
Die Regie über die Rolle der Frau
Nele Hecht über das Londoner Film-Business und einen modernen Feminismus
Seit 14 Jahren lebt, studiert und filmt Nele Hecht in London. An einem Montagvormittag im Februar treffe ich die Regisseurin im Rooftop-Café der National Portrait Gallery. Vorher müssen wir uns den Kaffee allerdings regelrecht erkämpfen: Das Durchbrechen der Menschenschlangen vor der Lucian-Freud-Ausstellung erfordert großes Durchsetzungsvermögen. Von diesem Trailer nun zum richtigen Film..
Es geht um das Finden einer gewissen Essenz und Energie. In den kurzen Phasen des kontrollierten Filmens ist es mir wichtig, zwischen action zu cut etwas zum Leben zu erwecken. Ich fange das spontane Zusammenspiel zwischen Konzept, Kamera und Schauspieler ein.
Kürzlich hast Du den Trailer für Land of Decoration gedreht. Welches Genre reizt Dich als Regisseurin besonders?
Mein großes Interesse liegt auf Dramen, unabhängig ob der Film am Ende lang oder kurz ist. Geronimo war beispielsweise eine Arbeit mit dramatischer Handlung und wurde letztes Jahr auf Channel 4 gezeigt. Mit der Plattform Coming up wird dort jungen Regisseuren und Autoren die Möglichkeit gegeben, ihre Arbeiten zu präsentieren.
Wie beeinflusst die finanziell eher klamme Lage Deine Arbeit?
Das Funding, also die Möglichkeit, finanzielle Mittel zu beschaffen, ist normalerweise extrem schwierig. Das BFI hat zum Glück gerade ein hohes Budget für Kurzfilme bereitgestellt, um junge Regisseure auf dem Weg zum ersten Spielfilm zu unterstützen. Natürlich werde icch mich darauf bewerben.
War denn früher alles besser?

Du bleibst trotzdem in London?
Ja, keine Frage. Ich bleibe hier, weil sich unendlich viele Möglichkeiten bieten. Und weil die Eindrücke extrem sind. Nach 14 Jahren sehe ich immer noch Straßenbilder, die mir komplett unbekannt sind. Das ist spannend und sehr inspirierend.
Wo ist Dir das zuletzt passiert?
Ich wohne im Osten, wo mich das Industrielle fasziniert. Aber besonders, wenn ich in den Süden komme, also nach Brixton, Peckham oder New Cross, sind da diese neuen Eindrücke. Im südlichen London passiert viel im Moment, es gibt noch günstige Wohn- und Nutzflächen. Außer Hackney Wick ist der Osten inzwischen ja recht etabliert und gentrifiziert. Die Zeiten, als ich nach Hackney bzw. Clapton zog und es noch murder mile hieß, sind vorbei.
Du hast in London neben dem Leben auch Film studiert?
Das Film-Studium am London College of Printing – heute London College of Communication – hat mich durch große künstlerische Freiheit bestens auf die Filmindustrie vorbereitet: So chaotisch das Studium teilweise war, so gut habe ich mich anschließend in der Branche zurechtgefunden. Beim MA an der National Film and Television School, den ich später noch absolviert habe, war hingegen Disziplin gefragt. Der Stoff war extrem konzentriert und das Arbeitspensum immens.
Was ist eins Deiner nächsten Projekte?

Ist das eine Auftragsarbeit?
Der Film entsteht in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Frauenring und hat keinen aggressiven Feminismus als Grundlage, sondern ein Problembewusstsein. Es geht um Träume und Lebensentwürfe von jungen Frauen und Männern.
Wo liegt Deiner Ansicht nach das Problem?
Deutschland ist progressiv denkend, hat aber teilweise ein noch sehr traditionelles Rollenverhalten. Ungleiche Chancen sind leider noch vorhanden, aber nicht mehr so offensichtlich. Junge Mädchen und Frauen sind sich dessen nicht bewusst, bis es teilweise schon zu spät ist und getroffene Entscheidungen nicht mehr umkehrbar sind. Ebenso verändert sich die Position des Mannes, doch dieser Verschiebung wird wenig Beachtung geschenkt.
Die Idee ist der Vergleich zu Frauen in Südkorea, wo ein ganz anderes Verständnis von Feminismus und traditionellem Rollenverhalten als in Deutschland herrscht. Die Frauenverbände in Südkorea haben weitaus größeren Zulauf als die deutschen, dort geht es sowohl um die nicht auf bestimmte Sparten begrenzte Rolle der Frau als auch um diverse weitere Themen wie Umweltpolitik. Feminismus ist nicht so uncool, wie es hierzulande manchmal scheint.
Wie willst Du diese Botschaft transportieren?
Die filmische Umsetzung wird nicht nach corporate video aussehen. Der Film wird visuell interessant und offen sein für die Stimmen der jungen Männer und Frauen – die ich erst noch finden muss. Aber der Dreh ist erst im Herbst.
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