Moers und sein Festival - Woodstock des Jazz

„Die Bürger von Moers haben nichts gegen das Festival“, pflegte Alt-Oberbürgermeister Wilhelm Brunswick zu sagen, “nur fahren auffällig viele von ihnen jeweils zu Pfingsten in Urlaub.“


Sigmund Ehrmann
Sigmund Ehrmann
Das ist lange her. „Es gibt heute“, sagt Siegmund Ehrmann, MdB, „in der öffentlichen Debatte keinen Streit mehr um das Festival“. Ehrmann ist Kulturpolitiker; „stelle ich mich vor und sage: 'ich komme aus Moers' - dann ist das Moers-Festival sofort an der Tagesordnung.“
Den Test hat Ehrmann auch im Deutschen Bundestag schon bestanden. Selbst in Tokio, hat Hans Gerd Rötters, der Kulturdezernent, erfahren, funktioniert das Image einwandfrei: Moers & Festival, das ist in vielen Kreisen und an vielen Orten ein bestens eingeführtes Begriffspaar.


Eine hart erkämpfte Marke

Es ist aber auch, wenn man die Geschichte des 1972 gegründeten Festivals Revue passieren lässt, eine hart erkämpfte Marke. Die Konflikte spielten sich freilich im Inneren ab, in der Auseinandersetzung zwischen der Stadt und dem Gründer des Festivals, Burkhard Hennen, der nach Jahrzehnten 2005 seinen Vertrag nicht mehr verlängern mochte.

Blue Notes - Foto: Kurt Rade
Blue Notes - Foto: Kurt Rade
Blue Notes - Foto: Kurt Rade
Blue Notes - Foto: Kurt Rade


Nach aussen, in der Jazzwelt, hatte sich das Festival rasch wie kaum ein zweites einen Platz unter den wichtigsten in Europa erobert. Auf der Strecke von über drei Jahrzehnten hat es mit dem Namen (aus „New Jazz Festival“ wurde schlicht „Moers Festival“) auch die Konzeptionen modifiziert, der Anteil dessen, was nach landläufigem Verständnis unter „Jazz“ firmieren kann, nahm ab, der Anteil der ethnischen Musiken zu - Moers ist und bleibt eine Marke mit (fast) jährlich wechselnden Inhalt, sein Rang unbestritten.

Reiner Michalke im Jazz-Paradies

Reiner Michalke
Reiner Michalke
2006 wird mit Reiner Michalke ein neuer Festivalleiter verpflichtet. Das kultur-politische Klima in der Stadt freilich scheint auf einmal wie ausgetauscht. Michalke, der übers Jahr im Stadtgarten Köln Programm macht, kommt sich am Niederrhein vor wie in einem „Paradies“. Alles eine Frage von Temperament und Diplomatie? Michalke, in eigenen Worten „in Köln seit über 20 Jahren konditioniert, gegen Behördendenken anzutreten und Freiheiten für die Kunst möglich zu machen“, findet in Moers in „allen Bereichen der Stadtgesellschaft eine enorm hohe Bereitschaft, dieses Festival zu unterstützen.“

Mehr noch, sein Auftrag sei es, ein „scharfes, auch kontroverses Profil zu entwickeln.“


Michalke weitet das Angebot des Festivals erheblich aus; zwar gab es früher schon Improvisations-Matineen und die berühmte „African Dance Night“, inzwischen nähert sich das Festival - auch dank eines eigenen, lokalen Festivalradios - einer 24-Stunden-Rundum-Versorgung.

Moers macht´s möglich

Das lässt sich die Stadt Moers einiges kosten, sie gibt für Jazz mehr aus pro Kopf der Bevölkerung als jede andere Kommune in NRW, weit mehr also auch als die großen wie Köln, Düsseldorf oder Dortmund. Im Jahre 2007 überwies sie laut Rötters den Betrag von 680.000 Euro an die Moers Festival Kultur GmbH, eine hundertprozentige Tochter der Stadt, die das Moers Festival veranstaltet.

