Loveparade in Duisburg - Am Tag danach...

...fängt man dann an, ganz langsam zu begreifen, was dort, hundert Meter weiter weg von uns selbst, passiert ist. In der Nacht, als wir es endlich endlich nach Hause geschafft hatten, drei unendliche Stunden dauerte der Heimweg von Duisburg nach Dortmund, falle ich einfach ins Bett, weg, wie betäubt. Gestern morgen dann, schreckhaftes Erwachen, und sofort sind die Bilder da. Nicht die Bilder des Geschehens, der Tragödie, die sehe ich erst später, als ich den Rechner einschalte, nein, die Bilder aus meiner Erinnerung, was ich zu der Zeit gesehen habe, als es geschah.

Aus dem merkwürdig gestelzt-fröhlichen V.I.P.-Bereich heraus machen wir eine große Runde ums Gelände, sind aber zwischen der langen Halle und den Wagen, nicht auf der Seite der Autobahn. Das muss zu dem Zeitpunkt gewesen sein, als sie die Toten, Verletzten abtransportieren. Die Musik so laut, die Bässe wummern, wir vernehmen keine Sirenen, bemerken keine Hubschrauber außer dem, der sowieso die ganze Zeit kreist und wahrscheinlich Luftaufnahmen macht.

Wir wundern uns nur: Warum sitzen dort so viele dreckige, fertig aussehende Menschen am Rand, liegen, sind die so besoffen, bedröhnt? Warum sehen viele so bedrückt aus? Das Gelände ist hier recht leer, es hätten viel mehr Menschen dort sein könnnen. Bis zu dem besagten Eingang mit dem Tunnel kommen wir gar nicht, wir gehen den Wagen auf ihrer Route um die Halle nach. Die Floats ziehen langsam weiter, viele tanzen, dort ist alles wie es sein sollte...
Kein Verdacht, nur Verwunderung. Warum ist die Stimmung nicht so ausgelassen wie in Dortmund? Warum tanzt selbst auf einigen der Floats niemand mehr? Keine Antwort in Sicht.

Dann höre ich das erste Mal den Satz, ich weiß nicht mehr wo: "Das ist unfassbar, da sind 15 Menschen gestorben, und wir feiern weiter."
Ich denke spontan an einen Selbstmordattentäter, irgendwo, in der arabischen Welt, ich muss an Kabul denken, warum? Ich weiß warum ich an einen Anschlag denken muss: Das Geländes des alten Güterbahnhofs sieht aus wie nach einem Anschlag. Überall Müll, Schotter, dicke Steine, über die man stolpern kann, nichts Grünes, nichts Schönes zum Sitzen. Es gibt alte Industrieruinen, die haben Atmosphäre, diese hier eindeutig nicht. Mir kommt die Idee, ich sei auf einer "Party" nach einem Krieg, die Menschen kommen das erste Mal aus ihren Löchern, weil der Krieg vorbei ist und versuchen verzweifelt, fröhlich zu sein, aber niemand kann glauben, dass es vorbei ist. Wie unrealistisch dieser Gedanke doch ist, habe ich nicht die leiseste Ahnung, wie nah ich damit an der Realität liege. Es hat Tote gegeben, allerdings nicht in einem Krieg, sondern eine Massenpanik, nur ein paar hundert Meter weiter.

