Die Zukunft des Jazz im Revier
- Serie: Jazzatlas Ruhr, Ruhr Music
Ein Balanceakt zwischen RUHR.2010-Highlights und Subkultur ist nötig.

Es müsse, sagt Leggewie, „eine Balance bestehen zwischen den Highlights, die auch jene mit Stolz erfüllen, die gar nicht daran teilnehmen, und der Subkultur der Stadtteile, in denen sich, meist aus Minderheiten heraus, Neues entwickelt.“
Gefragt nach den „hochkulturellen Hervorbringungen des Ruhrgebietes“, antwortet Leggewie: „Sicher, es müsste noch mehr aus der Region selbst kommen.“ Eine sehr schöne Forderung, die geradewegs dazu verleitet zu fragen:
Was kann der Jazz dazu tun? Kann er überhaupt was dazu tun?

Der Jazz müsste demzufolge mit eigenen Formen der Institutionalisierung aufwarten. Und mit Namen.
Bei sehr strikter Auslegung müsste unter jenen „hochkulturellen Hervorbringungen“ wohl zuallererst das Moers Festival rangieren, noch vor dem Domicil. Letzteres repräsentiert einen Konzertort, der zwar auch von starken lokalen Spezifika geprägt ist, aber im Prinzip in ähnlicher Funktion auch in anderen Städten auftaucht.

Zwischen Monokulturen und Importformaten
Ungeachtet des unterschiedlichen Angebotscharakters dieser drei „Institutionen“ (saisonal vs kontinuierlich) bildet das Moers Festival insofern eine Monokultur, als es keine Verbindung zu lokalen Künstlern besitzt - es gibt sie gar nicht. Das Festival ist in diesem Sinne ein reines Importformat. Domicil Dortmund und Philharmonie Essen hingegen, die Anbieter kontinuierlicher Programme, sind mehr (Domicil) oder weniger (Philharmonie) auch mit der lokalen Künstlerschaft verbunden.

letztere wäre - als vierte - unter den Jazz-Institutionen des Reviers aufzuführen. Im erweiterten Sinne, weil es eben ja doch kein reines Weltmusikfestival ist, gehört auch das Traumzeit Festival in Duisburg in diese Kategorie.
Die "big names" aus dem Revier

Auswärtigen Kennern fallen als „die Jazznamen des Ruhrgebietes“ immer wieder Theo Jörgensmann und Georg Gräwe ein, beide sind seit langem nicht mehr im Revier ansässig. Immerhin, die Kenntnis ihrer Herkunft aus Bottrop bzw. Bochum haftet ihnen an, vielleicht auch, weil letzterer in den 80er/90er Jahren mit seinem „Grubenklangorchester“ lokale Themen in der avancierten Tonsprache seiner Gattung zu artikulieren wußte.



Aus diesem Kreis lebt Eckard Koltermann noch im Revier, renommiert auch als Komponist von Theatermusik, nicht nur am Schauspiel Bochum. Auch der Leiter des Jazz-Studienganges an der Folkwang Musikhochschule, Prof. Peter Herborn, gehört hierher, insbesondere dank seiner Big Band-Projekte, zuletzt 2008 mit der WDR Big Band und Uwe Ochsenknecht. Und, einer der wenigen, die von außerhalb ins Revier gezogen sind: Christoph Haberer, auf dem Felde der Jazz-Perkussion ein ganz eigener Stilist.
Das sind - zugegeben, unter Anwendung strenger Kriterien - die „big names“ aus dem Revier, fünf Musiker aus dem Sektor Jazz & Improvisierte Musik mit bundesweitem, ja internationalem Renommee. Insbesondere nach seinem Aufritt beim Moers Festival 2009 gehört auch der Sänger Theo Bleckmann in diese Kategorie. Geboren 1966 in Dortmund, war Bleckmann der erste Sänger im BUJAZZO, im BundesJazzOrchester; seit 1989 lebt er in New York City (wie Stefan Bauer aus Recklinghausen) und hat eine Professur für Jazzgesang an der Manhattan School of Music.
Zwei weitere, jüngere Talente...
können - wie Bleckmann - dem Revier nur noch ihrer Herkunft nach zugeordnet werden.