Siegmund Ehrmann vor dem Deutschen Bundestag
Siegmund Ehrmann vor dem Deutschen Bundestag
Die Summe zeigt durch Einspareffekte der GmbH eine leicht sinkende Tendenz, der größte Teil entfällt auf infrastrukturelle Massnahmen. Moer ist ein out door Festival, jährlich mus der Platz für das Festivalzelt im Festivalzelt hergerichtet werden, mit Wasser-, Stromanschlüssen etc. Rund 200.000 Euro aus den Zuwendungen fließen laut Rötters in den Programmetat - was Michalke dahingehend korrigiert, das Budget für die Künstler, inklusive aller Nebenkosten wie Steuern und Hotel, sei eine „sechsstellige Zahl weit unter 200.000.“

Der Zuschuss von 680.000 Euro ist laut Kulturdezernent Rötters ein Betrag „der nicht zurückkommt“, wohingegen der 4. Kulturwirtschaftsbericht NRW (2001) dem Festival „eine im Vergleich zu anderen Kulturangeboten überdurchschnittliche Eigenwirtschaftlichkeit“ bescheinigt.

Magische Zahlen mit kulturpolistischer Wirkung


Moers Festival Logo
Moers Festival Logo
Die Autoren berücksichtigten nicht die tatsächliche Anzahl der Festivalbesucher, sondern darüberhinaus auch alle, die neugierig um das Festivalzelt herumspazieren und an Buden und Ständen konsumieren: sie summierten sich auf angeblich

„geschätzte 100.000 Besucher pro Tag“


, die der Moerser Wirtschaft eine „zusätzliche Wertschöpfung von 35 Mio Euro“ beschert haben sollen.
Magisch auch die Zahl der zahlenden Besucher; 2001, beim 30. Festival, gab Burkhard Hennen 25.173 verkaufte Tickets an. Insider rätseln, wie das bei einem Zelt, das bestenfalls für 3.000 Besucher ausgelegt ist, gelungen sein könnte. Die neue Festivalleitung jedenfalls gibt andere, weitaus realistischere Zahlen an: demnach haben das erste Festival unter Leitung von Reiner Michalke rund 10.000 Personen besucht, 2007 waren es knapp 11.000, für 2008 liegen keine Zahlen vor.

Diese Daten werden nach dem Methoden der Theaterstatistik erhoben, d.h. wer ein Festivalticket für alle vier Tage erworben hat, geht auch viermal in die Statistik ein. Was die Veröffentlichung ehrlicher Daten überdies erschwert, sind Pressemeldungen wie „300.000 swingen in der Stadt“ (Rheinische Post) über die Düsseldorfer Jazz Rally 2008. Keiner weiß, wer die Zahl in die Welt gesetzt hat, aber kulturpolitisch hat sie bereits Wirkung entfaltet.

Performance Moers Festival

Mythos:
Moers als Musikstandort

Wie viele Besucher es auch immer sein mögen - das Moers Festival ist keine Veranstaltung für die Stadt, das zeigen empirische Belege; die überwältigende Mehrheit kommt von auswärts, auch aus dem Ausland. Reiner Michalke nennt das Festival denn auch „ein externes Ereignis, das im Selbstverständnis der Bevölkerung gar nicht mehr wegzudenken ist - und gleichzeitig mit den Leuten gar nichts zu tun hat.“

Reiner Michalke
Reiner Michalke
Moers ist, mit anderen Worten, alles andere als eine Jazzstadt. Reiner Michalke ist deshalb dazu übergegangen, „die positive Grundstimmung“ in langfristiges Interesse umzuwandeln. „Mir würde es schon reichen, wenn ich im 1- oder 2-Prozentbereich Fortschritte mache“. Ein ganzes Bündel von Maßnahmen soll das Festival auch ganzjährig im Bewußtsein der Stadtbewohner verankern.

Auch früher war die Stadt übers Jahr in puncto Jazz nicht ganz ausgestorben, in Burkhard Hennen´s Kneipe „Die Röhre“ fanden gelegentlich Konzerte statt, es war  die Keimzelle des Festivals.


