Essen bleibt Jazzhochburg!
- Serie: Jazzatlas Ruhr
„Essen bleibt Jazzhochburg!“ Es bedarf wenig semantischen Aufwandes, um den überzogenen Charakter des Slogans zu entlarven, mit dem die Philharmonie Essen für ihr Jazzprogramm wirbt. Problematisch ist weniger das Attribut „Jazzhochburg“, man könnte es als lokale Übertreibung billigen. Es könnte einem überdies vielleicht entgangen sein, dass Essen inzwischen diese Zuschreibung sich verdient hat und wirklich das ist, was es von sich behauptet. Zumindest hat die Philharmonie Essen seit ihrer Gründung 2004 in dieser Richtung qualitativ und quantitativ beträchtliche Ambitionen entwickelt.
Philharmonie Essen - Eine Hochburg, die übersehen wird.

Nein, problematisch an dem Slogan ist das Prädikat („bleibt“). Wer als Essener halbwegs mit der Jazzentwicklung Schritt hält, den wird die Unterstellung amüsieren, über all die Jahre vor 2004, also vor den Aktivitäten in der Philharmonie, in einer Jazzhochburg gelebt zu haben. Zu oft musste er nach Dortmund fahren, ins „Domicil“, nach Köln, in den „Stadtgarten“, nach Münster, zum dortigen Festival, vom Moers Festival ganz zu schweigen, um bestimmte Künstler live erleben zu können.

Zu oft liefen die großen und kleinen Tourneen einfach an dieser „Jazzhochburg“ vorbei.
Keine Frage, die Philharmonie Essen hat das Angebot auf ein vorher unvertrautes Niveau gebracht - lange Jahre aber, Jahrzehnte, entsprach Essen in puncto Jazz keineswegs dem nominellen Rang als fünftgrößte Stadt in Deutschland. Das Angebot war sporadisch und sprunghaft, viele Tourneen zogen an der Stadt vorbei (Berthold Klostermann), und niemand, der was vom Jazz in Essen versteht, kann sich einen Reim darauf machen.
Jazz-Diplom, ja! - Jazzclub, nein!
Peter Herborn, Leiter der Jazzabteilung an der Folkwang Musikhochschule in Essen-Werden, nennt das Jazzleben in der Stadt ein „diskrepantes Spiel“.
Dabei besitzt die Stadt eine Reihe von Faktoren, die nach aller Erfahrung ein florierendes Jazzleben begünstigen: ein großes Umland, dank der Universität Duisburg-Essen ein studentisches Publikum, im Laufe von nunmehr 20 Jahren haben obendrein an die 200 Musiker mit dem Jazz-Diplom der Folkwang Musikhochschule die Stadt verlassen oder sind dort geblieben. Die zentrale Instanz einer vitalen Jazzszene aber bleibt Essen trotz vielfachen Bemühens versagt - ein Jazzclub . Erst jüngst wieder hat sich eine Hoffnung darauf, am Ort des früheren Kinos im Hbf Essen, zerschlagen.
Nicht der Vergangenheit nachweinen

Auch weil historisch Höhenzüge zu erkennen sind, geben die langen Talsohlen Rätsel auf. Immerhin war Louis Armstrong in Essen, Duke Ellington, Benny Goodman, Stan Kenton, Paul Bley. Vor allem aber war die neu erbaute Grugahalle Standort für eines der ersten großen Jazzfestivals im Nachkriegsdeutschland: die Essener Jazztage 1959-61. „In Essen“, schreibt Joachim Ernst Berendt in seiner Autobiographie, „habe ich ´geübt´, wie man Festivals macht. Der Finanzchef der Essener Jazztage, Ralf-Schulte Bahrenberg, hatte dadurch viel Geld verloren“. Beide gingen daraufhin nach Berlin und gründeten 1964 die Berliner Jazztage -
die Essener Jazztage waren in der Tat direkter Vorläufer der Berliner Jazztage,


Die "Essener Jazztage"

Ella Fitzgerald, Oscar Pettiford, Kenny Clarke, Thelonius Monk, Roland Kirk, Dave Brubeck, Quincy Jones und viele mehr.

