
Kulturinfarkt: "Die Polemik war nötig!"
Interview mit den vier Autoren des umstrittenen Buches
Das Buch »Der Kulturinfarkt« löste eine lautstarke Debatte über die Zukunft der Kulturförderung aus. Für die KM Kulturmanagement Network GmbH traf Dirk Heinze die vier Autoren zum Exklusivinterview; LABKULTUR übernimmt die mehrteilige Interviewserie.

Autorenteam: Das können wir ganz genau bestimmen: im November 2009 fand eine Tagung der Kulturpolitischen Gesellschaft unter dem Titel „Kultur trotz(t) Krise“ statt. Oliver Scheytt fragte Pius Knüsel, was er mit dem Blick von außen uns in Deutschland empfehlen könne. Und er sagte nur das eine Wort: „Aufräumen!“. Im Zuschauerraum saßen wir, schauten uns an und sagten: Das wird der Titel des Buches! Und es blieb lange Zeit tatsächlich der Arbeitstitel des Buchs. Bis zum 30. September 2011 war noch die Intention, daraus ein sachliches Buch zu machen, so wie es schon ganz viele gibt. Der Verleger prognostizierte jedoch eine Wirkung nahe Null. Stattdessen schlug er vor, eine schlagkräftige Metapher zu finden - dann würde es ein Erfolg werden. Nach kurzer Bedenkzeit trauten wir uns und fanden mit dem Infarkt auch die passende Metapher für unser Anliegen.
Wie sehen Sie sich und Ihre Thesen in den Medien wiedergegeben? Haben Sie das Gefühl, völlig falsch verstanden worden zu sein?

Wir haben insofern einen strategischen Fehler begangen, als wir gedacht haben, das ist so dumm, das plappert keiner nach, die Leute lesen den Spiegel oder besser gleich das Buch selbst. Das war ein Fehler, denn bis heute wird die Debatte auf diese zwei Aspekte verkürzt.

Natürlich: Die Diskussion findet jetzt über ein Thema statt, nämlich über die Hälfte. Aber da sind doch noch andere Themen drin: rezeptionsästhetische, ordnungspolitische, Aspekte darüber, wie Kulturförderung anders organisiert werden könnte. Im Moment spielen diese Themen in der öffentlichen Diskussion zum Buch nur am Rande eine Rolle. Wir hoffen, dass nach diesem Aufschlag genau darüber die Diskussion geführt wird, weil das doch die interessanten Themen sind.

Es war notwendig, ein polemisches Buch zu schreiben. Das zeigt die Reaktion jetzt. Keiner von uns hat komplett neu argumentiert. Wir haben die Thesen, die wir zusammengetragen haben, auch schon vorher formuliert. Doch war die Wirkung bei weitem nicht so groß, wie sie jetzt eingetreten ist. Erst jetzt wird kulturpolitisch mit der notwendigen Intensität diskutiert. Das ändert nichts daran, dass in der ersten Welle der Rezeption etwa dreiviertel der Statements auf die Halbierung verkürzt wird. Bei diesen fast panischen Reaktionen kommt die zweite Hälfte des Buchs nicht mehr zur Sprache. Erst kürzlich wandten sich 50 Kulturschaffende um Wim Wenders gegen den Kulturinfarkt und redeten vom Kahlschlag. Das Schlimme ist, dass in den Hirnen derer eine ziemliche Kahlheit herrscht und das Visionäre, das wir der Kunst zubilligen - so wie im Politischen und in der Verwaltung auch - keinen Platz mehr hat. Die Leute sind offenkundig nicht mehr in der Lage, auf dem Papier eine Vision zu zeichnen. Insofern ist diese Art der Rezeption, diese Verbohrtheit, enttäuschend.

In der Schweiz sieht dies schon anders aus. Lettre widmet sich gerade ausführlich auf 6 Seiten dem Kulturinfarkt – da werden mehrere Themen und Aspekte unseres Buchs ausgebreitet.
Teil 2 der Interviewserie finden Sie hier.
Rezension des Buchs:
www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2186/index.html
Kommentar von Prof. Birgit Mandel:
www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2190/index.html
Fotos © Andreas Pavelic
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