Aufgenommen und abgemischt / Episode 04 - Hochkultur im Stahlkorsett

Bühnenmusik ist längst nicht mehr eine bloße Untermalung der theatralen Rahmenhandlung. Vielmehr rückt sie verstärkt in den Mittelpunkt, wird zur eigentlichen Inszenierung. Inwieweit führt dieser Wandel zu neuen Aufführungsformen? Ändert sich dabei die Wahrnehmung der Musik? Wirkt sie künstlich, aufgesetzt und gespielt, oder frech und authentisch? Wird durch die theatrale Überhöhung gar eine neue Qualität erreicht? Wir beleuchten drei aktuelle Ansätze zum Thema Theaterbühne/Musik.

Einleitung: 2010LAB-Redaktion
Text: Jens Mayer , Peter Hesse und Jörg Stiepermann

Thomas Wördehoff und die Ruhrtriennale mit Iggy Pop (Duisburg)

Noch gute drei Stunden bis es losgeht. Gerade haben sich die Türen für die Zuschauer geöffnet, und die ersten schlendern auf das Gelände der Duisburger Gießhalle im Landschaftspark. Iggy Pop wird hier heute Abend ein ganz besonderes Gastspiel geben. Für die Reihe „Century Of Song“ hat der Punk-Pate zusammen mit der gebürtigen Berliner Sängerin Tine Kindermann sogar deutsches Liedgut einstudiert, das sie im Rahmen der Reihe vor dem Duisburger Publikum aufführen werden. Das dargebotene Programm reicht von Gedichten der Spät-Romantik über Stücke von Iggy Pop, den Stooges und Tine Kindermann bis hin zu Lale Andersens Klassiker „Lili Marleen“, arrangiert von Marc Ribot.

Wir treffen Thomas Wördehoff, ehemaliger Chefdramaturg der Ruhrtriennale und Initiator der Reihe, die den „Popular Song“ ehren will. Wördehoff hat schon Künstler wie Suzanne Vega, David Byrne und Ron Sexsmith ins Ruhrgebiet geholt.
Die Triennale sieht sich als Impulsgeber - weltoffen und innovativ, aber durch die Industriedenkmäler, die ihr als Spielstätten dienen, in den Traditionen des Ruhrgebiets verwurzelt.
Thomas Wördehoff ist stolz auf den Ruf, den sich die Ruhrtriennale in der Welt erspielt hat, das merkt man. Auch, dass es ihm nicht leicht fällt, sein „Kind“ 2010 auf eigenen Beinen stehen zu lassen, wenn er sich, als Spitze der Ludwigsburger Schlossfestspiele, einer neuen Aufgabe widmet.

Kritiker aus der Region werfen der Ruhrtriennale vor, ein subventioniertes Leuchtturmprojekt zu sein, das vollkommen losgelöst von der Realität des Ruhrgebiets agiere. Doch Wördehoff begegnet diesen Stimmen gelassen und selbstbewusst.
Ohne gezielte Förderung und Sponsoring sei ein Festival auf diesem Niveau nicht möglich.
Steht das engstirnige Denken in regionalen Grenzen Innovation und Fortschritt nur im Wege?

Hajo Sommers und das Ebertbad (Oberhausen)

Das Trainingsgelände des Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen, auf das uns Hajo Sommers mitgenommen hat, sei schon lange modernisierungsbedürftig, erklärt der Präsident.
Viele wissen nicht, dass Sommers nur ehrenamtlich Vereinsvorsitzender ist. Hauptberuflich betreibt er die Kleinkunstbühne Ebertbad.
Wenn hier Mike Krüger auftritt, steht der Selfmademan am Eingang und weist den Zuschauern die Plätze zu. Losgelöst von staatlicher Unterstützung muss das Privattheater jeden Cent zweimal umdrehen. Hier ist ein langer Atem gefragt, um die Zuschauer in die Vorstellungen zu ziehen, und Ideenreichtum.

Sommers stammt aus dem links-alternativen Umfeld, half in den 80er Jahren das Oberhausener Jugendzentrum Druckluft mit aufzubauen. Er engagiert sich in seiner Heimatstadt, und hat aufgehört auf die Hilfe von Subventionen zu warten. Ob beim Fußball oder im Theaterbetrieb, Sommers lebt die Underdog-Mentalität und bewahrt sich bei allem Gegenwind und wirtschaftlichen Existenzkämpfen die Freiheit, ein paar Seitenhiebe an „die Großen“ auszuteilen („Der WDR denkt heute noch, dass es von Köln ins Ruhrgebiet 2 Stunden dauert – das steht auf jeder Dispo!“).
Wer ihm zuhört hat schnell begriffen: Das Theater und der Fußball sind sich ähnlicher, als man im ersten Moment vielleicht denken mag.

