40 Jahre im Geiste von Cage & Stockhausen - Computermusik bei Folkwang
- Serie: Medienkunst
Das Institut für Computermusik und elektronische Medien (ICEM) an Folkwang, der Universität der Künste in Essen-Werden, feiert am 15. und 16. April 2011 40 Jahre elektroakustische Musik in Deutschland und Europa. Ein Kurzbericht aus einer der Hochburgen der schöpferischen Avantgarde elektronischer Musik.
Zur Begrüßung werden direkt alte Bilder hervorgerufen: Kraftwerk vor riesigen Maschinen, elektronische Musik noch mit anstrengenden Bewegungen live produzierend. Viel hat sich geändert, Perfektion spielt eine viel größere Rolle, die Digitalisierung hat nicht nur die Instrumente, sondern auch die Kommunikationswege entscheidend verändert. Dr. Stefan Drees wirft einige Schlaglichter auf markante Wegmarken der Geschichte elektroakustischer Musik bei Folkwang: 1971 entstand unter Einleitung von Prof. Dirk Reith und zur Unterstützung des live-elektronischen Ensembles MegaHertz von Günther Becker ein Musikstudio. Wichtiger Bestandteil: das legendäre „Synlab“ (s. Foto).
1990 entstanden das ICEM und auch das Festival „Ex Machina“, 1997 kam mit „november music“ ein weiteres in Koproduktion mit niederländischen Kollegen hinzu, seit 2005 wird auch den audiovisuellen Komponenten mit der Veranstaltung „Round Midnight“ Rechnung getragen, und zwar auf Zollverein (s. Termin unten).
Erst wenig Körper, später mehr Zitat
Elektroakustische Musik ist definitiv kein Rock’n’Roll, aber auch nicht einfach „die Übertragung instrumentaler Musik auf digitale Medien“, wie Prof. Dirk Reith einführend erklärt. Die Körperlichkeit steht zurück, es geht aber immer noch um die Auseinandersetzung mit den Produktionsmitteln, selbst wenn es sich um elektronische handelt. Vereinfacht könnte man sagen, dass mit jeglicher Klangerzeugungskomponente gespielt wird. Musique concrète ist einer der Bezugspunkte, einmal lappt die elektronische Musik mehr in Richtung Kunst, mal in Richtung Wissenschaft, mal geht es gen Popmusik.
In den 90ern kamen dann mit der Digitalisierung verstärkt Tendenzen hinzu, Zitatmaterial zu verwenden und exzessive Klangforschung zu betreiben. Dr. Stefan Drees verhehlt nicht, dass damit oft eine Nivellierung der Musik einherging, was auch durch das Einbeziehen der audiovisuellen Künste nicht kaschiert werden kann, obwohl diese mittlerweile ebenfalls zum Kanon Folkwangs gehören. Interdisziplinarität und Folkwang aber waren noch nie ein Widerspruch, recht aktuell ist das gut an Werken wie Bo Wangs „Die chinesische Kalligraphie“ von 2009 (s.o.) zu sehen.
„Was machen die da eigentlich?“, eine Gesprächsrunde mit den ICEM-Protagonisten Prof. Dirk Reith und Prof. Thomas Neuhaus, macht am Nachmittag des ersten Symposium-Tages einiges noch klarer. Es fallen Sätze wie „Wo Moog zu denken aufgehört hat, da hat er angefangen“, die deutlich machen, wie weit vorne Folkwang bei elektronischer Klangerzeugung immer war. Hochrangige Mitarbeiter von Stockhausen sind anwesend und plaudern aus dem Nähkästchen, aber es fehlen auch nicht Anekdoten wie diejenige von dem fehlenden Instrumententeil, das sich dann als Steuerelement einer Raumschiffattrappe der 70er TV-Serie „Klimbim“ wiederfand.
Gedanken um die richtige Software
Speziell Dirk Reith weist aber auch auf die Schwierigkeiten hin, diese Musik in den Siebziger Jahren in einer Hochschule zu verankern. Nach technischen Revolutionen wie MIDI und dem DX-7 geht es nunmehr im Internetzeitalter, wie Thomas Neuhaus sagt, mehr darum, sich die richtigen Gedanken über die richtige Software zu machen. Fehlte genau dadurch schon in den 90ern also oft das gemeinsame Arbeiten in einem Raum und wurde weltweites Arbeiten gleichzeitig wichtiger, so wurde das Ausrichten von Festivals umso essentieller gerade für den internationalen Austausch.
„Nur was Du selbst verstehst, das kannst Du auch umsetzen“, bringt Dirk Reith das Credo des ICEM auf den Punkt, das Komposition und Produktion immer zusammen denkt. Und um den Studierenden auf dem Weg in die Welt hinaus jenseits der Datenströme und Universitätsmauern zu helfen, gibt es immer wieder weitere Kooperationen, so eine neue Veranstaltungsreihe zusammen mit der Philharmonie Essen. Dennoch sind Folkwang-Studierende beim anschließenden Gespräch durchaus der Meinung, Neue Musik müsse im Ruhrgebiet noch viel weiter in den Alltag der Region hinein transportiert werden. „Neue Musik im öffentlichen Raum“, vielleicht eine Aufgabe für die nächsten Jahre.
Für's Erste aber gilt es zwei imposante Veranstaltungen in Kooperation mit anderen Essener Institutionen zu besuchen:
„Klang im Auge: Messiaen_Pict/Depict“ am 04.06.2011 ab 19.30 Uhr im Alfried Krupp Saal der Philharmonie Essen.
„Round Midnight: La Fabricca Illuminata“ mit dem Ensemble folkwang modern und der Folkwang Brass Band am 18.06.2011 ab 21 Uhr an der Kokerei Zollverein.
Weitere Informationen:
Fotos: Jens Kobler
Video & Komposition “Die chinesische Kalligraphie”: Bo Wang
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