
Gesagt ist gesagt! Ein Kulturhauptstadt-Dialog
- Series: INTERVIEWS
Einer geht noch, einer geht noch raus. Ein letzter Michael Blatt-Beitrag im Jahr RUHR.2010. Knapp 100 von ihnen sind allein für das 2010LAB zusammengekommen. Reportagen, Interviews, Kommentare. Zum Abschluss ein querschnittiger Einblick in zwölf Monate Kulturhauptstadt-Dialog im Ruhrgebiet:
Seit zwei oder drei Jahren läuft in Dinslaken bereits die Diskussion darüber, was mit dem Zechengelände gemacht werden soll. Im Endeffekt ist bisher nicht viel passiert, außer dass drei, vier Leute sich eingemietet und ihre Ateliers dort eingerichtet haben. Die ganze Geschichte nennt sich jetzt „Kreativquartier“. Von all den Plänen ist wenig umgesetzt worden und ich bin mir relativ sicher, dass es noch fünf Jahre dauern wird, ehe es halbwegs geradeaus läuft. Und dann wird es in zehn bis 15 Jahren zu einer Nullnummer auslaufen.
Ben Perdighe, „Kulturschaffender“ aus Dinslaken
Ich habe eine gewisse Affinität für diese Gegend und war schon mehrfach für ein Wochenende in Duisburg, Oberhausen oder Essen. Ich bin Fan von Plätzen, die ihre Identität verloren haben und auf der Suche nach etwas Neuem sind. Die nicht gleich abgerissen und durch einen Glaskasten ersetzt werden.
Arne von Twistern, Grafiker & Musiker (Captain Planet) aus Hamburg
In Essen gibt es nicht wirklich viele Clubs. Meistens sind es Jugendzentren. Das Cafe Nova ist zwar nicht selbst verwaltet, aber da machen ein paar Jungs schon gut ihr Ding. Wenn ich genauer darüber nachdenke, fehlt es aber auch an einer passenden Location für so ein freies Zentrum. Vielleicht müsste man irgendein Parkhaus in der Innenstadt besetzen…
Daniel, Musiker (u.a. Thoughts Paint The Sky) aus Essen
Ich glaube, dass der Status einer Kulturhauptstadt nicht relevant ist für so Orte wie das AZ Mülheim.
Sebastian Truhl, Musiker (June Paik) aus München
Aber im Endeffekt ist genau das auch einer der Gründe, warum ich D.I.Y.-Shows mache, weil es eben keine festen Strukturen gibt und alles zumeist auf Freundschaft und Leidenschaft beruht.
Jos Schaefer-Rolffs, Konzertveranstalter aus Essen
Das meiste findet inzwischen in Berlin statt und ich finde es schon gut, wenn andere Städte dem entgegenwirken. Aber das sollten sie nicht nur während irgendwelcher Kulturhauptstädte-Zeiten tun, sondern Kulturvielfalt ein allgemeiner Trend sein.
Martin Büsser, im September verstorbener „Pop-Theoretiker“ aus Mainz
„Kulturhauptstadt“ ist so ein Marketing-Label, das jedes Jahr zur Standort-Vermarktung weitergereicht wird. Das heißt noch lange nicht, dass sie die Kulturmetropole Europas ist.
KT&F, Musiker (Egotronic) aus Berlin
Das Problem an der Idee „Wir fördern jetzt die Kreativen“ als Motor für eine weitere wirtschaftliche Entwicklung, beruht auf einer Logik, die die Idee verfolgt, sobald ein wirtschaftlicher Aufschwung eintritt, geht es auch der Bevölkerung besser. Richard Florida hat sich da in die Köpfe vieler Menschen eingeschrieben. Aber das ist keine Formel, die an allen Orten der Welt funktioniert. Entsprechend müsste man schauen, was sind die Stärken der Menschen hier im Ruhrgebiet.
