Aufgenommen und Abgemischt / Episode 05 - Revierclub / Tanzindustrie

Auf der Reise durch die Region haben wir die vielfältige Dancefloorszene kennengelernt. Egal ob im Hotel Shanghai in Essen, einem der dienstältesten Clubs in Nordrhein-Westfalen oder auf der Mayday, die seit dem Jahr 1993 in der Dortmunder Westfalenhalle stattfindet. Neben DJ-Legende WestBam, Ruhr2010-Manager Dieter Gorny oder Deep-House-DJ Ingo Sänger kommen in dieser Folge vor allem drei Protagonisten zu Wort, die seit Jahren auf unterschiedliche Art und Weise der elektronischen Szene Leben einhauchen:

Carsten Helmich (Veranstalter des Juicy Beats-Festivals und DJ)

Die Sonne lacht, das Wetter ist blendend. Auf dem alljährlich stattfindenden Juicy Beats Festival findet Organisator Carsten Helmich in einer stillen Ecke des Westfalenparks einige Minuten Zeit, um mit uns über die Entwicklung von elektronischer Musik im Ruhrgebiet zu sprechen. „Ich wollte schon immer was auf die Beine stellen“, sagt Helmich mit einem verschmitzten Lächeln. In den frühen 90er Jahren organisierte er seine ersten Veranstaltungen für das Dortmunder FZW. Mit dem Fahrrad fuhr der Musikliebhaber die Szeneläden in der näheren Umgebung ab, um dort Flyer für seinen „Club Trinidad“ zu verteilen.

Dieser Club war im Keller des FZW jahrelang, neben der Roten Liebe in Essen, das Zentrum für Clubgänger des Ruhrgebiets. Hier dominierten Drum’n’Bass, Break-Beat, House und Abstract Hip-Hop den Dancefloor. Seine eigenen Resident-Sets am Turntable beendete Helmich stets mit dem DJ Shadow-Klassiker „Midnight In A Perfect World“. Neben mittlerweile fest etablierten Tanz-Veranstaltungen auf dem Dortmund-Ems-Kanal-Schiff „MS Santa Monika“ hat Carsten eine der schönsten Freiluft-Veranstaltungen der Region aus der Taufe gehoben. Das Juicy Beats Festival hat sich seit dem Gründungsjahr 1996 deutschlandweit zum festen Bestandteil der Open-Air-Saison gemausert. Ob in der Parkeisenbahn, wo DJs die Zugreisenden mit Garagenpunk unterhalten, auf den großen Bühnen, auf denen in diesem Jahr Topacts wie Tocotronic, Zoot Woman oder Nouvelle Vague erwartet werden oder auf den diversen Dancefloors, die von den führenden Clubs des Ruhrgebiets präsentiert werden: das Programm ist divers und maßgeschneidert. Wie im letzten Jahr werden am 31. Juli 2010 in der weitläufigen Parkanlage wieder rund 20.000 Besucher erwartet, wenn auf 17 Floors und acht Bühnen rund 60 DJs und 40 Bands auftreten.

Klaus Fiehe (Radiomoderator, Musiker und DJ)

Ein Dauergast auf dem Juicy Beats Festival ist der Radiomoderator und DJ Klaus Fiehe, der 1957 in Hamm zur Welt kam. Nachdem er in Münster Germanistik studiert und in Bochum als Saxophonist bei der NDW-Band Geier Sturzflug angeheuert hatte, verbrachte er weite Teil der 80er und 90er Jahre in Dortmund. „Ich vermisse das Ruhrgebiet“ gesteht uns Fiehe am Rande des Westfalenparks, wo er unter einem kräftigen Ahorn-Baum sitzt. Später am Abend wird er hier noch ein DJ-Set präsentieren. Seit einigen Jahren wohnt er mit Frau Susanne und über 40.000 Tonträgern in Solingen. Kürzlich unterbreitete der Fußballclub Union Solingen dem enthusiastischen Fußball-Fan das Angebot, als Stadionsprecher einzusteigen. „Leider kann ich das nicht wahrnehmen“, sagt Fiehe, „fast alle Spiele sind am Wochenende und da muss ich meine Sendungen vorbereiten.“

Seine sonntäglichen Sendungen von 22 bis ein Uhr früh mit dem Fokus auf elektronischer Musik laufen seit 1996 auf Einslive. Klaus ist neben Nighttalker Jürgen Domian der dienstälteste Moderator des WDR-Jugendsenders.

