Impact-Symposium (c) Daniel Gasenzer

Frisches Geld für die nicht so ganz freie Szene

Land NRW knüpft Zuschüsse an Bedingungen. PACT Zollverein atmet auf.

Während bei klammen Kommunen im Ruhrgebiet die nächste Kürzungsrunde im Kulturbereich vor der Tür steht, oder sich wie in Dortmund die konkrete Bereitstellung versprochener Gelder in der Schwebe befindet, hat das Land NRW Ende Oktober positiv aufhorchen lassen. Der Etat zur Unterstützung der freien Theaterszene werde im Hinblick auf das neue Jahr um 1,6 Millionen auf insgesamt 6,4 Millionen Euro aufgestockt.

 

„Ihren kritischen Blick auf die Welt zu fördern, ist genauso unsere Aufgabe wie die Unterstützung der großen Häuser“, betont Ministerin Ute Schäfer und ihre Referatsleiterin für Theater und Tanz, Bettina Milz, ergänzt: „Es gibt eine strukturelle Unterfinanzierung.“ Von dem Geldsegen profitieren u.a. mehrere – Zitat des Ministeriums: „herausragende“ – Einrichtungen aus dem Ruhrgebiet. Neben dem Ringlokschuppen in Mülheim, die Theater Helios in Hamm und Consol in Gelsenkirchen auch das Tanztheater PACT Zollverein, in dessen Verwaltung die genannte Summe von 100.000 € Mehrförderung allerdings zunächst für etwas Verwirrung sorgte. Denn genau genommen hat das Land seine Förderung für die Essener um satte 400.000 € erhöht.

 

Bettina Milz kann aufklären: „300.000 € kommen aus einer Umschichtung im Kulturetat. 100.000 € aus dem neuen Förderkonzept.“  Zu den bisherigen 350.000 € für Betriebsausgaben und 100.000 € für das Residenz-Programm gesellt sich oben genannter Betrag, ausgewiesen für Projektmittel, hinzu. Damit honoriert das Land nachträglich die Leistungen während des Kulturhauptstadtjahres: Milz resümiert: „PACT hat eine entscheidende Funktion bei RUHR.2010 übernommen.“

 

Anhand eines Kriterienkatalogs beurteilt das Land NRW kontinuierlich die Qualität der Kulturhäuser, woran sich dann die Verteilung der Fördergelder orientiert. Wichtig ist es, dass, soweit möglich, mehrere regionale Ensembles eine produzierende Rolle einnehmen und eine Einrichtung nicht als reiner Abspielort fungiert. Das Consol Theater darf sich über 40.000 € Zusatzmittel freuen, weil es in der Vergangenheit als ein Standort des Jugendtheaterprojekts pottfiction überregionales Aufsehen erregt hat.

 

Freude und Relativierung im Hause PACT: „Der Zuschuss ist für uns eine Sensation“, frohlockt Nassrah-Alexia Denif von der Pressestelle, ergänzt aber sogleich: „Wir haben jetzt nicht mehr Geld“. Grund ist das 2010 ausgelaufene Bundesprojekt „Tanzplan“, dessen Mittel im laufenden Jahr nicht mehr zur Verfügung standen. Um das vorherige Level wieder zu erreichen, springt nun das Land in die Bresche. PACT-Geschäftsführer Christian Koch drückt es salomonisch aus: „Das Land verkauft es gerne als Erhöhung. Das ist sein gutes Recht, weil es zu nichts verpflichtet ist.“ Mit den Zusatzmitteln ist nun u.a. das Wiederaufleben des Symposiums „Explorationen – Beyond Curating“ angedacht. Im Umgang mit Fördermitteln ist die freie Szene dann gar nicht mehr so frei, wie Koch anmerkt, denn in der Regel ist ein Zuschuss immer für bestimmte Bereiche vorgesehen. Heißt im Fall PACT, dass mit dem frischen Geld weder anfallende Stromkosten beglichen, noch neue Stellen geschaffen werden dürfen.

Tue, 29.11.2011 2

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Comments

Ich sag mal wieder...

Aha, Oho. "Ihren kritischen Blick auf die Welt zu fördern, ist genauso unsere Aufgabe wie die Unterstützung der großen Häuser." Ich bin einfach so verliebt in diese Welt der kritischen Blicke. An den Laternen und Schaufenstern streifen sie vorbei und betäuben sich im goldenen Gulli der Selbsterklärung. Ich habe eine Kritik-Definition für unsere Welt im Gepäck: "Kritik heißt dem Anderen helfen seine strategischen Ziele besser umsetzen zu können." Was ich unter Kritik verstehe, nennen die meisten schlicht Störung.

Mehr Geld für Freie

So sieht das Land offiziell die Erhöhung. Genaueres kann man der Pressemeldung entnehmen. Das ist grundsätzlich naturgemäß eine tolle Sache, aber wenn man genauer hinschaut, ist es reine "Spitzenförderung". Da, wo etwas ist, kommt etwas hinzu. Dieses Vorgehen gibt es seit Jahrtausenden. Offenbar konnte sich nur Jesus leisten, Mittel an die Bedürftigen gerecht zu verteilen. Aber die Politiker sind ja keine Wohltäter, sondern Vollstrecker der Vorgaben von Lobbies. Man will offenbar die sogenannten Freien in die Institutionen drängen. Da kann man den Überblick behalten. Nur - die Institutionen haben deswegen nicht mehr Raum und Zeit. Es gibt immer nur ein paar Nutznießer aus der freien Wildbahn. Die Wildbahn selbst wird keineswegs besser unterstützt. Wer ohne Haus ist, der möge betteln gehen. Der Mensch (Künstler) ist nur etwas wert, wenn er sich mit einer Immobilie vermählt. Die Off-Szene wird nicht vielseitiger, einfallsreicher, innovativer. Im Gegenteil. Es bleibt eine Liga ohne Auf- und Abstiegskämpfe.

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05.01.2010

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