Nina, Mitglied der AG „Kritische Kulturhauptstadt“
Ich glaube, gerade in Abgrenzung zur Kulturhauptstadt passiert unheimlich viel. Insofern ist RUHR.2010 wiederum wichtig, weil Underground und Off-Kultur etwas braucht, woran es sich reiben kann. Wenn alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, gibt es eigentlich gar keinen Bedarf laut zu sein. Die Kulturhauptstadt liefert da genug Reibungspunkte und treibt die Off-Szene voran.
Sven Stienen, pottspotting.de-Mitbegründer aus Bochum
Wenn ich kreative Menschen z.B. mit der RUHR.2010 in die Region locken will, sind die spätestens dann wieder aus dem Pott verschwunden, wenn sie zum dritten Mal wegen der Sperrstunde ins Bett geschickt werden. Kreativwirtschaft braucht Kreative, und die auch ein gewisses Maß an „künstlerischer Freiheit“…
Dirk Wilberg, Mitbegründer und Chef der Promotion-Firma Community (in diesem Jahr von Dortmund nach Hamburg umgezogen)
Wenn du durch die Dortmunder Nordstadt gehst und die Augen aufhältst, findest du immer kleine, lustige Sachen. Das ist auch gut so. Es ist definitiv nicht Berlin, wo du schon die dritte Schicht von Plakaten hast. Da ist es schon zu viel und geht einfach unter. Ich weiß nicht genau, wie es in anderen Ruhrgebietsstädten ist, aber in Dortmund hat es das richtige Maß.
Joschua, Street-Art-Künstler aus Dortmund
Nicht, dass Stadt A ein Shoppingcenter oder Konzerthaus baut und Stadt B dann auch eins baut, weil sie denkt, besser sein zu müssen. Das ist übertrieben und in Zeiten von knappen finanziellen Mittel auch einfach dumm.
Svenja Noltemeyer, Leiterin des Büro für Möglichkeitsräume aus Dortmund
Für das, was wir hier machen, würden Event-Marketing-Agenturen viel, womöglich auch öffentliches Geld bekommen. Wir kokettieren ein Stückweit mit der Einladung der Kulturhauptstadt „Wandel durch Kultur“ zu organisieren, legen aber durchaus den Finger in die Wunde des systematisch produzierten Leerstands.
Tino Buchholz, Pressesprecher der Initiative für ein Unabhängiges Zentrum (UZDO) in Dortmund
Gerade unter dem Aspekt Kulturhauptstadt sind freie Künstlergruppen auch kulturelle Bewegungen, die keinem egal sein sollten, zumal erstmal kein wirtschaftlicher Verlust damit verbunden ist. Selbst wenn einer damit verbunden wäre, das sind kulturelle Investitionen, die sich allemal lohnen.“
Dieter Gorny, Direktor des Europäischen Zentrums für Kreativwirtschaft (ecce)
Mir geht es darum, eine Kunst zu machen und diese Kunst nach meinem Wertesystem zu kreieren. Dann ist es mir letztlich auch egal, wie viele Leute das gut finden. Es gibt ja den alten Spruch: „Viele Fliegen sitzen auf dem Scheißhaus.“
Horst Wackerbarth, Foto- & Videokünstler
Plötzlich sind Künstler und Kulturschaffende zu einem der wichtigsten Standortfaktoren avanciert, die sich die Wirtschaft und die Politik so vorstellen kann. (…) Das sind doch eigentlich die Leute, nach denen die Politiker rufen und gleichzeitig wird ihnen aber mit einer Politik der Verhinderung die Chance verwehrt, sich zu verwirklichen.
Alexander Kerlin, Dramaturg (kainkollektiv) am Theater Dortmund
Hünxe liegt genau zwischen dem Ruhrgebiet, dem Münsterland und dem Niederrhein. Von daher fühlt sich der Hünxer auch zu einer imaginären Metropole Ruhr zugehörig. Das Kulturhauptstadtjahr 2010 hat mit Sicherheit dazu beigetragen, dass dieses Gefühl stärker geworden ist.
Michael Häsel, Kulturhauptstadtbeauftragter der Gemeinde Hünxe
Danke an alle Gesprächspartner und Danke an 2010LAB fürs "machen lassen".