Joachim Ernst Berendt, der „Jazzpapst“, trat dabei erst später, eigentlich erst beim dritten Festival 1961, programmprägend in Erscheinung. Die Essener Jazztage waren in erster Linie eine Erfindung eines agilen Konzertveranstalters im Twenalter aus Essen, Ralf Schulte-Bahrenberg, heute 74. Dem Gespräch mit ihm kann man entnehmen, dass die Stadt seinerzeit den Wert der Veranstaltung nicht erkannte (1968 hat sie mit den „Essener Songtagen“ zumindest teilweise Konsequenzen daraus gezogen), die Unterstützung 1959-61 war immaterieller Art und mehr durch die damalige Leitung der Grugahalle. Sie ließ Schulte-Bahrenberg gewähren.
Er bestätigt das Zitat von Berendt , viel Geld verloren zu haben, nach eigenen Angaben 120.000 DM, was aber keineswegs Anzeichen für mangelnden Publikumszuspruch gewesen sei (es sollen, ganz im Gegenteil, jeweils an die 12.000 Besucher gezählt worden sein), sondern allein einem Konflikt mit seinem amerikanischen Vertragspartner Norman Granz geschuldet.
Wie die Folkwanger das Jazzleben der Stadt prägen
Stabilität im Essener Jazzleben, wenn auch geprägt von großen Intervallen, tritt erst sehr viel später ein, nämlich 1984 mit Gründung der Reihe „Jazz in Essen“ durch Peter Herborn. Im Laufe der Jahre wechselt sie mehrfach die Spielorte und geht 1991 auf den Journalisten Berthold Klostermann über, der sie seitdem im Grillo Theater veranstaltet und auf Grund der „zerpflückten“ Terminlage mitunter Schwierigkeiten hatte, ihren Reihen-Charakter kenntlich zu machen. „Jazz in Essen“ wird unterstützt vom Kulturamt der Stadt (25.000 Euro) und ist ein halbes Dutzend mal pro Jahr, immer abhängig von Lücken im Theaterspielplan, Tourneestation für mehr oder weniger große Namen.

Peter Herborn, 52, damals Lehramtskandidat, Nachwuchsposaunist und Dozent von Jazzkursen an der Volkshochschule, prägt weiterhin das Jazzleben der Stadt wie kein zweiter. Seine Band Noctet , die sich 1983 auflöst, entpuppt sich wenig später als Keimzelle einer Entwicklung, die 1988 in der Einrichtung eines Jazz-Studienganges an der Folkwanghochschule für Musik kulminiert. Herborn, der dazwischen einige bedeutende Big Band-Aufnahmen veröffentlicht hat, jüngst auch eine Oper, ist seit 20 Jahren Leiter des Jazz-Studienganges im Professoren-Rang.
Thomas Hufschmidt (mit halber Professoren-Stelle), der frühere Noctet-Pianist, unterrichtet ebenso Jazzpiano wie der damalige Noctet-Schlagzeuger Peter Walter, lange Jahre war der frühere Noctet-Trompeter Raimund Hüttner beim Folkwang-Jazz Dozent für Elektronik.

Folkwang-Jazzstudenten (z.B. John Dennis Renken) tauchen auch im Jazzprogramm der Philharmonie Essen auf, z.B. in der Big Band von Carla Bley, anlässlich der Wiederaufführung ihrer berühmten „Jazz-Oper“ Escalator Over The Hill. Die amerikanische Jazzpianistin und -Komponistin war in der Spielzeit 2005/06 „artist in residence“ in der Philharmonie Essen. Eine solche Rolle ist nicht ungewöhnlich an einem solchen Aufführungsort, außergewöhnlich freilich und ein Alleinstellungsmerkmal der Essener Philharmonie, dass einem „artist in residence“ aus dem „klassischen Lager“ immer auch einer aus dem Jazz gegenübersteht. 2004, im Premierenjahr der Philharmonie Essen, in Gestalt von Uri Caine eine auch symbolisch äußerst glückliche Wahl, weil dieser Jazz-Pianist und -Komponist mit seinen Mahler-, Wagner- und Schumann-Bearbeitungen ohnehin sozusagen zur Hälfte schon in abendländischen Konzeptionen sich bewegt.
Jazzabo der Philharmonie: Von der Konkurrenz gefürchtet
Gründungsintendant Michael Kaufmann betont, dass Jazz von Anfang an als „ebenso selbständig integriert“ in das Programm der neuen Institution geplant war wie die üblichen klassischen Genres.
Mit Stars Carla Bley, Herbie Hancock, einem dreitägigen Gastspiel des Vienna Art Orchestra brachte er schon in der Auftaktsaison Künstler in die Stadt, die diese lange vermisst hatte.
„Wenn´s einen regulären Jazzclub gegeben hätte, wie den Stadtgarten in Köln oder das Domicil in Dortmund, hätten wir gar keine Chance gehabt, uns auf diesem Feld zu tummeln“, erläutert Kaufmann die damalige Marktlücke. In der er, glaubt man Kaufmann, zunächst durchaus auch auf Argwohn traf.