Nicht zuletzt wird der Pianist Pablo Held, 22, geboren in Herdecke, derzeit Student in Köln, aller Voraussicht nach demnächst in diese Liga aufrücken; ein Club wie das Vortex in London interessiert sich bereits für ihn.
Strukturprobleme und Mangel an internationalem Renommee
Diese Namen sind unter Experten unbestritten. Über drei, vier weitere könnte man streiten, aber es mangelt ihnen an internationalem Renommee. Danach folgt eine schwer quantifizierbare Zahl alter und neuer Talente, darunter viele, denen man fraglos gute kreative Leistungen zubilligen muss - aber sie erreichen nicht, manche noch nicht, nationalen Rang. 20 Jahre Jazzausbildung an der Folkwang Musikhochschule haben wenig daran geändert.

So kommt z.B. der Folkwang-Jazzpianodozent Prof. Thomas Hufschmidt in einem Positionspapier zu dem Schluss, „dass bestimmte Ziele nicht umgesetzt werden konnten.“ Die Absorbtionskräfte der Kölner Szene wirken ungebrochen, Jazzexpertise wurde mehr in die Breite als in die Spitze getragen (Christoph Haberer).
Auch der Leiter des Folkwang-Jazzstudienganges, Prof. Peter Herborn, spricht von Strukturproblemen in Essen.
Wer im Jazz nach vorne drängt, den zieht es nach Köln - inzwischen immer häufiger auch nach Berlin - aber nicht ins Ruhrgebiet. Eine Vielzahl von Gründen lassen sich dafür anführen; immer weniger freilich greift die Jahrzehnte alte Standarderklärung, die in dem fehlenden Radiosender die Wurzel allen Übels weiss. Jazzmusiker aus dem Revier sind heute im Jazzprogramm des WDR genauso präsent wie jene aus der „Hochburg“ Köln.
Das alles sind hochkulturelle Leistungen, gewiss, die genannten Namen und Institutionen können als „Highlights“ auch im Sinne von Leggewie gelten. Aber sind sie auch geeignet, das von ihm beschriebene „Wir-Gefühl“ zu symbolisieren; Stolz also auch unter denen, die weder die Namen kennen noch die hier besprochenen Institutionen aufsuchen?
Dies zu hoffen, geschweige denn zu bejahen, wäre freundlich gesagt: utopisch, im Klartext: naiv. Jazz und Jazz-Institutionen als Teile einer Minderheitenkultur sind dazu gar nicht in der Lage. Die musikalische Gattung Jazz eignet sich aus Gründen, die auch von den prinzipiellen Grenzen der Kunstform Musik gezogen werden, weniger als Literatur, Theater, die Bildende Kunst oder der Film zur Abbildung von Lokalkolorit. Wenn hier und da mal der Hinweis auf einen speziellen „Ruhr-Sound“ des Jazz auftaucht, spricht kaum mehr als Albernheit daraus. Jazz im Revier ist vielgestaltig wie anderswo auch.

"...da ist der Jazz für uns - bei allem Respekt für die Inhaltlichkeit - von uns nicht als genügend begabungsfähig genug empfunden worden."

Dieter Nellen nennt hier im Bereich Musik das Aalto-Theater und die Opern-Aufführungen der Musik Triennale Ruhr. Aber, Jazz?
Jazz - kommt darin nicht vor, „er war nicht auf unserem Schirm“.
„Wir haben auf die großen Festivals geschaut, Salzburg und Bayreuth. Und wir wollten auf diesem Feld die Metropole Ruhr interessant auch für Touristen und Gäste machen und sagen, dass diese Region auch eine kulturelle Region ist. Und da ist der Jazz für uns - bei allem Respekt für die Inhaltlichkeit - von uns nicht als genügend begabungsfähig genug empfunden worden. Und deshalb hat er sozusagen neben der Region stattgefunden, zumindest neben der staatlich gelenkten Kulturpolitik.“
Das sei, räumt Nellen ein, „möglicherweise ein Versäumnis, aber der Erfolg bei den anderen Projekten hat uns eigentlich Recht gegeben.“