Michael Blatt, Freier Journalist aus Bochum
Fotos: Michael Blatt, Marco Bonk (Teaser)
Seit zwei oder drei Jahren läuft in Dinslaken bereits die Diskussion darüber, was mit dem Zechengelände gemacht werden soll. Im Endeffekt ist bisher nicht viel passiert, außer dass drei, vier Leute sich eingemietet und ihre Ateliers dort eingerichtet haben. Die ganze Geschichte nennt sich jetzt „Kreativquartier“. Von all den Plänen ist wenig umgesetzt worden und ich bin mir relativ sicher, dass es noch fünf Jahre dauern wird, ehe es halbwegs geradeaus läuft. Und dann wird es in zehn bis 15 Jahren zu einer Nullnummer auslaufen.
Ben Perdighe, „Kulturschaffender“ aus Dinslaken
Ich habe eine gewisse Affinität für diese Gegend und war schon mehrfach für ein Wochenende in Duisburg, Oberhausen oder Essen. Ich bin Fan von Plätzen, die ihre Identität verloren haben und auf der Suche nach etwas Neuem sind. Die nicht gleich abgerissen und durch einen Glaskasten ersetzt werden.
Arne von Twistern, Grafiker & Musiker (Captain Planet) aus Hamburg
In Essen gibt es nicht wirklich viele Clubs. Meistens sind es Jugendzentren. Das Cafe Nova ist zwar nicht selbst verwaltet, aber da machen ein paar Jungs schon gut ihr Ding. Wenn ich genauer darüber nachdenke, fehlt es aber auch an einer passenden Location für so ein freies Zentrum. Vielleicht müsste man irgendein Parkhaus in der Innenstadt besetzen…Daniel, Musiker (u.a. Thoughts Paint The Sky) aus Essen
Ich glaube, dass der Status einer Kulturhauptstadt nicht relevant ist für so Orte wie das AZ Mülheim.
Sebastian Truhl, Musiker (June Paik) aus München
Aber im Endeffekt ist genau das auch einer der Gründe, warum ich D.I.Y.-Shows mache, weil es eben keine festen Strukturen gibt und alles zumeist auf Freundschaft und Leidenschaft beruht.
Jos Schaefer-Rolffs, Konzertveranstalter aus Essen
Das meiste findet inzwischen in Berlin statt und ich finde es schon gut, wenn andere Städte dem entgegenwirken. Aber das sollten sie nicht nur während irgendwelcher Kulturhauptstädte-Zeiten tun, sondern Kulturvielfalt ein allgemeiner Trend sein.
Martin Büsser, im September verstorbener „Pop-Theoretiker“ aus Mainz
„Kulturhauptstadt“ ist so ein Marketing-Label, das jedes Jahr zur Standort-Vermarktung weitergereicht wird. Das heißt noch lange nicht, dass sie die Kulturmetropole Europas ist.KT&F, Musiker (Egotronic) aus Berlin
Das Problem an der Idee „Wir fördern jetzt die Kreativen“ als Motor für eine weitere wirtschaftliche Entwicklung, beruht auf einer Logik, die die Idee verfolgt, sobald ein wirtschaftlicher Aufschwung eintritt, geht es auch der Bevölkerung besser. Richard Florida hat sich da in die Köpfe vieler Menschen eingeschrieben. Aber das ist keine Formel, die an allen Orten der Welt funktioniert. Entsprechend müsste man schauen, was sind die Stärken der Menschen hier im Ruhrgebiet.
