Gelsenkirchen - Ein unmöglicher Raum für Jazz?

Paul Baumann erinnert sich nicht mehr genau, ob es 1984 oder 1985 war. Er war damals Mitarbeiter im Jugendamt und hat es „gewagt“, ein Konzert mit Volker Kriegel im Hans-Sachs-Haus zu veranstalten. „An sich ein unmöglicher Raum für Jazz; aber - der Raum hat geklungen, das Publikum hatte Spaß und Volker Kriegel wollte gerne wiederkommen.“ Mehr als 600 Besucher wurden damals an der Abendkasse registriert.

Resignative Züge unverkennbar

Ein schöner Klang aus einer fernen Zeit. Zu einer Wiedereinladung Kriegels ist es nicht gekommen, und obwohl das Jazzleben in Gelsenkirchen danach gewiss nicht ohne Profil war, sind heute bei Baumann, der inzwischen Mitarbeiter im Referat Kultur ist, resignative Züge unverkennbar. Im Frühjahr 2009 geht er in den Ruhestand, die Bilanz seiner langjährigen Bemühungen unter dem Motto „Fördern, was es schwer hat“ ist so schlecht wie nie zuvor.

"...in Gelsenkirchen gibt es kaum bürgerliches Potenzial, das für Jazz aufmerksam ist..."


Paul Baumann
Paul Baumann
"Gelsenkirchen liegt mitten im Revier, hat keine Mitte. Wir haben es leider nicht geschafft eine „Jazz-Mitte“ finden zu können. Wir versuchen mit viel Kraft und Engagement etwas hinzukriegen, was einen manchmal verzagen lässt.“ Gemessen an je 60.000 Zuschauern bei Pur oder Grönemeyer auf Schalke, meint Baumann, „dass wir hier in Gelsenkirchen kaum bürgerliches Potenzial haben, wenn ich das mal so nennen darf, das für Jazz aufmerksam ist. Wir stehen in Konkurrenz zu absoluten Jazzange-bots-Hochburgen. Das ist Dortmund und Essen mit einem hervorragenden Angebot, wo wir die Konkurrenz gar nicht aushalten.“

Formate der Vergangenheit

Das war früher einmal anders. Von 1989 bis 2002 hat Baumann im Foyer des MiR (Musiktheater im Revier), „Solo Virtuos“ programmiert. Dank thematischer Schwerpunkte („Jazz aus Polen“ oder Instrumenten-Schwerpunkte) brachte die gut gestaltete Reihe namhafte Künstler in die Stadt. „Ohne Diskussion oder Widerstand musste diese Reihe wegen fehlender Mittel eingestellt werden“, schreibt Baumann heute.

"Solo Virtuos" und "Klezmerwelten"


2003 und 2004 legt das Kulturreferat Gelsenkirchen die landesweit beachtete Ausstellungsreihe „Klezmerwelten“ auf, die mit Unterstützung der Bundeszentrale für Politische Bildung bis heute durch Deutschland zieht. „Wenn dann hier kleinere Klezmer-Veranstaltungen stattfinden,“ berichtet Volker Bandelow, der Referatsleiter, „geht die Publikumszahl deutlich runter. Das funktioniert nur, wenn man es bündelt. Als Einzelveranstaltung funktioniert auch Klezmer hier nicht.“

"Her(t)zklopfen" im Consol Theater


Ähnlich gemischt ist die Publikumsresonanz auf die jüngste Reihe „Her(t)zKlopfen“ im Keller des Consol Theaters auf dem Gelände der Zeche Consolidation. In diesem optisch wie akustisch vorzüglichen Raum finden auch Veranstaltungen der Gelsenkirchener Jazzfördervereins „GEjazzt“ statt.

Consol Theater Gelsenkirchen
Consol Theater Gelsenkirchen


Her(t)zKlopfen ist wiederum sehr ambitioniert, eine Reihe durchaus mit Pilotcharakter, wie so manches im Gelsenkirchener Jazzangebot. Ihre prägende Idee ließe sich als  „Ethno Jazz“ beschreiben. Da kann z.B. der aus Rumänien stammende, in Köln lebende Saxophonist Nicolas Simion - mehr als in seiner neuen Wahlheimat am Rhein - den Kosmos der ihn bestimmenden Musikstile ausleuchten.

