Dortmund - Domicil und Hochburg für Jazz im Ruhrgebiet

Spricht man vom Jazz im Ruhrgebiet, dann läuft jede Kommunikation fast zwangsläufig auf Dortmund zu, auf das Domicil. Der Club wurde im vergangenen Jahr 40 Jahre alt. Unter den Anbietern kontinuierlicher Programme ist er die Jazzadresse des Reviers, mit einer mitunter quasi monopolistischen Stellung: Wen das Domicil als Künstler nicht nimmt oder nicht nehmen kann, der läuft Gefahr, im begrenzten Zeitfenster einer Tournee keine andere Station im Revier zu finden.

Aufstieg in die "bel etage" des Dortmunder Kulturlebens

Dies gilt umso mehr, seit das Domicil 2005 in die Räume des ehemaligen Hansa Kinos einziehen und damit auch symbolisch in die „bel etage“ des Dortmunder Kulturlebens aufsteigen konnte - nach über drei Jahrzehnten sprichwörtlicher Kellerexistenz unter einer Kindertagesstätte, in einem Viertel von nicht zweifelsfreiem Ruf.

domici in Dortmund
domici in Dortmund


(Dass ein paar Veteranen sich dorthin zurück träumen, weil ihnen das Programm inzwischen als zu wenig jazz-zentriert erscheint oder weil ihnen der Gang durch das Spalier der latte macchiato-Trinker in den neuen Konzertsaal Mühe macht, gehört zu den eher folkloristischen Begleitumständen des Umzuges.)

Das neue Domicil und seine alten Freunde

Die neue Adresse umfasst ebenerdig ein Café, im ersten Stock einen Konzertsaal sowie einen Club nebst Gastronomie. Das neue Domizil strahlt dermaßen, dass etliche das Domicil schon mit dem Stadtgarten in Köln gleichziehen sehen. Das mag für die schöne Angebotsfläche Gültigkeit haben, teilweise auch für das Programm, doch sind die Unterschiede beträchtlich, ja grundsätzlicher Natur.

The Dorf live im domicil
The Dorf live im domicil
Stephan Bauer Group live im domicil
Stephan Bauer Group live im domicil


Was das Domicil so energetisch vorangetrieben hat, hat es in Köln nie gegeben: eine über Jahrzehnte vitale Organisation von Freunden der Musik, von Jazzfans, eine Unterstützer-Kultur, die sich in Dortmund nahtlos bis in die Tage der Hot Clubs Ende der 40er Jahre zurückverfolgen lässt.


Glen Buschmann
Glen Buschmann
Auffällig an dieser Generationen übergreifenden Ausdauer, dass sie nicht nur von „reinen“ Hörern getragen wird, sondern auch von Musikern, etwa dem Bluespianisten Günter Boas (1920-1993) und Rainer Glen Buschmann (1928-1995) sowie Journalisten (Rolf Düdder, Werner Panke). Noch heute finden sich bis zu 100 aktive Mitglieder, die laut Webseite „mindestens 5.000 Stunden Freizeit“ in die Clubarbeit investieren: „Wir betreuen die Kasse, den Einlass, die Garderobe und die Theke. Wir verschicken die Flyer, wir legen als DJ Platten auf, bereiten Konzerte vor, beraten oder betreuen und sind das eigentliche Herz des Domicil. Ohne uns gäbe es kein Domicil, nicht früher und nicht in Zukunft.“

"Man kommt hierhin, um Leute zu treffen, die sich in irgendeiner Form für moderne Kunst interessieren..."


Dabei ist es nicht mal unbedingt der Jazz, der die aktiven Vereinsmitglieder motiviert, wie das Vorstandsmitglied Horst Ziemann erläutert, ausschlaggebend sind auch soziale Aspekte: „Man kommt hierhin, um Leute zu treffen, die sich in irgendeiner Form für moderne Kunst interessieren und will das fördern.“ Ziemann, 60, hat sich von seinem Sohn zu mehr Engagement animieren lassen; als pensionierter Lehrer verfügt er über die Zeit, nun etwas von dem gewissermaßen „zurückzuerstatten“, was ihm das Domicil über 40 Jahre gebracht hat.