Er ist ein unermüdlicher Geschichtenerzähler, der mit fundierter und unendlicher Sach- und Fachkenntnis aufzuwarten weiß - der Anekdoten-Anchorman der deutschen Radiolandschaft. Nicht umsonst wurde er für den renommierten Journalistenpreis „Prometheus“ vorgeschlagen. Das Online-Radio byte.fm, für das er ebenfalls wöchentlich sendet, wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Phil Fuldner (Musikproduzent, Model und DJ)

Etwas versteckt in einem gutbürgerlichen Wohngebiet Marls liegt am Ende einer begrünten Straße der Bungalow von Phil Fuldner. Seine Mutter, die das Haus konzipierte, gewann mit dem Bauwerk einen Architektur-Preis. Tracks zu konzipieren, bestätigt Fuldner beim Gespräch in seinem Home-Recording-Studio, sei der Tätigkeit eines Architekten nicht unähnlich.

Seine musikalische Karriere begann Fuldner als DJ auf Abi-Partys. Mit seinen skateboardfahrenden Kumpels teilte er seine bedingungslose Leidenschaft für die Musik. Fuldner, der auch für Modelinien von Hugo Boss modelte, verneint Scheuklappen, hörte in frühster Jugend auch Punkmusik von Bands wie Hüsker Dü oder den Goldenen Zitronen.

Inzwischen produziert Fuldner Songs und Basic-Tracks für Weltacts wie die Sugarbabes oder Kylie Minogue. Auch als Remixer ist der gebürtige Recklinghausener gefragt. Er verfeinerte schon Arbeiten von 2Raumwohnung, Thomas D oder Rosenstolz. Sein bislang größter Erfolg, die Neuauflage der Titelmusik von Captain Future mit dem Titel „The Final“, dominierte 1998 mehrere Wochen lang die Top Ten der Charts. „Ich bin froh, dass ich hier im Ruhrgebiet so sein kann wie ich bin“, sagt Fuldner gelassen in unsere Kamera und outet sich anschließend noch als großer Verehrer von Helge Schneider.

Nachtrag der Autoren: Die Produktion der Episode fand im Zeitraum August 2009 bis Mai 2010 statt. Natürlich stellen die schrecklichen Ereignisse im Rahmen der Loveparade 2010 in Duisburg diese Veranstaltung mittlerweile in ein anderes Licht. Die Aussagen der Musiker müssen also im entsprechenden Kontext gesehen werden.

Text: Peter Hesse und Jens Mayer

„Das Ruhrgebiet - aufgenommen und abgemischt“ - Eine Episodenreihe von Jens Mayer, Jörg Stiepermann und Peter Hesse über Musik, Menschen und Ruhrgebiet.


Die Episode 06 mit dem Titel „Dick blockig und voll erkennbar“ wird von Rap im Ruhrgebiet erzählen, dem typischen Hip Hop Sound der Region. Demnächst hier!

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So, 22.08.2010 3

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Kommentare

Episode 05 / Beitrag Phil Fuldner, 1. Absatz / Posted 22.08.2010

Das Haus, in dem mein Sohn Philipp Fuldner mit seiner Mutter lebt, ist von dieser weder konzipiert noch hat sie mit dem Bauwerk einen Architekturpreis gewonnen. Der alleinige Urheber und Enturfsverfasser bin ich, sein Vater, Dipl.-Ing. Bernd Fuldner. Der 1. Preis bei dem SchönerWohnen-Haus-Wettbewerb 1977 wurde allein mir zugeschrieben und ebenso auch die Auszeichnung 'Gute Architektur im Ruhrgebiet' für dieses Haus. Dipl.-Ing. Bernd Fuldner 07. Januar 2013

und wieder ein supertoller Beitrag......

weiter so !!!! (bitte)

herrlich!

Wenn das Wetter so bleibt, darf man sich ja schon wirklich auf das kommende Juicy Beats freuen. Und: ich hätte nicht gedacht, dass Phil Fuldner eine so sympathische Type ist...

Über den Autor

05.01.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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