Elisabeth Wandeler-Deck über das Schreiben als Bauen und Entwerfen (I)

Sihlbruggtransit – an einer von alters her bedeutenden Nord-Süd-Route, dort, wo das schweizerische Mittelland an die Zentralschweiz grenzt, stößt man auf einen von Raststätten, Tankstellen und Verkehrskreiseln geprägten Streckenabschnitt, der mehr mit dem Strip einer amerikanischen Stadt gemein hat als mit der ländlichen Schweiz – eine diffuse, scheinbar ungeordnete Struktur, die in der Regel durchfahren und nicht durchwandert wird. Der Stadtplaner Thomas Sieverts hat für diese »verschlüsselten Landschaften«, denen man mit den herkömmlichen Vorstellungen von Stadt und Land nicht beikommt, den Begriff Zwischenstadt geprägt. Auch ein großer Teil des Ruhrgebiets weist die Merkmale einer solchen »verstädterten Landschaft« bzw. »verlandschafteten Stadt« auf. Ein Thema für die Literatur war die Zwischenstadt bisher kaum. Sieverts sagt: »Die Zwischenstadt kann als offener Text gelesen werden.«

© Urs Graf«Die Schweizer Schriftstellerin Elisabeth Wandeler-Deck weist mit ihrem Buch Da liegt noch ihr Schal einen Weg, wie die literarische Aneignung einer derartigen »metropolitanen Landschaft« aussehen kann. Die ungewohnten Räume – in ihrem Fall der Strip von Sihlbrugg – verlangen nach einer anderen Sprache und anderen literarischen Mitteln, mit konventioneller erzählender Prosa ist ihnen nicht beizukommen. Wandeler-Deck projiziert auf den Transitraum ein vielstimmiges Geflecht aus Personenrede, Bildern, Fragmenten von Geschichten. Sie schreibt: »Sihlbrugg ist schräghin anzubetrachten, ist hinwegzuschreiben, durchgängig als Durchgangsort zu nehmen«. Es gibt noch nicht viele Anzeichen, dass die grundstürzenden Veränderungen unserer Städte und Agglomerationen Widerhall in der Literatur finden. Wandeler-Decks Buch ist eines.

Du bist ausgebildete Architektin. Welche Rolle spielt dieser Hintergrund für dein Schreiben?

Der urbanistische, der architektonische, der geografische Raum als ein zu verändernder Raum hatte meine Aufmerksamkeit schon geweckt, lange bevor ich Architektin wurde. Doch dass ich Architektin noch bin, auch ohne den Beruf auszuüben, wirkte und wirkt nach.

Figuren, anhand derer ich Text in Bewegung setze, sind Betrachterinnen, Begeher und Begeherinnen und Gänger, Beifahrer und Befahrerinnen, Überschreiber und Überschreiberinnen. Sie entwerfen und finden vor. Das zeigt sich schon an meinem Erstling Merzbilder mit Verkehr und setzt sich fort in den weiteren Prosaarbeiten. Und es zeigt sich daran, dass ich auf Begriffe wie »Architextur« (Eva Meyer) und Wörter wie »Situation«, »à la dérive« oder »détournement« (Guy Debord) besonders stark reagiert habe. Aus Architekturtheorien schälte ich Aspekte für Poetologien.

Architextur entsteht aus der Kreuzung von Raum, Zeit, Bewegung. Text. Denkkörper Körpertun Sprachkörper Schreibkörper. Der Architekt, die Architektin, die, damals jedenfalls, nicht ohne Bleistift in der Hand und ohne Zeichen- oder Schreibfläche denken, reden, darlegen konnten. Eine Architektin entwirft und findet vor, findet vor und entwirft. Was entwirft sich als eine Architektin. Nichts findet sie vor. Alles.

Von Entwurfsmethoden (Peter Eisenman, Jennifer Bloomer) her fand ich zu Textformen. Schreiben als Bauen und Entwerfen in einem, was beim konkreten Bauen von Gebäuden eher nicht geht. Sätze Absätze Zeilen bauen sich auf zu Texträumen. Geschichten tauchen auf, der Figuren, als Bewegung im Sprachraum schliesslich des Buchs, das am Bildschirm entsteht; es kann sich unter anderen auch um eine Architektin handeln, eine Verkehrsplanerin wie in Da liegt noch ihr Schal.

Dein Buch
Da liegt noch ihr Schal ist angesiedelt an einer Durchzugsstrasse auf der Strecke Brüssel–Zürich–Mailand, einem Ort, an dem Tankstellen und Motels das Bild prägen und der normalerweise nicht zum Verweilen einlädt. Was hat dich daran interessiert?

Ich bin in Zug aufgewachsen, einer Kleinstadt, entstanden genau auf dieser Durchgangsstrecke. Diese ihre wirtschaftsgeografische und geschichtliche Verkehrslage war Unterrichtsthema schon im Laufe der Volksschule. Und wurde erfahren. Im Auto. Man fuhr nach Zürich. Eher selten zwar, zunächst.

Die allmähliche Veränderung genau dieser Strecke, auf der schliesslich und sehr spät in meinem Schreibleben, die Frage nach dem Text gezündet hat. Der Knotenpunkt und die Gasthäuser; deren Veränderung. Der »Löwen« – die Löwen. Eine Erinnerung an die erste Autobahnfahrt durch ein zerstörtes Deutschland im Wiederaufbau. Die Autobahnen der Nazizeit, die Raststätten. Und dort der kleine Löwe, den ein Fotograf den Kunden, den Kinderkunden in den Arm legte für das Foto. Der Umbau der Schweiz in Etappen zeigte sich an der durchfahrenen Strecke; die Strecke des Buchs ist schon nicht mehr jene begehbare und sichtbare heute – erneuter Umbau.

Wie hast du dich diesem Ort genähert?

Platt gesagt: im Auto. Innehaltend bei jeder Durchfahrt. Fotografierend. Mich erinnernd. Fantasierend, herumspielend. Machend. Material sammelnd. Mit Hilfe der Arbeit an einem Theaterstück mit dem Titel Im Innern des Aquariums die Palmenanordnung, das das Thema »Motel« noch einmal anders angeht. Anhand von Figuren, welche mit ihren je eigenen Methoden den Raum ausmessen, neben andern anhand der Verkehrsplanerin.

Tue, 26.01.2010 0

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03.12.2009

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