Nach der Rückkehr in den V. I. P. Bereich und der nächsten Portion kostenlos verteilter Burger und Bier oder komischen Mix-Getränken spricht uns ein Mädchen vorne an und sagt fast genau das gleiche, 15 Tote und viele Verletzte, die hineinwollten, wir fragen nach und sie weiß aber auch nicht viel mehr. Ungläubigkeit. Spontaner Blick auf mein Handy, es ist irgendwas nach 20 Uhr, und ich sehe, dass meine Eltern seit gut zwei Stunden versuchen, mich anzurufen. Komisches Gefühl im Magen. Nach ungefähr zehn Versuchen habe ich endlich meinen Vater an der Strippe, sage, es geht uns gut, was ist passiert? Er erklärt, was im Fernsehen berichtet wurde, ich fühle Beklemmung, Bestürzung. Versuche, ruhig zu bleiben, der Abstand zwischen den gerauchten Kippen wird deutlich geringer. Warten. Ich beginne, die Gesichter zu lesen, es ist deutlich zu sehen, wer etwas weiß und wer nicht. Keine offizielle Durchsage, nichts. Dann, durch den Lautsprecher eines Floats: Die Menschen sollen sich nicht wundern, warum sie keine Musik mehr spielen, sie tun dies mit Rücksicht auf die Toten. Kaum zu verstehen, die Durchsage geht im Geräuschteppich unter, niemand schreckt auf, zumindest sehe ich niemanden. Bei mir ist immer noch nicht wirklich angekommen, was passiert ist, ich weiß nicht, um welchen Tunnel es geht, der Tunnel, durch den wir gegangen sind, war doch total leer, und wieso sind da Menschen runter gestürzt, da war doch keiner drauf? Totale Ortsunkenntnis. Wie sich später herausstellt, haben uns diese rosa Bändchen an unseren Handgelenken wahrscheinlich das Leben gerettet. Und der Umstand, dass wir in Essen in einen Bus umsteigen mussten, da zu dem Zeitpunkt der Bahnhof in Duisburg dicht war. So sind wir gar nicht am Bahnhof ausgestiegen und niemals auch nur in die Nähe dieses Tunnels gekommen. Der V. I. P. und Presseeingang ist auf der anderen Seite des Geländes, niemand verlangt von uns, einmal ganz um das Gelände herum zu gehen, um endlich hineinzukommen. Auch dies wird mir erst am Sonntag bewusst. Viel anderes ist immer noch unwirklich, ich fühle mich selbst unwirklich, bleibe zwischendurch stehen und starre in die Gegend.

All die offenen Fragen, das Warum, wieso und das für mich unbegreifliche, einfach weiterzumachen, als sei nichts geschehen, ist das schwerste, wie kann es sein, dass Menschen feiern und hundert Meter weiter sterben?

In unserem Garten steht seit gestern abend eine Kerze, ich hoffe, sie brennt noch.


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Mon, 26.07.2010 1

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Artikel zur Love-Parade in Duisburg

Als Duisburger Künstlerin und Betreiberin einer kleinen privaten Schule für Musik und Talentförderung bin ich erschüttert und schockiert. Obwohl ich bereits seit längerem ein bedrückendes Gefühl hatte, dass diese massenziehende Veranstaltung in unsere recht kleine, arme Stadt kommen soll, die mit derartigen Großveranstaltungen keinerlei Erfahrungen hat. Als ich aber erfuhr was passiert ist und mir die Sache genauer ansah, wo das stattfand, wie es dort aussah, dieses ehemalige Schuttgelände, überall eingezäunt mit Bauzäunen aus Maschendraht - da wurde mir ganz übel. Da begriff ich, dass unsere macht- und prestigebesessenen Obrigkeiten hier nicht nur mich als Künstlerin schlecht behandeln, sondern gleich über eine Million Menschen - die sie nur aus eigennützigen Zwecken in ihre Stadt geholt haben, sie dann einsperren auf einem viel zu kleinen Gelände, damit die Stadt möglichst nicht viel davon merkt - und nicht so viel Reinigungskosten anfallen oder Bürger sich beschweren. Dass die gleichen Leute entschieden, einen Polizeichef in den Ruhestand zu schicken, der Zweifel äußerte am Gesamtkonzept der Veranstaltung und vor allem am Sicherheitskonzept, das verschiedene Vorschriften zu Fluchtwegen und Ordnerzahlen/Polizeikräften und Feuerwehr etc. ignorierten und/oder eigenmächtig lockerten. Dass die kreisenden Hubschrauber größtenteils keine Überwachungskameras hatten, dass keine Verantwortlichen oder andere Stadtgrößen anwesend waren, dass der einzige Zu- und Abgang zu einer tödlichen Falle werden musste. Meiner Meinung nach war es ein Glück für alle, dass nicht viel mehr Tote zu beklagen sind! Ich bin eins mit der Forderung vieler Angehöriger von Opfern und vieler empörter Duisburger: Die Verantwortlichen müssn zur Rechenschaft gezogen werden. Ein Oberbürgermeister Sauerland ist keinen Tag länger in seinem Amt tragbar.
Meine tiefe Anteilnahme gilt allen Angehörigen, die ihre Kinder verloren haben, gilt allen Traumatisierten, die unter der schrecklichen Erinnerung an diese Katastrophe leiden.
Reina Ilona Vildebrand
Singer-Songwriterin, Autorin aus Duisburg

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19.03.2010

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