Nicht alle großen und kleinen Mitspieler in der Stadt nahmen die Jazz-Bemühungen der Philharmonie Essen ernst.
Das hat sich grundlegend geändert, die Philharmonie Esse ist als hochrangiger Jazz-Anbieter akzeptiert - und gefürchtet (u.a. wegen der hohen Honorare, die andere Veranstalter sich nicht erlauben können.) Ein Mitarbeiter der Kulturverwaltung Gelsenkirchen beispielsweise spricht von einer „Jazzangebots-Hochburg, wo wir die Konkurrenz gar nicht aushalten.“ Michael Kaufmann: „Was nationale und internationale Bedeutung betrifft, verkaufen wir inzwischen deutlich mehr Tickets für die Jazz- als für die klassischen Konzerte.“ Das Jazz-Abo bringe im Schnitt zwischen 500 und 700 Leute in den großen Saal.
„Das ist nicht so schlecht, finde ich, wenn man das Gesamtangebot im Ruhrgebiet sieht. Und wenn man das Gesamtproblem der Philharmonie zur Publikumsfindung mit berücksichtigt, dass es hier im Ruhrgebiet überhaupt kein Verständnis für Zentralisierung gibt, sondern ein Nebeneinander vieler Aktivitäten, sodass es uns immer noch sehr schwer fällt, grundsätzlich Leute aus Duisburg oder Bochum, Oberhausen, Bottrop herzukriegen.“ (Kaufmann)
Die Ära Kaufmann ist, wie hinlänglich bekannt, seit dem Herbst 2008 Vergangenheit; eine fristlose Kündigung durch die Philharmonie-Trägergesellschaft wurde in eine Beratertätigkeit umgewandelt. Kaufmanns Nachfolger, Johannes Bultmann, lässt in einem Zeitungsinterview zunächst wenig „Gesprächsbedarf“ erkennen. Der Mann ist gerade erst im Amt, in puncto Jazz freilich gibt er zu erkennen, dass er sich vom Programm seines Vorgängers nicht abzusetzen gedenkt – er macht sich ausdrücklich dessen Slogan („Essen bleibt Jazz-Hochburg“) zu eigen. „ Mit diesem Slogan hat die Philharmonie Essen in den vergangenen Spielzeiten für ihr wirklich umfangreiches und hochkarätiges Jazz-Angebot geworben. Gründungsintendant Michael Kaufmann hat diese Musikrichtung als wichtigen Bestandteil des Philharmonie-Programms positioniert und damit Maßstäbe gesetzt. Diese Linie werden wir gerne fortführen, so dass es auch in Zukunft noch heißt: ´Essen bleibt Jazz-Hochburg!´“, so Bultmann in einer e-mail an den Jazzatlas.
Jazz Offensive Essen: Mit großem Engagement auf der Suche nach dem Jazzclub
Gäbe es in Essen einen Jazzclub, die Aktivitäten der JOE ließen sich dort bündeln, statt - wie heute - über verschiedene Stadtteile sich zu verteilen. JOE ist die Jazz Offensive Essen, gegründet 1999, ein eingetragener Verein mit mehr als 100 Mitgliedern, darunter etliche Folkwang-Jazzstudenten bzw. -Alumni. JOE wird von der Stadt Essen mit 25.000 Euro pro Jahr unterstützt. Der Initiative gehören sowohl Musiker als auch Jazzhörer an, sie veranstaltet Konzertreihen an verschiedenen Orten der Stadt, u.a. eine Session in dem Komplex, der vorletzter Ort der gescheiterten Club-Hoffnungen war, in Deutschlands größtem Lichtspielhaus, der Lichtburg.
Der Schlagzeuger Simon Camatta, 1. Vorsitzender der JOE, gestaltet darüber hinaus eine eigene Reihe im „Goethe“-Bunker, nahe dem Folkwang Museum: „Free Essen“; sie konzentriert sich eher auf experimentelle Formen des Jazz, an je drei Terminen zum Ende eines Jahres. Das Hauptforum der Initiative, das jährliche JOE-Festival, jeweils im Januar, hat sich mit seiner Mischung aus lokalen, regionalen und internationalen acts zu einem attraktiven Format entwickelt. 2010 wird ein „Jubiläum“ gefeiert, das 15. JOE-Festival.
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Autor des Jazzatlas Ruhr ist Michael Rüsenberg, der seinen WDR-3-Report über Jazzstädte in NRW in der betreffenden Region wesentlich vertieft und erweitert hat. In über 20 Beiträgen - lokal, regional, überregional - fächert er die Landschaft auf, mit über zwei Dutzend Gesprächspartnern, die in diesem Multi-Media-Projekt ausführlich zu hören sind.
Foto Nachweis: Kurt Rade ( www.kurt-rade.de), Ruhr Tourismus GmbH, Klaus Lindemann, Markus van Offern, Frank Vinken, Stefan Grohmann, Josip Djakovic, Benjamin Lütkemeyer, Isabel Dreesbach, Konstantin Kern, Georg Schreiber, Tourismus & Marketing Oberhausen GmbH, Messe Essen GmbH, Michael Heine, Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Daniel Junker, Marc Hartstein, Zentrum für Internationale Lichtkuns e.V. Unna, Werner J. Hannappel
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