aufgenommen und abgemischt / Episode 07 - Punkrock
- Serie: Recorded and Remixed
Unsere heutigen Gesprächspartner haben etliche Leitbilder ihrer Punkwurzeln in ihr schöpferisches Leben gepackt, wenn sie heute als Bezirkspolitiker, Labelmanager oder TV-Reporter arbeiten. „Man braucht schon Glück und einen langen Atem“, sagt Swen Bock über sein Selbstverständnis, als er uns die Gänge des Plastic Bomb-Mailorders zeigt. Diese Lagerhalle liegt etwas abgelegen in einem Duisburger Hinterhof. Wir haben uns hier in diesem Gebäude verabredet und wollen mit ein paar Akteuren über Punkrock im Ruhrgebiet diskutieren.
„Punk ist Arbeit“
Das Plastic Bomb wurde im Jahr 1993 als Fanzine gestartet. Inzwischen gehört auch ein Mailorder-Vertrieb, eine Radio-Show und ein Label zum Wirkungskreis, auf dem Bands wie z.B. die ebenfalls in Duisburg beheimateten Eisenpimmel Platten veröffentlicht haben.
Dem Punk nahe steht die Ska-Musik, lokale Bands wie Sondaschule aus Oberhausen oder die Wattenscheider Alpha Boy School, die auch in dieser Folge zu Wort kommen, halten im Ruhrgebiet eine enge Verbindung zur Punkszene.
„Förderung macht dumm“
Die Protagonisten dieser Folge entsprechen nun gar nicht dem derben „Dosenbiertrinker“-Klischee aus der Fußgängerzone, doch Ihnen ist es wichtig ihre Punk-Roots hochzuhalten. Ede Wolff ist Gitarrist der 1983 gegründeten Schließmuskel, und heute als Reporter für Sendungen wie die „Lokalzeit“ oder „west.art“ ein Aushängeschild im WDR-Fernsehprogramm. Von der „Do-It-Yourself“-Ideologie, die Bands wie die Buzzcocks oder Dead Kennedys in den späten 70er Jahren populär gemacht haben, hat er sich viel abgeschaut. „Man muss die Dinge selber in die Hand nehmen“, sagt Ede, „wer nur abwartet ist irgendwann verloren.“
“Punk muss DAGEGEN sein, aber Punk darf nicht dogmatisch sein.“
Mit Crocker von Upright Citizens und Wölfi von Die Kassierer kommt Ede schnell ins Gespräch, während wir noch zwischen prall gefüllten Regalen die Kameras aufbauen und das Licht ausrichten. Der Kassierer-Sänger, der bürgerlich Wolfgang Wendland heißt, sitzt inzwischen als parteiloser Kandidat für die Fraktion „Die Linke“ im Wattenscheider Stadtparlament. Bei der Bundestagswahl 2005 kandidierte der ehemalige Philosophie-Student noch für die Fraktion APPD. „ Für mich hat Kultur immer noch was mit Bildung und Demokratie zu tun und nicht mit bloßer Unterhaltung“, sagt Wölfi beflissen und schnorrt dabei eine Zigarette. Sein Gedankengut scheint auf fruchtbarem Boden anzukommen. Bei der letzten Bezirksvertreterwahl erreichte Wendland vergleichsweise mehr Stimmen, als die FDP.
Der im Jahr 2003 veröffentlichte Kassierer-Song „Das politische Lied“ war vielleicht eine prophetische Blaupause für seine eigene politische Arbeit: „Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten. Wer war mit dabei? Die grüne Partei.“ Rund 30 Kilometer nördlich von Wölfis Wahlkreis Wattenscheid arbeitet Crocker, der bürgerlich Christoph Jess heißt. Der Schalke 04-Fan ist Labelmanager bei H’Art Musik in Marl, einem international exportierenden Vertriebslabel. H’Art Musik veröffentlichte 1981 den ersten Labelsampler namens „H’Artcore“. Diese Compilation versammelte 15 regionale Punkbands wie Clox und The Idiots aus Dortmund, Bluttat aus Mülheim/Ruhr, Hass aus Recklinghausen oder eben die Upright Citizens. Diese Veröffentlichung war ein wichtiger Startschuss für die Ruhrgebiets-Punkszene und die Originalpressung ist heute ein gesuchtes Sammlerstück. Seit den frühen 80er Jahren verhalfen viele Kontakte und noch mehr Enthusiasmus Crocker und seinen Band-Kollegen zu einer ausgiebigen US-Tour im Jahr 1985.
“Jede Band träumt davon, von der Musik leben zu können“
Als Gegengewicht zu dieser handfesten Männerrunde haben wir Pristine im Übungsbunker besucht. Hier in der Dortmunder Nordstadt, unweit der Szenekneipe subrosa, treffen sich die vier Mädels regelmäßig, um hinter dicken Zementwänden neue Songs einzustudieren. Die Gitarristin Maren Volkmann promovierte gerade als Kultur-Wissenschaftlerin an der Uni Bochum zum Thema Pop-Literatur. „This Music-Business is harder for Girls“, sagte schon Punk-Ikone Johnny Ramone in einem Interview. Das trifft auch auf Pristine zu, die ihren Sound als „Garagepunk Galore“ definieren. Innerhalb von zehn Jahren mussten sie viermal die Sängerin wechseln, doch sie machen einfach immer weiter. Die Leidenschaft für Ihre Kunst und das Gemeinschaftsgefühl mit anderen „Gleichgesinnten“ lässt Sie wie ein glücklicher Sisyphos immer weitermachen.
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Für mich ist der Do-It-Yourself-Typ der Woche Heiner Geißler, der mit Sach- und klarem Menschenverstand an Dinge dran geht und gestern das Bonmot "Es gibt alte Menschen, die sind total jung - und es gibt junge Menschen, denen rieselt der Kalk aus der Hose." Das würde Schorsch Kamerun auch nicht anders formulieren.
Macht es nicht selbst
Jörg,
weißt du denn auch, was die so geschätzten "Roland Kaiser der Hamburger Schule" (zumindest was von Lowtzows Optik und Gestik im folgenden Video angeht) dazu sagen? ;)
http://www.3min.de/Video/Musik/Tocotronic/Macht-es-nicht-selbst/3/88/1619
nicht zu vergessen:
"Böthe Thungen - chlechte Thäne" (Ausstellung von Albert Oehlen)
"Business Punk"
"... die punkige Bildästethik von Banksy..."
"... der neue Punklook von Victoria Beckham..."
"... Howe Gelb spielt seinen TexMex Folk dermassen punkig, dass man fast den Jazz in seiner Musik überhören könnte..."
Wenig wird so häufig zitiert wie Punk.
Für mich ist die Essenz von Punk die Do-it-yourself-Mentalität.
Einfach machen, statt lamentieren und theoretisieren.