Dauer-Zwischennutzung beendet - Die C/O Berlin ein Opfer des Berliner Wandels?

Wer Berlin sagt und Kultur meint, muss auch Spekulation und Gentrifizierung sagen. In Berlin gibt es im alten West- und Ost-Teil der Stadt Kultur-Orte, die gegen Spekulation und Gentrifizierung zu bestehen versuchen. Am Beispiel des Kunstquartier“ im Bethanien, das durch Besetzung in den bewegten 70er Jahren West-Berlins eine Kunstinstitution wurde, stellten wir hier die sich wiederholenden Kämpfe zwischen Kreativen auf der einen Spekulanten und der Politik auf der anderen Seite vor.

Im ehemaligen Ost-Teil der Stadt hat sich ein weiterer Ausstellungsort in den letzten zehn Jahren eine Reputation erarbeitet – nur dass dessen Geschichte nicht so gut auszugehen scheint wie beim Bethanien: Die C/O Berlin Fotogalerie im Alten Postfuhramt.

Kunsthaus Tacheles in Berlin Foto: Caravante
Früher Kaufhaus, heute Künstlerquartier: Das Kunsthaus Tacheles in Berlin Foto: Caravante

Ruinen-Romantik ist schal geworden


Nicht weit vom C/O Berlin findet man zwischen einem Hotel und gegenüber einer ausschließlich von Touristen frequentierten Restaurantmeile das „Kunsthaus Tacheles“. An ihm ist die Veränderung von Berlin Mitte gut ablesbar: Von dem nach der Wende durch Künstler besetzten Kaufhaus und dem Charme frei bespielbarer Ruinen-Romantik, die Berlin so attraktiv machte, ist 20 Jahre später bloß noch Kunst-Klamauk in geordnet-verlotterter Atmosphäre übrig.
Die künstlerische Bedeutung des Tacheles beschränkt sich auf den Verkauf von Stahl- und Hippiekitsch an Touristen. Allein das Programmkino und gelegentliche Konzerte verankerten das Tacheles noch als Kultur-Spot in der Stadt. Ansonsten hat es sich trotz Urin-Geruch, Graffiti und Abriss-Charme der unmittelbaren Umgebung angepasst und ist belanglos geworden.
Die Zukunft des Tacheles ist nach dem Auszug der Gastronomie in diesem Jahr und einen gültigen Räumungstitel eines Investors mehr als ungewiss. Aber so hart es klingt: dieses Ende wäre kein wirklicher Verlust.


Kontrast schärft die Sinne für Kunst









Ganz anders bei der C/O Berlin nur 300 Meter weiter die Straße hinauf: Sie stemmen sich mit guten Ausstellungen gegen die Gentrifizierung, die „Vershoppung“ und den allmählichen Mieteraustausch hin zu internationalen Geldhabern aller Altersklassen. Und das tun sie an einem weiterhin so gar nicht zum edlen „White Cube“ gestalteten Ort.
Doch auch im Falle des abgerockten, nach DDR müffelnden Postfuhramt hat ein Investor zugeschlagen und wollte die „Dauer-Zwischennutzung“ beenden, um ein Hotel, Wohnungen und – natürlich – Shopping einziehen zu lassen.
Putz im C/O Berlin Foto: Caravante
Putz im C/O Berlin Foto: Caravante
In seltener Einigkeit kämpften die privaten Betreiber der Galerie, Anwohner wie auch die Stadt gegen den Bebauungsplan und stoppten das Verfahren im März. Nun wird neu verhandelt. Bis Ende des Jahres kann die C/O Berlin in jedem Fall noch bleiben. Der Investor bot der Galerie sogar einen Platz nach dem Umbau an. Da müssen die Ausstellungs-Macher allerdings aufpassen, dass sie nicht kulturelles Feigenblatt für eine ansonsten durch und durch kommerzielle Verwertung des Ortes werden.

 

 


Nostalgie inmitten der Veränderung


Vielleicht ja nur eine nostalgische Anwandlung oder das Alter des Autors: Aber wenn alle Orte mit erkennbarer Historie abgeräumt, entkernt, neugestaltet und mit Konsummöglichkeiten ausgestattet sind und es hernach in Berlin Mitte nur noch minimalistische Kubus-Galerien, Boutiquen und mit Milliarden umgebaute Museumsschlachtschiffe gibt, wird man vielleicht feststellen, dass Kunst aus Reibung und Widerspruch und nicht aus Geld entsteht. Zumal der Charme von Berlins Kunstszene aus Kontrasten und Freiräumen erwuchs. Sonst kann man auch nach Paris fahren.
Aber natürlich gibt es längst andere Orte in Berlin, die die Lücke füllen werden. Auch das macht diese Stadt aus.

Zur Zeit läuft in der C/O Berlin eine großartige Ausstellung von Gregory Crewdson. Eventuell eine der letzten, bevor die Galerie zum Umzug gezwungen sein könnte.
 

Fotos: Caravante
Thu, 11.08.2011 0

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25.03.2010

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