"Ich habe keinen Bock mehr auf diese Stadt!" - Junge Künstler fühlen sich in Essen unerwünscht

Bis auf den letzten Platz ist die Lernbar in der Essener VHS gefüllt. Dass die schicken und bequemen roten Sessel am Rand ausgerechnet in der Mehrheit von Freiraum2010-Künstlern besetzt sind, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, trägt doch die abendlichen Podiumsdiskussion den Titel „Protest und besetzte Häuser: Kaum Platz für Kreative in Essen?“.

Rückblick: Im Juli letzten Jahres besetzte die Initiative Freiraum2010 das leer stehende DGB-Haus an der Essener Schützenbahn, um auf das Fehlen von Arbeits- und Ausstellungsräumen in der Stadt aufmerksam zu machen. Nach wenigen Tagen war der Spuk vorüber, nachdem der Eigentümer mit einer Strafanzeige gedroht hatte. Die Aktivisten hatten zwar keine Räume, aber immerhin wussten fortan einige Entscheidungsträger, dass es da Rede- und Handlungsbedarf seitens einer Klientel gibt, die zuvor gänzlich unbeachtet geblieben war.

Gegenwart: Zehneinhalb Monate und eine Zwischennutzung in der ehemaligen Lukaskirche später stehen die ca. 100 Freiraum-Mitstreiter wieder ohne Raum da. Seit der Besetzung des DGB-Hauses arbeite man im Rathaus daran, ein Quartier für die jungen Künstler zu finden, versichert Kulturdezernent Andreas Bomheuer (rechts im Bild) auf dem Podium. Dass Duz-Kollegin Simone Raskob (links im Bild), ihres Zeichens Essener Baudezernentin, eine nützliche Rolle bei der Suche spielen könnte, ist Bomheuer allerdings erst vor kurzem bewusst geworden.


Frustrierte Künstler


Während das politische Establishment über fehlende Gelder und Gebäudeverantwortlichkeiten fabuliert, droht ein sichtlich gelangweilter Joscha Hendricksen, Sprecher der Freiraum2010-Gruppe, fast auf seinem Stuhl wegzunicken. Ein Glück, dass der Podiumstisch seinen Ellenbogen abstützt. Hendricksen ist seine Frustration anzusehen.

Er spricht an diesem Abend nicht darüber, dass er schon etliche und mittlerweile unzählbare Anträge eingereicht hat, die nur zu oft unbeantwortet geblieben sind. Stattdessen erzählt er von seinen jungen Mitstreitern, von denen die Hälfte bald wegziehen werde, wenn sich in dieser Stadt, in dieser Region nichts ändern wird.

Was viele junge Kreative mittlerweile im Ruhrgebiet denken, bringt der Publikumsbeitrag von Aaron Stratmann auf den Punkt: „Ich habe keinen Bock mehr auf diese Stadt!“ Der Mitveranstalter der erfolgreichen Beatplantation-Partyreihe legt den Finger sogleich noch in eine ganz spezielle Wunde.


Streitfall Weststadthalle


So sei die kürzlich erfolgte Schließung des Jugendzentrums an der Papestraße ein weiterer herber Nackenschlag für die alternative Szene. Am neuen Standort Weststadthalle will er jedenfalls keine Veranstaltungen organisieren. „Das hat keinen Charme.“ Am Ende seiner Rede setzt Stratmann noch einen drauf: „Die Stadt hat Angst!“

Bomheuer, Raskop und Norbert Kleine-Möllhoff, Vorsitzender im Kulturausschuss des Stadtrates, müssen sich in zwei Stunden eine Menge Kritik gefallen lassen, die jedoch mit Gelassenheit und einer Portion Gleichmut an ihnen abperlt. Warum auch nicht. Andreas Bomheuer ist eine streitbare Persönlichkeit, geht einer Diskussion nicht aus dem Wege, weiß aber stets, dass er entweder am längeren Hebel sitzt oder ihn nicht in der Hand hält.

Auch Joscha Hendricksen hat dies bereits mehrfach erfahren müssen. Dass der engagierte Schauspieler, Musiker, Autor und Pressesprecher während des abendlichen Geplänkels lange Zeit die Ruhe selbst ist, muss auf die, die ihn etwas besser kennen, fast schon beängstigend wirken. So kommt es einer Erleichterung gleich, als es nach einer Stunde dann doch aus ihm herausplatzt:

 

Ehrenamtliche Arbeit


„Ich vertrete ehrenamtlich nicht nur den Verein [Port e.V.], sondern auch ungefähr 100 Leute, die diese Freiraum-Arbeit machen, für lau! Ich sitze hier und mache das in einer Zeit, in der ich selbstständig versuchen muss als Künstler zu arbeiten! Das ist anstrengend, aber da ich es mir selber ausgesucht habe, jammere ich nicht.“


Jammern will er nicht, kritisiert aber, dass weder Kleine-Möllhoff, noch Baudezernentin Raskob, geschweige denn Oberbürgermeister Reinhard Paß und auch kein Oliver Scheytt oder ein Fritz Pleitgen sich die Freiraum-Installationen in Holsterhausen, die die Freiraum-Initiative auf 800 qm Fläche ohne Etat auf die Beine gestellt hat und allein zu deren Finissage 800 Leute gekommen sind, angeschaut hätten. Dieter Gorny habe sich immerhin im Vorfeld einmal für ein Foto zur Verfügung gestellt...



e.c.c.e. als Gesprächspartner


Dessen Europäisches Zentrum für Kreativwirtschaft sieht Kulturdezernent Bomheuer wiederum als Gesprächspartner, wenn es um Zwischennutzungsmodelle geht. Mit den beteiligten Künstlern will er hingegen erst am Ende sprechen. Zum einen, um schlechte Presse zu vermeiden, weil es wieder heißen könnte, die Stadt hätte etwas versprochen, was sie nicht einhalte, zum anderen aus zwischenmenschlichen Gründen: „Wir brauchen gegenseitiges Vertrauen. Ich habe nämlich gemerkt, dass das so nicht da ist.“

Wie wenig Hoffnung Bomheuer in den längerfristigen Erfolg von Projekten wie dem Wandel der nördlichen Innenstadt in ein Kreativ.Quartier hat, verdeutlicht seine Abschlusseinschätzung: „Ich glaube in 30 Jahren sitzen wir wieder in der Volkshochschule und dann sitzen die, die unten saßen, oben und hören sich dasselbe an.“


Fotos: Michael Blatt
Wed, 08.06.2011 2

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Comments

ein sehr schöner artikel! und

ein sehr schöner artikel! und leider sehr wahr - die geduld der leute ist eben nicht unendlich und irgendwann hat man keine lust mehr, ständig pionierarbeit zu leisten.
dass von den verantwortlichen nicht erkannt wird, wie wichtig es ist, auch eine lebendige alternative kulturszene in der stadt zu haben, ist bedauerlich.

Ich kenne Herrn Bomheuer

Ich kenne Herrn Bomheuer nicht, aber der letzte Satz von ihm zeigt mir, dass er offensichtlich der falsche Man für den Job ist. Ein bisschen mehr Motivation und Gestaltungswille kann man glaube ich schon verlangen! Auch, die Kritik einfach so abprallen zu lassen, zeigt ja nur, dass er die Künstler und ihre Anliegen nicht ernst nimmt. Schade für Essen.

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05.01.2010

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