Nicht selten begegnete uns auf den Touren durchs Ruhrgebiet während unserer Dreharbeiten eine Grundskepsis gegenüber Subventionen und Förderungen im Rahmen der Ruhr2010.
Wird das Vorhandene übersehen, wird nur in Prestige und den schönen Schein investiert?
Inszeniert von Künstlern und Promotion-Managern, die mit der Region rein gar nichts am Hut haben, während die Kulturschaffenden vor Ort um jeden Cent kämpfen müssen?

Karsten Riedel am Schauspielhaus (Bochum)

„Das hier ist mein Wohnzimmer“, stellt uns Karsten Riedel die Kammerspiele vor. Ihn kennt hier wirklich jeder. Davon können wir uns überzeugen, seit er um 10 Uhr die Pforte des Schauspielhauses Bochum passiert hat. Riedel wird von allen herzlich begrüßt. Vom Techniker bis zum Mann für die Pressearbeit, alle mögen den Musiker, der hier zwar eher durch Zufall gelandet ist, seine Sonderrolle am Theater jedoch sichtlich genießt. The Frits, Natty U, Short, District und Alpha Boy School hießen die Bands des Wattenscheider Jungen, ehe er im Rahmen der Ruhrtriennale vom Intendanten Matthias Hartmann 2002 ans Schauspielhaus geholt wurde. Seitdem ist Riedel regelmäßig als Komponist und Musiker für zahlreiche Stücke zuständig, unter anderem „1979“, „Woyzeck“ sowie die beliebten „A Tribute to Johnny Cash“- und „A Tribute to Quentin Tarantino“-Abende.

Der Multiinstrumentalist, der auch eigene „Liederabende“ veranstaltet, fühlt sich wohl hier. Auch wenn er an renommierte Häuser in Hamburg, Zürich und Wien gerufen wird, arbeitet er am liebsten hier im Herzen des Ruhrgebiets. Riedel erläutert seine Gründe für uns mit einem leidenschaftlichen Plädoyer. Der Vater von zwei Kindern repräsentiert in unserer Episode das, worum es letztendlich geht: Die bedingungslose Liebe für die Kunst.

„Das Ruhrgebiet - aufgenommen und abgemischt“: Eine Episodenreihe von Jens Mayer, Jörg Stiepermann und Peter Hesse über Musik, Menschen und Ruhrgebiet.
Die nächste Episode „Revier Club / Tanz Industrie“ wird im Juni online gehen.

Weitere Beiträge von Das Ruhrgebiet - aufgenommen und abgemischt:

Video

Blog

Channel

Di, 15.06.2010 6

Kommentar hinzufügen

Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

Kommentare

So viel ich weiß, ist Karsten

So viel ich weiß, ist Karsten Riedel nen Wattenscheider, also kein "Bochumer Jung

Wattenscheid!!

So viel ich weiß ist Karsten Riedel nen Wattenscheider und somit kein "Bochumer Jung!"

Nächste Folge...

Hallo hotte,
vielen Dank für Ihr Interesse. Die nächste Folge wird urlaubsbedingt wohl erst im Juli erscheinen.

Beste Grüße aus der Redaktion

wann kommt endlich mal die

wann kommt endlich mal die nächste Folge von"Aufgenommen & Abgemischt" ???

Who the

In Duetten hat Iggy Pop schon immer eine gute Figur gemacht - ob mit Debbie Harry, Kate Pierson oder in einem der besten - mit Kick it-Peaches: http://bit.ly/CfJo6.
Aber, who the fuck is Tine Kindermann? Ich möchte nicht wissen, wieviel Schmerzensgeld die Ruhrtriennale Iggy Pop dafür zugestanden hat.

Ach Gottchen

Karsten Riedel disst die Toten Hosen, da sollte der Bochumer Jng doch wirklich drübersthen. Herr Sommers macht wie wie immer eine gute Figur und die Ruhrtriennale ist wirklich so nötig wie Subventionen für Griechenland - viel Zinnober für wenig Effekt...

Über den Autor

05.01.2010

Letzte Kommentare des Autors

vor 1 Jahr 17 Wochen
vor 1 Jahr 18 Wochen

Stadt

Metropole Ruhr
Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

Aktuelle Tweets

[ART] 18th #Istanbul Theater Festival: Freedom - Questioning | LABKULTUR.TV http://t.co/eSzieqY0 #LABKULTUR
[BO] Preisverleihung des MZ Architektenwettbewerb - Gewinner: Agentur Bez + Kock https://t.co/tzsDeILE #bb12 /RT @BO_Bewegen
[FAIR] Today is the Day! We are glad to announce #cnb12 program of the @cnbconvention! http://t.co/hbWR5kA5 #cnb12 /RT @schwarzesgold
[POLITICS] #Turkey government fights its #theaters. "Moral" values decide now over artistic productions http://t.co/jVQpIdKb #LABKULTUR