Breger und die Beatplantation (c) Beatplantation

"Die Random-Playlist ist des Todes"

Breger (Beatplantation) im Gespräch - Teil 1: Musik & Beruf

Breger ist einer der Köpfe der Beatplantation, der erfolgreichsten alternativen Partyreihe des Ruhrgebiets. Er ist zudem international gefragter DJ und Techno-Produzent.

Ich kenne (Georg) Breger seit der Schulzeit und das Interview, das ich mit ihm führen wollte, wurde zu einem ausführlichen Gespräch. Wir redeten über Arbeit, das Internet und insbesondere seine Wurzeln in Punk-Rock und Antifa. Er beschreibt seine Tätigkeit als fortwährendes Projekt des Aufbaus einer alternativen Welt und reflektiert die dabei entstehenden theoretischen wie praktischen Schwierigkeiten. Im ersten Teil des Gesprächs geht es um Berufsdefinitionen und die Bedeutung der Musik.

 

Breger, was ist dein Beruf?

Georg Breger: Ich habe immer noch keine Berufsbezeichnung gefunden, die meine Tätigkeiten in einem Wort für mich zufrieden stellend umgreifen würde. Der Familie stellt man sich immer als Kulturschaffender vor – das passt eigentlich ganz gut. Letztendlich hat alles, was ich mache, mit sozialen und kulturellen Belangen zu tun. Es hängt aber immer von der Situation ab. Mal ist man der Techno DJ, mal ist man der Techno-Produzent, mal ist man der Veranstalter, mal ist man der Kulturveranstalter, mal holt man die Workshop-Erfahrung aus der Schublade. Es ist halt nicht so einfach, weil das Tätigkeitsfeld sehr ausdifferenziert ist.

Bei der Beatplantation kommt dann fast alles zusammen. Das ist der angenehme Nebeneffekt der Beatplantation, dass dort alles gebündelt ist. Man ist körperlich tätig, handwerklich, muss sich viele strukturelle Gedanken machen, Abrechnungen machen, muss mit Menschen arbeiten und mit Gegenständen und eine, nach Karl Marx, sehr unentfremdete Arbeit machen. Das ist sehr angenehm. Ich sehe sofort: Was mache ich hier? Wofür mache ich das? Wer kommt? Wer bezahlt für das Produkt? Ich sehe, wie das Produkt bezahlt wird an der Kasse. Ich kann mit den Leuten darüber reden, warum man überhaupt etwas bezahlen muss. Da merkt man schon, dass andere Leute in anderen Berufszweigen ganz andere Probleme haben. Wenn du in einer Agentur für Kunden, die du noch nie gesehen hast, irgendwelche Texte schreibst, die du danach nie wieder sehen wirst – das ist was anderes. Es ist sehr angenehm, dass in der Kulturarbeit andere Wege gefunden werden können.

Manchmal erinnert mich das kulturelle Arbeiten an das Gesundheitswesen. Da gibt es lustige Parallelen. Patienten und Partygäste – die Menschen wissen, was sie wollen, worum es geht. Das leuchtet jedem Blöden ein, warum man da hin geht – in den Club oder ins Krankenhaus. Das ist nicht so postmodern-abstraktes Blablabla, sondern es geht um einfache Bedürfnisse, die gestillt werden und wovon alle profitieren. So wie der Arzt glücklich ist, wenn der Patient glücklich ist. Das macht für mich viel aus in Arbeitsprozessen. Deswegen arbeite ich mit Musik, mit Glück.

 

Dein Hauptarbeitsfeld ist also Techno-Produzent und Veranstalter?

Eher Veranstalter natürlich. Das ist näher am Geldverdienen angesiedelt – gerade in der digitalisierten Welt. In Bezug auf Musikproduktion verändert sich gerade alles sehr massiv. Ich kenne kaum Leute, die überhaupt Geld verdienen mit ihren selbstgemachten Liedern. Man verdient nur durch die Auftritte. Das Musikproduzieren ist jedoch sehr wichtig für mich. Es ist ein schöner Ausgleich.