Nun hat man über Jazz schon vieles gehört, die Eigenschaft „ nicht genügend begabungsfähig“ dürfte die verblüffendste darunter sein. Was meint Dr. Nellen damit? Er hat dabei keineswegs eine ästhetische Kategorie vor Augen, sondern das sehr pragmatische, kulturpolitische Verständnis seines Hauses. Da gehe es um die Frage, „mit welchen großen kulturellen Handlungsfeldern können wir diese Region stärker urbanisieren und im internationalen Standortwettbewerb konkurrenzfähig machen?“ Messlatte dafür seien z.B. die „Salzburger Festspiele“, um demzufolge auch seitens des Reviers mit kulturellen Inhalten aufzuwarten, „die fähig waren, in die nationalen Feuilletons zu kommen und damit insgesamt den Imagewandel in der Region voranzutreiben.“
Die "selbstreferenzielle" Szene
Aus Sicht des Jazz, aus Sicht der Museen, räumt Nellen ein, könne man das „völlig anders sehen.“ Mit der Ruhr Triennale aber habe sich der Blickwinkel verschoben, nämlich Inhalte - neu-deutsch „content“ - in die Räume der Industriekultur zu bringen. Das treffe zwar auf das Traumzeit Festival zu, aber eben nicht auf das Moers Festival, das „sozusagen nicht in den aufregenden Räumen“ stattfinde.

Das Moers Festival wird es verschmerzen, nicht Teil eines größeren Ganzen zu sein (auch wenn ihm die damit verbundene Subventionsspritze gut täte). Aber angesichts der Klassik-Dominanz im kulturpolitischen Denken, wie sie sich hier artikuliert, bleibt zu fragen:
Was müsste der Ruhrgebiets-Jazz tun, um von Kulturpolitikern wie Dr. Nellen wahrgenommen zu werden?
Nellens Eindruck einer „selbstreferentiellen“ Szene ist nicht ganz von der Hand zu weisen, auch nicht seine Empfehlung, die Repräsentanten des Jazz müssten sich mehr melden.
„Ich könnte mir aber vorstellen, dass in einer möglichen Nachfolgegesellschaft der jetzigen Ruhr.2010 GmbH Organisationsstrukturen geschaffen werden, womit man die Gemeinsamkeit stärker betont, was in anderen Bereichen schon passiert ist.“ So arbeiteten z.B. die Museen heute viel enger zusammen. Was den Jazz betrifft, könne man die Aktivitäten stärker an eine einzelne Adresse anbinden, Nellen denkt an die Philharmonie Essen „Dort könnte z.B. die Zelle sein, die das stärker organisiert, im Sinne von Einkauf, aber auch als Plattform.“


Vermutlich wird weder beim Intendanten der Philharmonie Essen noch bei anderen Veranstaltern, die sein Jazz-Programm zwar loben, dieser Vorschlag Begeisterung auslösen. Ob aber die Idee einer Anbindung an eine „klassische“ Institution völlig abwegig ist, wäre eine eingehende Prüfung wert. Für einen positiven Image-Transfer könnte sie manches bewirken. Und für eine Überwindung der nach wie vor starken Separierung der Szenen; „allein von Dortmund nach Bochum - da ist eine Wand dazwischen“, wie Waldo Riedl vom Domicil sagt.
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Michael Rüsenberg - Foto: Kurt Rade
Autor des Jazzatlas Ruhr ist Michael Rüsenberg, der seinen WDR-3-Report über Jazzstädte in NRW in der betreffenden Region wesentlich vertieft und erweitert hat. In über 20 Beiträgen - lokal, regional, überregional - fächert er die Landschaft auf, mit über zwei Dutzend Gesprächspartnern, die in diesem Multi-Media-Projekt ausführlich zu hören sind. 
Foto Nachweis: Kurt Rade ( www.kurt-rade.de), Ruhr Tourismus GmbH, Klaus Lindemann, Markus van Offern, Frank Vinken, Stefan Grohmann, Josip Djakovic, Benjamin Lütkemeyer, Isabel Dreesbach, Konstantin Kern, Georg Schreiber, Tourismus & Marketing Oberhausen GmbH, Messe Essen GmbH, Michael Heine, Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Daniel Junker, Marc Hartstein, Zentrum für Internationale Lichtkuns e.V. Unna, Werner J. Hannappel
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