Nina, Mitglied der AG „Kritische Kulturhauptstadt“
Ich glaube, gerade in Abgrenzung zur Kulturhauptstadt passiert unheimlich viel. Insofern ist RUHR.2010 wiederum wichtig, weil Underground und Off-Kultur etwas braucht, woran es sich reiben kann. Wenn alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, gibt es eigentlich gar keinen Bedarf laut zu sein. Die Kulturhauptstadt liefert da genug Reibungspunkte und treibt die Off-Szene voran.Sven Stienen, pottspotting.de-Mitbegründer aus Bochum
Wenn ich kreative Menschen z.B. mit der RUHR.2010 in die Region locken will, sind die spätestens dann wieder aus dem Pott verschwunden, wenn sie zum dritten Mal wegen der Sperrstunde ins Bett geschickt werden. Kreativwirtschaft braucht Kreative, und die auch ein gewisses Maß an „künstlerischer Freiheit“…
Dirk Wilberg, Mitbegründer und Chef der Promotion-Firma Community (in diesem Jahr von Dortmund nach Hamburg umgezogen)
Wenn du durch die Dortmunder Nordstadt gehst und die Augen aufhältst, findest du immer kleine, lustige Sachen. Das ist auch gut so. Es ist definitiv nicht Berlin, wo du schon die dritte Schicht von Plakaten hast. Da ist es schon zu viel und geht einfach unter. Ich weiß nicht genau, wie es in anderen Ruhrgebietsstädten ist, aber in Dortmund hat es das richtige Maß.
Joschua, Street-Art-Künstler aus Dortmund
Nicht, dass Stadt A ein Shoppingcenter oder Konzerthaus baut und Stadt B dann auch eins baut, weil sie denkt, besser sein zu müssen. Das ist übertrieben und in Zeiten von knappen finanziellen Mittel auch einfach dumm.Svenja Noltemeyer, Leiterin des Büro für Möglichkeitsräume aus Dortmund
Für das, was wir hier machen, würden Event-Marketing-Agenturen viel, womöglich auch öffentliches Geld bekommen. Wir kokettieren ein Stückweit mit der Einladung der Kulturhauptstadt „Wandel durch Kultur“ zu organisieren, legen aber durchaus den Finger in die Wunde des systematisch produzierten Leerstands.Tino Buchholz, Pressesprecher der Initiative für ein Unabhängiges Zentrum (UZDO) in Dortmund
Gerade unter dem Aspekt Kulturhauptstadt sind freie Künstlergruppen auch kulturelle Bewegungen, die keinem egal sein sollten, zumal erstmal kein wirtschaftlicher Verlust damit verbunden ist. Selbst wenn einer damit verbunden wäre, das sind kulturelle Investitionen, die sich allemal lohnen.“
Dieter Gorny, Direktor des Europäischen Zentrums für Kreativwirtschaft (ecce)
Mir geht es darum, eine Kunst zu machen und diese Kunst nach meinem Wertesystem zu kreieren. Dann ist es mir letztlich auch egal, wie viele Leute das gut finden. Es gibt ja den alten Spruch: „Viele Fliegen sitzen auf dem Scheißhaus.“
Horst Wackerbarth, Foto- & Videokünstler
Plötzlich sind Künstler und Kulturschaffende zu einem der wichtigsten Standortfaktoren avanciert, die sich die Wirtschaft und die Politik so vorstellen kann. (…) Das sind doch eigentlich die Leute, nach denen die Politiker rufen und gleichzeitig wird ihnen aber mit einer Politik der Verhinderung die Chance verwehrt, sich zu verwirklichen.Alexander Kerlin, Dramaturg (kainkollektiv) am Theater Dortmund
Hünxe liegt genau zwischen dem Ruhrgebiet, dem Münsterland und dem Niederrhein. Von daher fühlt sich der Hünxer auch zu einer imaginären Metropole Ruhr zugehörig. Das Kulturhauptstadtjahr 2010 hat mit Sicherheit dazu beigetragen, dass dieses Gefühl stärker geworden ist.
Michael Häsel, Kulturhauptstadtbeauftragter der Gemeinde Hünxe
Danke an alle Gesprächspartner und Danke an 2010LAB fürs "machen lassen".
Michael Blatt, Freier Journalist aus Bochum
Fotos: Michael Blatt, Marco Bonk (Teaser)
Fri, 31.12.2010
0
Similar Content
Topic
City
These days, more than 5 million inhabitants do experience the transformation of their post- industrial Ruhr area in the western part of Germany to an exciting European „place to be“, a budding metropolis in a post-Capital of Culture 2010 identification process with its industrial culture as part of a collective memory being a characteristic feature – and an orchestrated mass event.
Branch
Recent Tweets



