Der neue Festivalchef begann seine Offensive 2006 zunächst mit Gesprächskonzerten unter dem Motto „avant moers festival“, wo er jeweils mit einem Musiker über dessen Arbeit diskutiert.

2008 wurde zum ersten Mal - analog etwa zum Stadtschreiber von Bergen-Enkheim - die Rolle eines „improvisor in residence“ eingerichtet, besetzt zunächst von einer Folkwang-Absolventin, der Saxophonistin Angelika Niescier, aus Köln. Sie sollte ein Jahr lang in der Stadt wohnen, ihre Projekte dort durchführen und den Austausch mit anderen Kulturschaffenden suchen.

Beide Aktivitäten sind Teile eines neuen Netzwerkes Improvisierte Musik Moers (NIMM), das für vier Jahre mit 280.000 Euro aus der Bundeskulturstiftung gefördert und desweiteren aus dem Festivaletat finanziert wird.

"NIMM" neue Projekte: 
Eintausend elf- und zwölfjährige improvisieren zusammen

Zu NIMM gehört auch der Versuch, 2008 erstmals 1.000 Schüler der ersten, der fünften und der neunten Klassen in der Vorwoche des Festivals mit der Musik des Festivals „positiv in Berührung zu bringen.“

Veranstaltungszelt Moerser Festival
Veranstaltungszelt Moerser Festival
Für die Erstklässler wurde ein animatives Stück des TTT Theaters Wien (2007 als Künstler auf dem Festival), in einem Zirkuszelt in zentraler Lage der Stadt angeboten. Zu den Fünftklässlern kamen Musiker in die Schule, um sie zu kollektiver Improvisation anzuleiten. Sie trafen sich anschließend, am Vortag des Festivals, im großen Festivalzelt, um das Gelernte umzusetzen: eintausend 11-12jährige, die von ihresgleichen zur freien Improvisation „dirigiert“ wurden.

„Das waren teilweise beeindruckende und auch ergreifende Situationen, wo das im besten Sinne auch funktioniert hat.“ (Michalke)


An die Neuntklässler schließlich, die „über einen gefestigten Musikgeschmack verfügen und sich von Eltern und Lehrern nichts mehr sagen lassen“ (Michalke) richtete sich ein freiwilliges Angebot in der Freizeit namens „Music Camp“, konkret Kurse über DJ´ing, Texten, Musik im Film, bekannte Rapper als Referenten.

Bilderreigen Jazz - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Jazz - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Jazz - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Jazz - Foto: Kurt Rade


Bei der Manöverkritik stellt sich die Alterseinteilung als sinnvoll heraus, auch die Ausschöpfung der beiden jüngeren Jahrgänge wurde als gelungen empfunden. Problematisch war die Resonanz unter denen aus den neunten Klassen, man will sie künftig nicht mehr über die Schule ansprechen, „das war der falsche Weg“ (Michalke).



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Michael Rüsenberg - Foto: Kurt Rade
Michael Rüsenberg - Foto: Kurt Rade

Autor des Jazzatlas Ruhr ist Michael Rüsenberg, der   seinen WDR-3-Report über Jazzstädte in NRW in der betreffenden Region wesentlich vertieft und erweitert hat. In über 20 Beiträgen  - lokal, regional, überregional - fächert er die Landschaft auf, mit über zwei Dutzend Gesprächspartnern, die in diesem Multi-Media-Projekt ausführlich zu hören sind.




Foto Nachweis: Kurt Rade ( www.kurt-rade.de), Ruhr Tourismus GmbH, Klaus Lindemann, Markus van Offern, Frank Vinken, Stefan Grohmann, Josip Djakovic, Benjamin Lütkemeyer, Isabel Dreesbach, Konstantin Kern, Georg Schreiber, Tourismus & Marketing Oberhausen GmbH, Messe Essen GmbH, Michael Heine, Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Daniel Junker, Marc Hartstein, Zentrum für Internationale Lichtkuns e.V. Unna, Werner J. Hannappel


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Sa, 22.05.2010 0

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17.02.2010

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