Bilderreigen Instrumente - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Instrumente - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Instrumente - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Instrumente - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Instrumente - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Instrumente - Foto: Kurt Rade


Fast so alt wie das Domicil ist die Weihnachts-Matinee im Opernhaus (1970), welche die Vereinsmitglieder ebenfalls organisieren, eine Art Schaulaufen des Dortmunder Jazz aller Stile, „wo die Musiker für ihren Club spielen“, von dessen Erträgen das Domicil insbesondere in den Jahren profitierte, als es noch keine Fördermittel als Kulturzentrum erhielt.

Glen Buschmann ist historisch die zentrale Figur der Bewegung,...

Glen Buschmann
Glen Buschmann
ein begnadeter Strippenzieher im kulturpolitischen Feld, bis hinauf zur Ebene der Landesregierung. Musikalisch war er - als Klarinettist und Komponist - sowohl im Jazz als auch in der Klassik zu Hause, nicht zuletzt als Leiter der Musikschule auch in einer Rolle als Musikpädagoge. Nach ihm ist heute die Glen Buschmann Jazz Akademie an der Musikschule Dortmund (gegründet 1997 und geleitet von Jochen Schrumpf) benannt, ein praxis-orientierter, studienvorbereitender Lehrgang.
 

Talentschmiede Musikschule Dortmund

Palo Held
Palo Held
Das jüngste Großtalent, das dort in diesem Sinne betreut wurde (das für das Studium allerdings an die Musikhochschule Köln wechselte), war der Pianist Pablo Held, 22, geboren in Herdecke, aufgewachsen in Hagen.





Glen Buschmann leitete 10 Jahre lang als Präsident den Jazzclub Domicil e.V., in seine Zeit fiel die Einrichtung der gleichnamigen Spielstätte, für viele die Verwirklichung eines Traumes, am 14.03.1969 in der Leopoldstr. 60, Untergeschoß. Der James-Dean-Clubs war gerade dort ausgezogen, im Erdgeschoß befindet sich damals wie heute eine Kindertagesstätte. Die Umgebung – ein Red Light District.

Rainer Glen Buschmann am 14.03.69 bei der Eröffnung des Domicil

Meine Damen und Herren, Jazzfreunde aller Art, liebe Clubmitglieder. Können Sie mich so verstehen?

Bevor meine Stimme - der ich, wie Sie hoffentlich bemerken, bemüht bin, einen sonoren, präsidialen Klang zu geben -, vor Rührung brüchig wird, möchte ich gerne einige Begrüßungsworte zu Ihnen sagen. Vor Rührung deswegen, meine Damen und Herren, weil hier und heute ein Traum verwirklicht wird, der inzwischen volljährig geworden ist.


Glen Buschmann
Glen Buschmann

Wir geben den Club in Ihre Hände und wir hoffen, dass eine gute Sache daraus wird. Ich darf mich mit dem Wahlspruch eines mir befreundeten Fans verabschieden, der im Hauptberuf Jurist ist und der bei solchen Gelegenheiten zu sagen pflegte: „Und jetzt lasst´ uns ohne schuldhaftes Zögern zum verschärften Trinken übergehen.

Keine operettenhaften Titel

Waldo Riedl - Foto: Kurt Rade
Waldo Riedl - Foto: Kurt Rade
Der Vereinsvorsitz ist jüngst von Günter Maiß an Udo Wagener übergegangen, die programmatisch bestimmende Kraft aber ist Waldo Riedl. Er kommt aus Süddeutschland, lebt seit 1987 in Dortmund und ist seit 1997 für das Programm zuständig.
Seit 1998, als die öffentliche Förderung für die Spielstätte einsetzt, fungiert Riedl als Geschäftsführer, seit dem Umzug 2005 in die Hansastr. 7-11 als Geschäftsführer der „Domicil gGmbH“, einer gemeinnützigen Gesellschaft, die die Gastronomie in den neuen Räumen betreibt und sich zu 100 Prozent im Besitz des Vereines befindet. Gewinne muß sie an den Verein abführen, sie fließen in das Kulturprogramm. 

