"Etwas eigenes dagegenhalten" - Interview mit Ruben Jonas Schnell (ByteFM), Teil II

ByteFM-Initiator Ruben Jonas Schnell
Musikjournalisten und ByteFM-Initiator Ruben Jonas Schnell Foto: ByteFM
In seiner Heimat Hamburg ist das Webradio ByteFM schon seit langem die Adresse in Sachen anspruchsvolle Popmusik. Während des Kulturhauptstadtjahres gab es einen Ableger des Senders im Ruhrgebiet, der aber nach 2010 wieder eingestellt wurde. Sven Stienen traf den Musikjournalisten und ByteFM-Initiator Ruben Jonas Schnell in Hamburg und sprach mit ihm über ByteFM Ruhr, den Blick eines Hanseaten auf das Ruhrgebiet und darüber, was Großstädte lebendig macht. Teil 2 des Interviews

Nach dem Kulturhauptstadtjahr seid Ihr nun wieder zurück in Hamburg und sendet aus dem Medienbunker an der Feldstraße (großes Foto). Wie hat sich die Außenwahrnehmung des Ruhrgebiets geändert? Ist es jetzt mehr "Metropole"?


Ruben Jonas Schnell: Ich glaube, dass die Vergleicherei grundsätzlich ein Griff ins Klo ist. Irgendwo habe ich mal im Zusammenhang mit der „Metropole Ruhr“ ein Bild von Manhattan gesehen, wo es in etwa hieß: „Wir haben mehr Leute als Manhattan.“ Das ist der falsche Ansatz, denn man kann natürlich nicht mit Manhattan konkurrieren wollen. Das muss ja auch gar nicht sein – Manhattan und Berlin gibt es doch schon. Das Ruhrgebiet ist eine Region, die ein eigenes Gesicht hat. Ich nehme das auch nicht als City wahr und insofern finde ich „Ruhrgebiet“ als Begriff viel besser als „Metropole Ruhr“.

Mit der Identitätsfindung tut man sich derzeit schwer im Ruhrgebiet …

Radiostudio
Radiostudio Foto: thomaswanhoff
Dieses Arbeiterding, das da mitschwingt, ist doch toll – das hat so etwas Authentisches. Ich liebe Hamburg und fühle mich hier sehr wohl, aber diese Stadt ist vergleichsweise glatt. So ein abgerockter Teil von Dortmund – das hat einen ganz eigenen Charakter, das finde ich toll. Auf diese Qualitäten müsste man sich im Ruhrgebiet viel eher berufen, als Vergleiche zu suchen oder sich in Konkurrenz zu etablierten Metropolen zu begeben.

Hat das Kulturhauptstadtjahr zu dieser Identitätsfindung etwas beigetragen?

Es war – und ist hoffentlich noch – eine Chance, etwas eigenes zu etablieren. Dafür wäre ByteFM ein idealer Player, der die Ruhrgebiets-Städte und das Land vernetzt. Das können wir aber wie gesagt nicht alleine, da müsste man auf uns zukommen. Es könnte aber auch ein anderer Player sein, der in mehreren Regionen agiert und sie vernetzt.

Du lebst schon lange in einer kulturellen Großstadt. Was ist Deiner Meinung nach notwendig, damit sich eine Stadt zu einem attraktiven Ort für junge, engagierte Leute entwickelt?

Die Stadt Hamburg hat selbst das Problem, dass Berlin einfach übermächtig erscheint. Ich glaube, der wirklich wichtige Weg ist die Unterstützung und das Laissez-faire gegenüber der Subkultur. Je aktiver und agiler die wirkliche Undergroundszene ist, desto attraktiver ist die Stadt für kulturell ambitionierte junge Leute. Wenn es etwa einen guten Technoclub gibt, wie damals die Rote Liebe in Essen, dann ist das überregional interessant. Das zieht ein bestimmtes Klientel, wie es auch etwa beim Berghain in Berlin der Fall ist. Aber das muss glaubwürdig sein.

Wie kann man so eine Entwicklung fördern?

Mikrofon
Mikrofon Foto: Mikrofon
Man muss solchen Akteuren Räume schaffen, in denen sie auch gewagte Ideen ausprobieren können. Die Politik muss sich, auch wenn sie selbst konservativ sein mag, zurückhalten und die Leute machen lassen. Das muss natürlich alles im gesetzlichen Rahmen bleiben, aber man muss diesen Leuten Möglichkeiten schaffen. Der Berliner Partytourismus kommt auch daher, dass es nach der Wende diese vielen halblegalen Clubs gegeben hat. So etwas spricht sich herum und dann kommen auf einmal die ersten Neugierigen aus New York dahin und die Attraktivität der Stadt wächst. Im Moment gibt es ja auch hier in Hamburg das Gerangel um das Gängeviertel, das Künstler mehr oder weniger besetzt halten. Das ist natürlich für die Stadtpolitik kein Anlass zu Freude, aber es zeigt nach außen, dass in der Stadt etwas geht. Dann kommen junge Leute, und junge Leute sind es, die eine Stadt verändern.

Wie ist Deine Prognose für's Ruhrgebiet?

Da gibt es Hoffnung. Das ist auch eine Generationsfrage: Mittlerweile werden viele Behörden von Leuten zwischen 30 und 40 geleitet, die – hoffentlich – auch schon mal mit Punk in Berührung gekommen sind. Die haben eher ein Gespür für solche Entwicklungen.

Die Kohleregion wird aber nicht als identitätsstiftendes Merkmal wahrgenommen, sondern man versucht krampfhaft, etwas anderes, neues zu sein …

Dabei findet man von außen gerade das total sexy. Das ist etwas eigenes, das ist geil. Diese Arbeitermentalität gibt es eigentlich nicht mehr, aber die Kultur ist toll, das müsste man vor sich hertragen und mit der Kultur von heute verbinden. Wer nach Berlin will, geht sowieso dorthin – wenn man als Region bestehen will, muss man etwas eigenes dagegenhalten.


Foto Aufmacher + 1: ByteFM


 


 

 

Wed, 13.07.2011 0

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19.01.2010

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