"Take Five" am Hellweg - Unna, Lünen, Hamm
- Serie: Jazzatlas Ruhr
"Take Five" - das Jazzfestival am Hellweg

„Take Five - das Jazzfestival am Hellweg“ ist ein erfolgreiches Beispiel subregionaler Vernetzung im Schatten eines großen Anbieters.
Unbestritten dabei, wie Axel Sedlack, der Kulturdezernent aus Unna, betont, die Funktion von „Dortmund als kulturelles Oberzentrum“. Anderseits habe sich die Region als „das Tor in Richtung Sauerland und Münsterland“ neu aufgestellt und verbreitere damit das Jazz-Angebot im östlichen Ruhrgebiet, in Ergänzung zum Domicil (das überdies als Kooperationspartner mitwirkt).
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Der Gesamtetat des ersten Durchgangs 2005 betrug rund 100.000 Euro; finanziert zu 40 Prozent aus Zuwendungen des Landes NRW. Die Zuschüsse seitens der Städte Lünen, Hamm und Unna lagen jeweils knapp über 10.000 Euro (letztere aufgeteilt in 5.000 Euro vom Kulturamt Unna sowie 6.000 Euro vom Kulturkreis Unnaer Wirtschaft); 12 Prozent der Festivalkosten wurden durch Eintrittsgelder und Teilnehmerbeiträge gedeckt.
Vorgänger "Celloherbst"
Kein Modell ohne Vorgänger, Take Five folgt insoweit dem Klassikfestival „Celloherbst“, dessen Erfahrungen auf die Jazzreihe übertragen wurden. „Celloherbst“ alterniert inzwischen mit Take Five in den geraden Jahren, Hamm leistet sich zudem, abwechselnd zu Take Five, das Internationale Jazzfest Hamm, 2008 zum dritten Male.Mit seinem patch work aus ein paar aktuellen Highlights (e.s.t., Doldinger´s Passport, WDR Big Band), Traditionellem (Swingin´ Fireballs feat. Greetje Kauffeld), Weltmusikalischem (Luis Di Matteo) und Blues spricht „Take Five - das Jazzfestival am Hellweg“ deutlich von den Bedürfnissen, Kompetenzen und auch Grenzen seiner lokalen Zuträger; man würde es einstweilen eher als Reihe denn als Festival mit einem klaren Profil bezeichnen, das sich womöglich mit den anderen im Lande messen ließe.

„Verbindung von kommunaler Autonomie mit regionaler Kompetenz“
erkennen, wie sie Prof. Jörn Rüsen generell für eine zukünftige Kultur des Ruhrgebietes insgesamt fordert.
Unna und sein Ausnahme-Talent
1975 trifft ein junger Mann aus der Ukraine mit seinen Eltern in der Landesstelle NRW in Unna-Maaßen ein.

Der Leiter der Musikabteilung dort, Uli Bär, erkennt sogleich sein überragendes Talent, das Talent von Vadim Neselovskyi. Was nun beginnt, sucht seinesgleichen: die wohl steilste Karriere eines Jazzmusikers aus NRW, ja aus Deutschland, mit Zielrichtung USA.

Von Unna-Maßen ins Gary Burton Quintet
Mehr noch, im Dezember 2003, mithin nur acht Jahre nach seiner Ankunft im Westen, wird Vadim Neselovskyi Mitglied im Gary Burton Quintet; der einzige Europäer, der je einen Posten in dieser Band bekam, war vor etlichen Jahren der Gitarrist Wolfgang Muthspiel aus Österreich.

