The Revolution will be Televised - iPhone Fotografie wird Kunst Teil 2.2

Was der Fotograf immer noch können und kennen muss, wurde in Teil 2.1 erläutert. Nun soll es um die kleine Helfer gehen: Was tun diese iPhone-Foto-Apps eigentlich?

Sie bearbeiten das Motiv direkt nach der Aufnahme. Bei dem momentan populärsten App Hipstamatic kann man verschiedene Linsen und Filme wählen, die den Look der Aufnahme verändern. Wenn auch nur graduell. Die Eigenwerbung lautet: „Digital Photography never looked so analog“. Es gibt für Hipstamatic unterschiedliche „Linsen“ und „Filme“ (also Programme), die in unterschiedlichen Stufen die Komponenten des Bilds verändern: Kontrast und Farben eines cleanen Digi-Bildes werden verstärkt oder zu den Bildrändern hin aufgeweicht, um den Look einfacher Analogkameras wie der russischen Lomo oder von einem Polaroid zu simulieren. Die farbliche Veränderung durch die chemischen Prozesse auf Fotopapier kann man durch die Wahl des „Films“ noch weiter verändern.

Aus digital-minimal wird analog-maximal


Allein indem die Helligkeit Richtung der Ränder abnimmt oder wie abgegriffenes Fotopapier wirkt, die Farben kräftiger oder grell wie Bollywood werden, kann ein konventionelles Motiv den gewissen Touch bekommen. Richtig gut wird es aber trotzdem erst, wenn App-Fähigkeiten und Fotografen-Können zusammenarbeiten. Trotz App und Nachbearbeitung bleiben die Regeln der Fotografie intakt. Erkennbar für alle, die sich von den optischen Retro-Spielereien allein nicht beeindrucken lassen.

Mental Plane


Das „mentale Level“ eines Fotos (egal ob digital oder analog) ist bestimmt durch formale Entscheidungen des Fotografen: Die Wahl der Kameraperspektive: Von wo genau nimmt man das Bild auf? Den Rahmen: Was genau wird mit hinein genommen? Den Zeitpunkt: Wann aufs virtuelle Knöpfchen drücken? Und den Fokus: Was genau wird mit welcher Schärfeebene betont? Bei vier Faktoren und manchmal nur wenigen Sekunden Zeit kann man sehr viel falsch machen. Und das ist auch häufig zu sehen. Ob nun iPhone, alte Digiknipse oder Kleinbild-Schnappschusskamera.

Hinter dem Horizont geht's weiter


Nachbearbeitungsporgramme bieten die Möglichkeit, an einigen der genannten Komponenten etwas zu verändern. Das können die meisten herkömmlichen Fotobearbeitungsprogramme für den Schreibtisch zwar auch – für das iPhone gibt es aber noch weitere und vor allem einfach zu bedienende: Zum Beispiel die Apps Filterstorm oder Best Camera. Mit ihnen kann man Collagen aus zwei Fotografien anfertigen, aber auch alle gängige Desk-Top Bildbearbeitung veranstalten. Best Camera enthält 14 verschiedene Filter für das Foto und ermöglicht das sofortige Hochladen auf soziale Netzwerke etc.

In der Werbung wurde vor einer Weile eine Technik beliebt, die zuvor künstlerisch arbeitende Fotografen populär gemacht hatten: Ich nenne es den Modelleisenbahn-Effekt. Auch dazu gibt es eine App. Durch unterschiedliche Schärfen innerhalb eines Bildes über die gängige „Schärfentiefe-Technik“ (vereinfacht gesagt: vorne scharf, Hintergrund unscharf) hinaus. Die hübsche App Shift-Generator macht es möglich, die Bildmitte scharf, die sie umgebenden Raum unscharf darzustellen. Bei Landschaftsaufnahmen wirkt das dann, als blicke man auf eine Modellbahnlandschaft.

Bullit trifft Mittelalter


Wer auf den 60ies Look à la Bullit bzw. mittelatlerliche Altarmalerei steht, kann mit Diptic Bilder im Splitscreen / Dip- Triptychon zusammenbauen und durch diese Kombination Effekte vor allem auf der inhaltlichen Ebene des Fotos erzielen. Ganz wie im Bewegt-Film, bei dem der Cutter durch die Auswahl der Szenen diese dialektisch in Beziehung setzt. Das heißt das vorherige Bild bestimmt die Wahrnehmung des folgenden und umgekehrt. Abgesehen von diesem theoretischen Aspekt sieht das auch nett aus
.

Wo trifft man sich?


Und wo kann man nun schauen, wer was und wie macht? Auf den bekannten Fotocommunities wie flickr oder fotocommunity, the best camera oder deviantart gibt es natürlich auch zahllose iPhone-Fotos zu sehen. Die Communitiys Eye‘em (sehr schön: ein permanenter Fotoflow) iPhoneart und die iPhone Info-Seite LifeInLofi richten sich aber speziell an iPhone-Fotografen mit gewissen ästhetischen Ansprüchen. So wird das Ganze eine Art Gemeinschaftsschule der Anfänger und Fortgeschrittenen; man zeigt, mit welchen Apps und Programmen man arbeitet, kommentiert die Arbeiten der anderen und nimmt an Wettbewerben teil.

Was wir sehen


Wer sich dort eine Weile umschaut, stellt fest: Es gibt so gut wie keine Porträtfotos. Landschaftsaufnahmen und „geappte“ Stillleben dominieren als Motive bei den iPhonographen. Schwarz/Weiß, also „klassische“ Kunstfotografie, taucht lediglich vereinzelt auf. Das allerdings ist keine Überraschung, da die meisten Apps ja gerade den Verfremdungseffekt über Farbe und Farbkontraste schaffen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: guter Fotograf macht gute Fotos. Mit iPhone und Apps andere als mit den klassischen Analog-Apparaten. Aber ob sie gut sind, liegt nicht allein in Händen dieser kleinen Teufelsmaschine.

Fotos: Titel & 1-3 Andreas Wolf, Electric Pixelfarm 
Foto 4 Karen Messick


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Tue, 26.04.2011 0

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