"Jazz Türkis" - Integration durch Improvisation


In der Reihe „Jazz Türkis“ geht Paul Baumann auf die lokale Umgebung ein, wo türkische Musiker gemeinsam mit deutschen improvisieren. Die Reihe versucht, „hörbar zu machen, wie wunderschön es klingt, wenn diese verschiedenen Kulturen aufeinander treffen und neue musikalische Symbiosen zum Klingen bringen.“

Einmal mussten sie, wegen des großen Publikumszuspruchs, in den Consol-Theatersaal ausweichen, ansonsten aber war die Resonanz gering. „Was wir aber geschafft haben“, bilanziert Baumann, „das waren Konzerte, wo eine Hälfte türkisch und die andere deutsch war. Und das beispielhafte Integration ist, dann ist die mindestens so beispielhaft wie diese türkischen und deutschen Musiker es geschafft haben etwas Gemeinsames zu kreieren, ohne dass ihnen jemand gesagt hat, jetzt machen wir mal einen auf Integration.“

Harter Kampf um die Zuhörer

Dr. Robert von Zahn - Foto: Kurt Rade
Dr. Robert von Zahn - Foto: Kurt Rade
In diesem Punkt sieht auch Dr. Robert von Zahn vom Landesmusikrat NRW für die Reihe im „Consol Theater“ ein „Alleinstellungsmerkmal, was das Ruhrgebiet weit über die anderen Szenen hinaushebt.“In Gelsenkirchen müsse man, das meint auch der Bassist Martin Fuhrmann von der Initiative „GEjazzt“, besonders stark um die Zuhörer kämpfen. Die Initiative (38 Mitglieder) besteht seit 6 Jahren, sie veranstaltet Sessions und Konzerte auf „Consol“, aber auch in der „Jazz & Art Galerie“, die seit über 30 Jahren dieser Musik offensteht. Dr. Volker Bandelow, der Leiter des Gelsenkirchener Kulturreferates, sieht zwei Dinge im negativen Sinne aufeinander zugehen: „Das eine ist, dass in dieser Stadt eine Form von bürgerlicher Kultur oder Mittelschicht feht. Es fehlt auch eine studentische Szene im engeren Sinne. D.h. das, was Sie in Dortmund, Bochum oder Essen an jungem, studentischen Publikum haben, das wohnt vielleicht günstigstenfalls hier in Gelsenkirchen, aber orientiert sich woanders hin.“


Als zweiten Negativtrend sieht Bandelow, dass Gelsenkirchen von außen einfach nicht wahrgenommen werde. Nach 15 Jahren im Dienst könne er „eine Anekdote nach der anderen“ erzählen, „wo Programme, die absolut gleich lautend hier sind oder in Bochum oder einer anderen Stadt, und in der überregionalen Presse dann gebracht werden, wenn sie in Bochum oder Essen oder Dortmund laufen, aber nicht wenn sie in Gelsenkirchen laufen. Das ist uns mit Klezmer auch so passiert. Während wir unsere Klezmer-Ausstellung hier hatten, gab es Beiträge in überregionalen Zeitungen über das Klezmer-Anwachsen in Deutschland - und da kamen wir schlicht nicht vor.“

120.000 für Pur - 30 Leute für Jazz


Die Stadt Gelsenkirchen steht unter „Nothaushaltsrecht“ und kann daher unter freiwilligen Leistungen keine regelmäßigen Förderungen auszahlen. Es gibt laut Bandelow einen Kulturfonds, der nicht Teil des städtischen Haushaltes ist, aus dem inklusive aller Sachleistungen zwischen 10.000 und 15.000 Euro jährlich ausgeschüttet werden, nicht gerechnet die städtischen Eigenveranstaltungen.


Bilderreigen Jazzinstrumente - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Jazzinstrumente - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Jazzinstrumente - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Jazzinstrumente - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Jazzinstrumente - Foto: Kurt Rade


Paul Baumann äußert Skrupel, wie denn das durchzuhalten sei: „Pur zweimal ausverkauft in der Arena von Schalke, und ich habe hier bei dem einen oder anderen Angebot vielleicht 30 Leute sitzen, dann wird das schon irgendwie schwierig durchzuhalten, ob man mit Steuergeldern, wo man den Jazz subventioniert, ob man sich das dann erlauben soll oder erlauben darf oder sogar erlauben muss. Also die Fragwürdigkeit steht sicher im Raum.“


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Michael Rüsenberg - Foto: Kurt Rade
Michael Rüsenberg - Foto: Kurt Rade

Autor des Jazzatlas Ruhr ist Michael Rüsenberg, der   seinen WDR-3-Report über Jazzstädte in NRW in der betreffenden Region wesentlich vertieft und erweitert hat. In über 20 Beiträgen  - lokal, regional, überregional - fächert er die Landschaft auf, mit über zwei Dutzend Gesprächspartnern, die in diesem Multi-Media-Projekt ausführlich zu hören sind.




Foto Nachweis: Kurt Rade ( www.kurt-rade.de), Ruhr Tourismus GmbH, Klaus Lindemann, Markus van Offern, Frank Vinken, Stefan Grohmann, Josip Djakovic, Benjamin Lütkemeyer, Isabel Dreesbach, Konstantin Kern, Georg Schreiber, Tourismus & Marketing Oberhausen GmbH, Messe Essen GmbH, Michael Heine, Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Daniel Junker, Marc Hartstein, Zentrum für Internationale Lichtkuns e.V. Unna, Werner J. Hannappel


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Mi, 14.07.2010 0

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17.02.2010

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