Man muß keinen Ton von Neselovskyi gehört haben, um das Gewicht dieser Bandmitgliedschaft ermessen zu können: in Boston, das mehr hungrige Nachwuchstalente pro Quadratkilometer aufweist als jeder andere Punkt der Welt, kann der Vibraphonist Burton, lange Jahre Vize-Präsident in Berklee, aus hunderten, ja tausenden Bewerbern auswählen. Das Pendant zu einer solchen Karriere ist in der Klassik schwer nachzuzeichnen; vielleicht käme ein unter dreißigjähriger Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern dem nahe.
Vadim Neselovskyi weiterhin aktiv im Ruhrgebiet

Die 12-Städte-Tournee wird finanziell vom Land NRW unterstützt und organisatorisch vom Kultursekretariat Gütersloh betreut, dem mehrere der Hellweg-Kommunen angehören, die Programminitiative kommt aus dem Arbeitskreis derer, die auch für Take Five vernetzt sind.
Große Vergangenheit des Jazz in Unna
Vadim Neselovskyi ist im übrigen nicht der einzige Jazzmusiker aus Unna in den USA, in Brooklyn/New York lebt Christian Finger, der Schlagzeug in einer der - amerikanischen - Neselovskyi-Bands spielt.

Fränzel ist seit 5 Jahren pensioniert, lebt in Wuppertal und bekleidete 13 Jahre lang das Amt des stellvertretenden Kulturdezernenten in Unna („eine sehr glückliche Zeit mit sehr guten personellen Konstellationen“). Fingers Lob bezieht sich auf die Reihe „Jazz Aktuell“ 1972-1992 in Unna, insgesamt über 120 Konzerte organisiert von E. Dieter Fränzel, deren Programme sich lesen wie ein großer Ausschnitt aus einem Lexikon des Modernen Jazz: Carla Bley, Al Jarreau, Dizzy Gillespie, Max Roach, Anthony Braxton, Don Cherry, John Scofield, Thomasz Stanko...dazu „Stadtmusiken“ mit Willem Breuker und Frank Köllges, dazu Gunther Hampel und Jean Lee, die acht Tage in der Stadt alle bespielten, die zuhören mochten, und sei es bei einem Seniorentreff.
Axel Sedlack, seinerzeit Vorgesetzter von Fränzel, seit langem Kulturdezernent der Stadt, spricht zu recht von einer „großen Vergangenheit“ des Jazz in Unna. Die Reihe wurde nach dem Ausscheiden von Fränzel nicht mehr fortgeführt. Der zeitgenössische Jazz, sagt Sedlack heute, sei damals schließlich doch in vielen Städten präsent gewesen.
„Dortmund hatte sich mit dem Domicil sehr stark positioniert, insoweit sahen wir damals nicht mehr die Notwendigkeit, die Vorreiterrolle zu spielen.“

In der durch Festivals wie Leverkusen und Viersen laut Sedlack gewandelten Jazzlandschaft büßte „Jazz Aktuell“ seine überregionale Anziehungskraft ein - eine völlig andere Situation als heute, da Unna in puncto Jazz nur noch ergänzen will und die Dominanz von Dortmund anerkennt.
88 Tasten á 300 Euro
Die Stadt Unna gibt rund 37.000 Euro pro Jahr für Jazz aus, darunter ist ihr Aneil an Take Five mit 20.000 Euro der größte Posten (eingerechnet ein Zuschuss des Landes sowie Gelder des Kulturkreises der Unnaer Wirtschaft). Das Jazz-Engagement von Geschäftsleuten aus Unna dürfte NRW-weit beispielgebend sein: sie haben an einem Trommelworkshop der Jugendkunstschule teilgenommen und sich an der phantasievollen Finanzierung eines Konzertflügels beteiligt (88 Tasten á 300 Euro).Die Stadt unterstützt die Jazzarbeit der Jugendkunstschule mit 5.000 Euro, wo seit 30 Jahren Jazzmusiker Matthias Nadolny u.a. unterrichten, das Projekt „Jazz goes to School“ mit 3.5000 sowie Kinder-Jazzprojekte mit 2.000 Euro. 3.000 Euro schließlich fließen in die Programmarbeit der beiden Jazzinitiativen vor Ort, sie bespielen u.a. ein Kleinod für kammermusikalischen Jazz, den kleinen Saal im historischen Nicolai-Haus.
Lünen im Jazz Light

Jazz-Expertise, und sei es auch nur in Ansätzen, ist in den kommunalen oder regionalen Kulturverwaltungen so gut wie gar nicht verbreitet. Zwar werden Jazz-Programme von ihnen - mehr oder weniger - unterstützt, die programmatische Arbeit aber liefern in der Regel externe Kuratoren.