Bankette im Konzertraum des domicil

Waldo Riedl hat einen fulltime job, er ist nicht mehr nur für das Programm zuständig, sondern mitunter wochenlang auch mit der Planung von Banketten für lokale Wirtschaftsunternehmen beschäftigt, die den Konzertraum zunehmend zu schätzen wissen. Auf Jazzflair kommt es ihnen dabei weniger an, sondern auf professionellen Service von der Dekoration bis zur Weindegustation.
Das Domicil nämlich definiert sich inzwischen nicht mehr nur über die Hauptsache, also über sein Programm, das nun auf dem Dreiklang „Jazz, World Music, Avantgarde“ basiert, freilich mit der Konsequenz:

„Wir sind kein Jazzclub mehr, wir sind eine Spielstätte für Aktuelle Musik“ (Riedl).


Das Domicil definiert sich zunehmend auch über die Gastronomie; neulich wurde es zur „besten Bar“ in Dortmund gewählt, nach nur zwei Jahren am Markt. „Früher waren wir ein Verein, inzwischen sind wir ein Betrieb geworden“, stellt Riedl die Unterschiede zu früher heraus: 80 bezahlte Mitarbeiter, ein kaufmännischer Leiter, ein Geschäftsführer, zwei Gastro-Leiter, bis zu 100 ehrenamtliche Mitarbeiter aus dem Verein.

domicil innen
domicil innen


„Man muss Leute einstellen und entlassen, Arbeitsgericht usw - das hat den Laden auch verändert.“


Mit Hilfe der Überschüsse aus der Gastronomie kann sich das Programm inzwischen auch „größere acts“ leisten, „einen John Scofield beispielsweise“. Manchmal wird der Konzertsaal für populäre Jazz acts (z.b Michael Landau, Larry Carlton, Yellowjackets) an externe Veranstalter vermietet, das bedeutet kein Risiko und eine gesicherte Einnahme.

Im Gegenzug sind aber auch „Kannibalisierungseffekte“ (Riedl) zu beobachten: die Konzerte im kleinen Raum, dem Club, leiden unter der Attraktivität des Angebotes im großen; „die Leute geben lieber 30 Euro aus für einen bekannten act im Saal als 8 Euro im Club“, sagt Riedl. Und viele kriegen weder das eine noch das andere mit. Samstags, ab Mitternacht, ist Party bis in die frühen Morgenstunden.

„Es gibt Leute, die kommen in den Laden, um Spaß zu haben, die waren noch nie im Konzert. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.“


Um das alte Hansa Kino für die Hauptsache herzurichten, den Konzertsaal mit bis zu 500 Plätzen sowie den Club mit Theke, haben die Vereinsmitglieder beispiellos „geschackert“, wie es der Dortmunder Musikreferent Michael Batt nennt. Ihr Anteil an den Umbaukosten in Höhe von insgesamt 1.6 Mio Euro, ihre „Muskelhypothek“, wurde mit 150.000 Euro in der Gesamtkalkulation bewertet.

Die Stadt Dortmund gab 135.000 Euro, der Löwenanteil von 908.000 Euro kam vom Land (Projekt „Initiative Ergreifen“), eine Brauerei beteiligte sich, und selbst der Vermieter, eine Immobiliengesellschaft aus Köln, war mit 180.000 Euro „im Boot“ und ließ sich neben einem „moderaten“ Mietzins auch auf einen langfristigen Mietvertrag von 15 Jahren ein.

Kulturzentrum mit erhöhtem output und Druck

Bilderreigen Jazzmusiker - Foto: Kurt Rade
Bilderreigen Jazzmusiker - Foto: Kurt Rade
Unter den elf Kulturzentren in Dortmund, die von der Stadt gefördert werden, zählt das Domicil zu den fünf mit „erhöhtem output“, wie Michael Batt sagt. Im Sommer 2009 verabschiedete der Dortmunder Stadtrat einen neuen 5-Jahres-Plan für die Kulturzentren; das Domicil konnte dabei eine geringfügige Aufstockung seiner städtischen Zuwendungen erzielen, auf 180.000 Euro ab 2010. Das ist kaum mehr als zuvor, beinhaltet nun aber eine feste Zusage für das jährliche Festival europhonics. Das freilich wird in der bisherigen Form nicht mehr fortbestehen, ab Herbst geht das Domicil eine neue Partnerschaft ein: mit dem Konzerthaus Dortmund und ... Borussia Dortmund - für ein neues, gemeinsames Festival: die Internationalen Dortmunder Jazztage.

