
Das Dortmunder Westend - Ein Stadtteil im Wandel unter dem U +++ Teil 3
- Series: DORTMUNDER U – art & creativity
Es ist soweit: Das Dortmunder U wird am 18. Dezember endgültig eröffnet werden. Mit dem neuen Zentrum für Kreativwirtschaft soll sich auch der angrenzende Stadtteil – von Planern „Quartier Rheinische Straße“, im Volksmund „Westend“ genannt – einem Wandel unterziehen und ein neues Kreativquartier werden. Soweit der Plan, soweit der Wunsch. Autor Holger Steffens, selbst Anwohner des Viertels, ist in seinen Stadtteil abgetaucht, um mit Akteuren und Kennern des Westends eine Bestandsaufnahme zu machen, über Vor- und Nachteile zu sprechen und das Potential zu überprüfen.
Teil 3:
Ursula Maria Wartmann - Soziologin, Journalistin, Schriftstellerin. Seit rund vier Jahren lebt die 57-Jährige im Dortmund, seit mehr als zwei Jahren im Westend und zieht für 2010LAB eine Bilanz „ihres Kiezes“.
Wie hat es Dich eigentlich nach Dortmund verschlagen?
Ursula Maria Wartmann:
Nach Stationen in Marburg und Aachen habe ich 20 Jahre lang in Hamburg gelebt und gearbeitet. Aber als gebürtige Oberhausenerin und überzeugtes Pottkind ist man Hamburg dann doch irgendwann leid. Es war also Zeit, einen Ortswechsel vorzunehmen. Dortmund allerdings ist es genau genommen der Liebe wegen geworden. Aber gut so. Hier ist das Leben. Der Ruhri ist eben doch ein einzigartiger Menschenschlag: er ist offen, macht klare Ansagen, hat aber auch ein großes Herz.
War das Westend Zufall oder Ziel?
Ursula Maria Wartmann:
Ich habe eigentlich immer in Vierteln gewohnt, die kiezähnlichen Charakter hatten. In Hamburg um Beispiel habe ich mein Quartier auf St. Pauli und St. Georg aufgeschlagen; und ich weiß auch genau, warum. Ich brauche eine bunte Mischung in meiner Umgebung, die mich für meine Arbeit inspiriert, mir Impulse gibt. Ein monokultureller Vorort wäre nichts für mich. Ich brauche Leben um mich herum. Und das findet sich meist in etwas „kiezigen“ Vierteln.
Du bist sehr in diesem Viertel engagiert. Was macht für Dich das Quartier aus?
Ursula Maria Wartmann:
Ganz unterschiedliche Dinge. Zum einen gibt hier viel wunderschöne Architektur, die ja auch zunehmend wieder auf Vordermann gebracht wird. Zum Glück investieren wieder viele Eigentümer in ihre Häuser und richten zumindest die schönen Fassaden wieder her. Aber das Westend ist auch sehr lebendig. Hier leben etliche Kulturen Haus an Haus. Von Sozialhilfeempfängern bis hin zu Intellektuellen und auch besser Verdienenden ist hier alles vertreten. Wer will, bekommt hier schnell Kontakt zu ganz unterschiedlichen Menschen. Aber das Viertel hat auch seine Schattenseiten: Es ist wenig Geld da, die Arbeitslosenzahl ist relativ hoch. Und leider gibt es auch zu viele Menschen, die ihren Müll einfach auf der Straße lassen – besonders regt mich auf, wenn jemand einfach seinen alten Kühlschrank oder kaputte Möbel auf die Straße stellt; ein Unding, wie ich finde.
Wird mit dem U alles besser?
Ursula Maria Wartmann:
Tja, das U. Sicherlich ist das U ein Leuchtturm – für das Westend, für Dortmund, für das Ruhrgebiet. Bei vielen Bewohnern hat das U eine Signalwirkung, dass hier etwas passiert. Das ist sicherlich auch gut für das Selbstwertgefühl, für die Identifikation mit dem Viertel. Doch das U ist nicht das Allheilmittel des Viertels. Wer das denkt, hat sicherlich zu hohe Erwartungen. Aber auch vor dem U hat man von vielen Seiten erkannt, dass entlang der Rheinischen Straße viel passieren muss. Das U kann jetzt genau das richtige Zeichen sein, um dieses Viertel weiter nach vorn zu bringen. Das wird sicherlich ein längerer Prozess, der über Jahre gehen wird. Das wiederum hat auch Vorteile: Das Westend bleibt dynamisch, es fordert immer wieder Ideen und Engagement. Darin birgt sich die Chance, sich ganz neu zu entwickeln.
In das von der Politik immer wieder ausgelobte Kreativquartier?
Ursula Maria Wartmann:
Von mir aus gern! Das Potential hat das Viertel allemal. Es gibt leider viel Leerstand, der jedoch für Kreative und Künstler sehr attraktiv sein könnte. Doch ich würde mir wünschen, dass das Westend dabei seinen Charme und Charakter nicht verliert. Es wäre doch viel spannender, wenn man die vielen Facetten betonen würde, anstatt zu versuchen, sie zu verstecken und das Viertel in ein Vorzeigeklischee zu verwandeln, was ohnehin nicht funktionieren würde. Eine bunte Kneipen- und Veranstaltungsszene wäre schön. Die gibt es hier leider in der Form noch nicht. Dafür jedoch müssen alle mit anfassen: Die Politik, die Stadt, aber auch die Akteure und Bewohner des Viertels selbst.
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