Jazz Light hat seitdem eine bunte Schar von Jazz- und Blues-Acts in die Stadt gebracht, u.a. Champion Jack Dupree, Carla Bley, Klaus Doldinger, Candy Dulfer oder auch John Scofield.
Jazz Light findet einmal im Jahr, am ersten November-Wochenende, statt und alterniert auf diesem Platz mit Take Five. Lünen läßt sich dieses Engagement 11.000 Euro kosten (2005).
Jazz Light, der Titel ist insofern Programm (geworden), als in den letzten Jah-ren vermehrt Pop-Jazz und Weltmusikalisches angeboten wird. Der Zuschußbedarf seitens der Stadt Lünen hier variiert, im Durchschnitt beträgt er 5.000 Euro; mitunter sind Konzerte auch kostendeckend, z.B. die von Candy Dulfer oder Peter Herbolzheimer.
Hamm mit Hammer-Kulturetat

Die Stadt genießt nicht unbedingt einen Ruf als Jazzstadt. Klaus Heimann, seit über 20 Jahren an der städtischen Musikschule und Leiter der Hamm Big Band, hat vor 10, 15 Jahren einen Umschwung bemerkt. Ursächlich dafür sieht er einmal die Gründung der Big Band, eines mit Profis aus der weiteren Region besetzen Ensembles, sowie das Wirken von Ulrich Weißenberg, Fachbereichsleiter Kultur der Stadt Hamm.

„Die Kultur kriegt ihren Stellenwert in dieser Stadt ganz deutlich auch als Faktor der Wirtschaftsförderung und der Stadtentwicklung."
Weißenberg ist nicht nur administrativ für die städtischen Konzertorte zuständig, sondern - wie erwähnt - auch konzeptionell. Er betreut eine Jazzreihe, die seit über 15 Jahren besteht, jeweils in der Winterspielsaison mit 6 bis 8 Konzerten, „mit einem bunt gemischten Programm“, das u.a. Jazzstars wie Joe Zawinul oder auch Jan Garbarek nach Hamm bringt.
120.000 Euro für Jazz in der "dreiundvierzigstgrößten Stadt Deutschlands"
Hinzu kommt - im April 2008 zum dritten Male - ein eigenes Internationales Jazzfestival Hamm, im Kurhaus Bad Hamm. Hier stehen Stars wie Rebecca Bakken oder die wieder-genesene Barbara Thompson neben „Alpenjazz“ und Nachwuchsensembles. Der Zuschußbedarf des Festivals seitens der Stadt liegt bei ca 60.000 Euro, das Internationale Jazzfest Hamm alterniert - wie in Lünen Jazz Light - mit der Reihe Take Five.
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Michael Rüsenberg - Foto: Kurt Rade
Autor des Jazzatlas Ruhr ist Michael Rüsenberg, der seinen WDR-3-Report über Jazzstädte in NRW in der betreffenden Region wesentlich vertieft und erweitert hat. In über 20 Beiträgen - lokal, regional, überregional - fächert er die Landschaft auf, mit über zwei Dutzend Gesprächspartnern, die in diesem Multi-Media-Projekt ausführlich zu hören sind. 
Foto Nachweis: Kurt Rade ( www.kurt-rade.de), Ruhr Tourismus GmbH, Klaus Lindemann, Markus van Offern, Frank Vinken, Stefan Grohmann, Josip Djakovic, Benjamin Lütkemeyer, Isabel Dreesbach, Konstantin Kern, Georg Schreiber, Tourismus & Marketing Oberhausen GmbH, Messe Essen GmbH, Michael Heine, Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Daniel Junker, Marc Hartstein, Zentrum für Internationale Lichtkuns e.V. Unna, Werner J. Hannappel
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