 

Seit wann produzierst du Musik?

Schon bei der ersten Beatplantation im AZ-Mülheim 2002 hab ich eigene Beats gespielt. Musik produzieren ist für mich eine begleitende Tagebuchmaßnahme. Das ist schön, die alten Lieder noch zu haben.

Eure Stereoanlage (c) Beatplantation
Eure Stereoanlage (c) Beatplantation
Ich muss mich allerdings manchmal dazu drängen, sie zu hören. Ich hab gerade extra dafür eine Playlist erstellt, in der mehr als 100 alte Lieder von mir drin sind. Das ist auch gut, damit man nicht vergisst, wo man herkommt.

 

Erzählen dir die Lieder dann auch die Geschichten der Veranstaltungen und deines Lebens?

Zum Teil schon. Da sind natürlich viele Lieder, die nie meine Festplatte verlassen haben. Das ist schon ein bisschen komisch. Aber bei anderen, die man aufgelegt hat oder von denen andere Leute Remixe gemacht haben, oder die man auf CD gebrannt und verschenkt hat – die behalten Bedeutung. Das ist schön. Das ist anders als bei Bildern, weil Musik viel besser reproduzierbar ist. Wenn ich einhundert Kopien mache von einem Lied, dann ist jede Kopie gleich und hat den selben Wert wie das Original. Das macht sie zeitlos. Ich vergleiche immer gern zwischen Malerei und Musik.

 

Damit haben wir ja angefangen: mit Malerei und Musik. Als wir 2003 unseren ersten Leerstand, das ,Thomas Klaus' in Essen-Frohnhausen, bespielten – da liefen deine Mixtapes.

Ja, eigene Mixtapes müssen sein. Das geht nicht, dass man das Radio anmacht und die Random-Playlist hört – die ist des Todes. Teufelswerkzeug EinsLive. Das ist gar nicht schön. Ich habe noch nie verstanden, wie sich Leute stumpf auf Radios einlassen können. Es gibt ja auch gute Radioshows. Aber einfach die Auswahl der Musik anderen Leuten zu überlassen, die man weder kennt noch sieht, die das für eine breite Masse einfach abfeuern, das verstehe ich nicht. Es gibt einfach so viel gute Musik und wie man sich dann bewusst an der Oberfläche abspeisen lassen kann, ist mir wirklich ein Rätsel.

 

Als DJ empfindest du das ganz anders. Da lieferst du nicht für die Masse, sondern für die Menschen vor Ort.

Ich als DJ mache das sehr gerne. Ich suche auch Lieder, die sonst keiner hat. Ich mag es, unbekannte Lieder zu pushen und dann die Entwicklung dieser Lieder mitzubekommen. Wenn man dann merkt, dass andere DJs ein bestimmtes Lied auch spielen, merkt man, dass man einen kleinen Trend gesetzt hat. Das ist witzig. Man bekommt zudem auch Feedback von den Leuten, die die Musik machen, die sich freuen, dass ihre Musik gespielt wird. Das ist eine wichtige, soziale Komponente beim DJing, die Spaß macht. Mit dem Internet geht das alles Ratz-Fatz. Und das Internet sorgt auch dafür, dass man als Musiker mitbekommt, dass man gespielt wird. Das war früher ganz anders. Das ist ja das Schöne z.B. an den Tags bei Youtube. Erstaunliche Technik!

 

Allein, dass die Klicks überall gezählt werden. Man kriegt ja auch so viele Statistiken zur Verfügung gestellt: Wer, wann, wo, auf Grund von welchem Link deine Sachen angeklickt hat.

Gerade zu sehen, aus wie vielen Ländern die Klicks kommen, begeistert mich. Wenn ich in Indien war und dort ein paar Gigs hatte, dann sieht man nachher, dass bei den Nutzern mehr Hindi-sprachige Leute dabei sind.

 

Fri, 02.03.2012 0

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