„da muß nur einer im Kulturausschuß sagen `wir wollen das nicht mehr´, dann ist das Domicil von heute auf morgen weg..."


Mit städtischen Zuschüssen in Höhe von 180.000 Euro für den Jazz steht Dortmund an der Spitze der Revier-Städte (ausgenommen Moers), verglichen aber mit dem Zuschussbedarf der „klassischen“ Institutionen der Stadt ist das wenig; auch gemessen an Größe und Bedeutung des Domicil selbst, meint Batt, sei „noch Luft drin.

Die Situation ist labil“, betont auch Waldo Riedl „da muß nur einer im Kulturausschuß sagen `wir wollen das nicht mehr´, dann ist das Domicil von heute auf morgen weg. Auch wenn wir mit dem Domicil viel erreicht haben - man kann sich nie zurücklehnen. Der Kampf ist ein Dauerkampf.“

Freya Deiting - Foto: Kurt Rade
Freya Deiting - Foto: Kurt Rade


Für die Dortmunder Jazzfreunde alleine lohnte sich dieser Aufwand nicht, „die Besucher kommen zu knapp 50 Prozent nicht aus Dortmund“, zitiert Riedl eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Urbanistik noch aus dem alten Domicil in der Leopoldstr. Bei großen Namen reicht demnach die Ausstrahlung dieses Leuchtturms bis Frankfurt und in die Niederlande.

Pro Jazz e.V. mit lokalen Interessen im Domicil


Eng vernetzt mit dem Domicil, in dessen Büroetage sich zudem seine Geschäftsstelle befindet, ist Pro Jazz e.V., gegründet 1991; ihm gehören die meisten Dortmunder Jazzmusiker an. Pro Jazz verfolgt eher lokale Interessen; der Verein betreibt diverse Reihen im Domicil (u.a.. die Monday Night Session oder die der elektro-akustischen Improvisation gewidmete Reihe „baender bender“ von Jim Campbell, aber auch andernorts.

Zum 40jährigen Bestehen des Domicil steuerte Pro Jazz ein eigenes Festival bei, „eine wilde Nachtfahrt durch die Dortmunder Jazzwelt“. Der Verein ist wöchentlich im Dortmunder Bürgerfunk mit einer Jazzsendung präsent, er organisiert sporadisch Workshops und Schulprojekte.


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Michael Rüsenberg - Foto: Kurt Rade
Michael Rüsenberg - Foto: Kurt Rade

Autor des Jazzatlas Ruhr ist Michael Rüsenberg, der   seinen WDR-3-Report über Jazzstädte in NRW in der betreffenden Region wesentlich vertieft und erweitert hat. In über 20 Beiträgen  - lokal, regional, überregional - fächert er die Landschaft auf, mit über zwei Dutzend Gesprächspartnern, die in diesem Multi-Media-Projekt ausführlich zu hören sind.




Foto Nachweis: Kurt Rade ( www.kurt-rade.de), Ruhr Tourismus GmbH, Klaus Lindemann, Markus van Offern, Frank Vinken, Stefan Grohmann, Josip Djakovic, Benjamin Lütkemeyer, Isabel Dreesbach, Konstantin Kern, Georg Schreiber, Tourismus & Marketing Oberhausen GmbH, Messe Essen GmbH, Michael Heine, Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Daniel Junker, Marc Hartstein, Zentrum für Internationale Lichtkuns e.V. Unna, Werner J. Hannappel


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Mi, 14.07.2010 1

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Kommentare

jazz

Wenn doch Stadtpolitiker mehr Jazz hören würden.....
oder ins Ausland fahren würden - und dort hören: How! Aus Dortmund. Der Jazz Hochburg.

Über den Autor

17.02.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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