; man sieht, wie stolz und glücklich sie über die Verwirklichung dieses wahnsinnigen Projektes ist und spürt das Fieber aller Beteiligten.
"What's in the fridge?" lautet die Frage des Festivals - was ist hier überhaupt los? Was geht? Gehen tut so einiges; nach der Clubnacht zum Beispiel eine kleine Breakfast-Session, in der mal eben 21 Musiker zusammen jammen und diskutieren. Beim City Run treten Duo- und Trio-Konstellationen auf, die nie zuvor zusammen gespielt haben, und sie spielen in Cafés und Kneipen ebenso wie in privaten Wohnzimmern. Lyrische Töne hinter zugezogenen Gardinen, das Publikum teilt sich dicht gedrängt das einzige Sofa. "Wir tragen unsere Musik in die ganze Stadt", begeistert sich ein Musiker. Musikjournalist Wolf Kampmann ist klar der Meinung: "Das Festival spielt nicht im Elfenbeinturm, es geht darum, das alltägliche Leben mit Musik im Einklang zu bringen!"
Der Final Countdown findet in der Philharmonie von Wroclaw/Breslau statt, womit das komplette Spektrum von der Clubnacht bis zum kammermusikalischen Konzert und vom Wohnzimmer bis zur Philharmonie ausgereizt wurde. Darf es ein Resümee aus Professorenmund sein? Florian Weber, Pianist aus Köln, fasst das gesamte Projekt zusammen: "Wir können es uns nicht länger leisten, dass man nur alleine kämpft. Europa ist zu wenig vernetzt und diese Vernetzung klappt nur, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Es betrifft alle Ebenen. Es betrifft Musiker, Journalisten und Organisatoren."
Kürzer sagt es Nadin Deventer: "Wahnsinn. NIE WIEDER!"
Und lacht.
Hintergrundinformation: Darum ging's eigentlich
Das Land Nordrhein-Westfalen plant für 2011/2012 einen internationalen Kulturaustausch mit Polen. Im Mittelpunkt dieses spartenübergreifenden Projekts stehen die zeitgenössischen Kunst- und Kulturszenen beider Länder. Wegen ihrer erfolgreichen internationalen Aktivitäten u.a. im Rahmen von jazzplayseurope und RUHR.2010 wurden Nadin Deventer und jazzwerkruhr mit der Entwicklung eines Kooperationsprojekts beauftragt, das 2011 in Wroclaw stattfindet und in 2012 in NRW fortgeführt werden soll. Nadin Deventer und der künstlerische Leiter Piotr Turkiewicz des Breslauer Jazzfestivals „Jazztopad“ (beide seit 2007 Partner des paneuropäischen Netzwerkes jazzplayseurope) planen zum Abschluss des Festivals 2011 eine 24-Stunden-Aktion mit Clubkonzerten, morning sessions, gemeinsamem Frühstück und Debatten mit Journalisten in der Philharmonie, kleineren Szene- Locations/Theatern, Clubs und Privathäusern.
Aus diesem Anlass werden ca. 30 der talentiertesten und renommiertesten Musiker, DJs, Visual-Artists und Bands aus NRW und Polen zusammengeführt (u.a. vom shiny toys Festival aus Moers, dem Musikerkollektiv KLAENG aus Köln, der beatplantation aus Oberhausen und natürlich mit Musikern von jazzwerkruhr); mit Uri Caine wird ein namhafter Protagonist im weltweiten Jazz-Zirkus mit von der Partie sein. Von Modern Jazz bis DJ-ing, von audio-visuellen Experimenten und Noise bis zu kammermusikalischen Hauskonzerten bildet der 24h-run durch die ganze Stadt eine äußerst vielseitige und aktuelle Palette der zeitgenössischen improvisierten Musik ab.
Text: Peter Erik Hillenbach
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