Tournee-Manager zwischen Essen und Mallorca
- Serie: Jazzatlas Ruhr
Es ist der Blick von außen, der hier interessiert; der Blick und die Erfahrungen derer, die mit ihrer Arbeit nicht nur die Jazzlandschaft im Ruhrgebiet, sondern auch in anderen Teilen Deutschlands (und Europas) gestalten - die Perspektive der Tourneemanager.
„Viele Veranstalter hatten wir im Ruhrgebiet nie.“

„Das Ruhrgebiet war ein bisschen undefinierbar für uns, wir wussten eigentlich nie: wie nah sind die Städte beieinander? Was kann man im Rahmen einer Tournee hintereinander wegbuchen? Es gab aus unserer Sicht nicht viel außer den Jazzclubs.“
Das bedeutete: in jeder Tournee nur eine Station im Ruhrgebiet zu buchen, ganz im Gegensatz zu einer süddeutschen Region wie Karlsruhe-Heidelberg-Darmstadt, drei Städte jeweils 50 km voneinander entfernt, die „hintereinander weg bespielbar“ gewesen seien. „Viele Veranstalter hatten wir im Ruhrgebiet nie.“
Erstklassiges Zeugnis für Philharmonie in Essen

Er verweist u.a. auf das Domicil in Dortmund, das heute sehr viel professioneller geführt sei, auf das Traumzeit Festival in Duisburg, auf Initiativen wie die in Dinslaken (eigenes Kapitel).
„Da ist einiges dazugekommen, vieles läuft professioneller, noch vor 25 Jahren gab es hier so gut wie nichts.“
Nicht nur von den Finanzen, sondern von der ganzen Organisation her stellt Uli Fild der Philharmonie Essen - im Gegensatz zu seiner Kollegin - ein „erstklassiges“ Zeugnis aus. Filds Jazz-Bilanz für das Ruhrgebiet ist verhalten positiv aus - im Verhältnis zu anderen Regionen: „Da sieht sie schlechter aus!“ Das vielgelobte Berlin? Aus der Erfahrung von Uli Fild - „eine Katastrophe“, Köln ebenso. München habe sich verschlechtert, Stuttgart falle vollkommen aus:
„Die großen Zentren haben wir mit Jazz verloren, das muss man ganz deutlich sagen.“
Bedeutet das: das Ruhrgebiet steht besser da als die großen Zentren? „Ich glaube ja, aber ich würde auch nicht behaupten, dass Essen alleine ein großes Zentrum ist. `Mittelstädtisch` wäre schon wieder untertrieben, aber die Strukturen sind die einer Mittelstadt und deshalb überschaubarer als in einer Metropole wie Berlin.“ Berlin sieht Sharon Levinson ganz ähnlich, dort läuft auch für sie gar nichts mehr.
"Eine schwierige Situation..."


Ein Problem ist für Fild die Zeitungslandschaft des Reviers, namentlich die WAZ; Kritiken kämen nach den Konzerten regelmäßig, aber „zu wenig Vorberichte“. Zudem sei die Plakatierung extrem teuer geworden, und „ein dritter Punkt ist, dass sich die Szenezeitschriften für Jazz überhaupt nicht mehr interessieren.“
Was das Tourneegeschäft - und damit das Konzertangebot - erheblich belaste, sind nach seiner Darstellung die in großer Breite gestiegenen Kosten, von den Künstlergagen und die örtlichen Bühnenkosten bis zu den Ausgaben für Ausländersteuer und Künstlersozialkasse.
Vor diesem Hintergrund werde es immer schwieriger, für Studenten erschwingliche Ticketpreise zu kalkulieren. Der Ausblick von Uli Fild ist sehr düster: „Wenn es keine Subventionen für diese Konzerte gibt, wird dieses Genre in Zukunft aussterben, da bin ich ganz sicher!“
Nach den Beobachtungen von Karin Kreisl von Saudades hebt sich das Ruhrgebiet nicht von Restdeutschland ab, die Tendenzen seien „überall in etwa gleich“: schwindende Zuhörerzahlen (außer bei Festivals) „überaltertes“ Publikum, „unbekannte Namen kaum noch zu verkaufen“, gekappte Kulturbudgets, „Veranstalter bauen kein Publikum mehr auf“, sondern wollen auf „Nummer Sicher“ gehen, „mit einem Wort: eine schwierige Situation.“

Tote Hose
Saudades, mit Sitz in Schwaz/Österreich, gehört zu den renommiertesten Tourneeveranstaltern in Europa; viele amerikanische Jazzstars, vor allem solche vom Label ECM, werden von Saudades betreut. Aufschlußreich ist eine kleine Spontanbilanz über die Saudades-Partner und -Aktivitäten im Ruhrgebiet, die Karin Kreisl in einer e-mail anführt - sozusagen ein Jazzatlas im Kleinen.:
„In Hagen und Oberhausen haben wir überhaupt noch nie etwas gemacht, Herne /Flottmannhallen war das letzte Mal 1999 (Scofield), Gelsenkirchen ist mehr oder weniger auch tote Hose...
..., wenn ich das mal so salopp ausdrücken darf (Ralph Towner 2001 war das letzte Mal über das Kulturreferat der Stadt Gelsenkirchen). In Duisburg machen wir auch kaum noch was und wenn, dann beim Festival (das letzte Mal Rubalcaba/Sanchez Quartet 2003), Bochum - da haben wir früher viel mit dem Bahnhof Langendreer zusammengearbeitet, aber das hat aufgehört , weil die auch (so wie viele andere) auf einen anderen Wagen aufgesprungen sind, letzte Zusammenarbeit „Cubanismo“ 2002, ansonsten selten mit dem Initiativkreis Ruhrgebiet- Künstl. Betriebsbüro KFR (das letzte Mal Rubalcaba 2002).

Seit dem Umbau des Domizil machen wir so 2, 3 Mal im Jahr etwas dort (wenn wir Glück haben). Heuer mit Mônica Salmaso auch das erste Mal mit dem Konzerthaus Dortmund.“ (alle Zitate von Karin Kreisl/Saudades)
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Michael Rüsenberg - Foto: Kurt Rade
Autor des Jazzatlas Ruhr ist Michael Rüsenberg, der seinen WDR-3-Report über Jazzstädte in NRW in der betreffenden Region wesentlich vertieft und erweitert hat. In über 20 Beiträgen - lokal, regional, überregional - fächert er die Landschaft auf, mit über zwei Dutzend Gesprächspartnern, die in diesem Multi-Media-Projekt ausführlich zu hören sind. 
Foto Nachweis: Kurt Rade ( www.kurt-rade.de), Ruhr Tourismus GmbH, Klaus Lindemann, Markus van Offern, Frank Vinken, Stefan Grohmann, Josip Djakovic, Benjamin Lütkemeyer, Isabel Dreesbach, Konstantin Kern, Georg Schreiber, Tourismus & Marketing Oberhausen GmbH, Messe Essen GmbH, Michael Heine, Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Daniel Junker, Marc Hartstein, Zentrum für Internationale Lichtkuns e.V. Unna, Werner J. Hannappel
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