Klaus Märkert

Zwischenfall-Chef Klaus Märkert: "Die lockeren Zeiten sind vorbei"

Interview mit dem Bochumer Autor und DJ über Leben und Musik im Ruhrgebiet, Teil I

Klaus Märkert ist wirklich mal ein Urgestein der Ruhrgebiets-Szene. Bereits in den Achtzigern legte der studierte Sozialarbeiter als DJ in Indie-Clubs auf, später wurde er Mitbetreiber des legendären Zwischenfall in Bochum-Langendreer, das leider 2011 ausbrannte und in der Folge schließen musste. Heute hat der Bochumer das Schreiben für sich entdeckt und sein bewegtes Szene-Leben in den zwei Romanen „Hab Sonne“ und „Requiem für Pac-Man“ aufgeschrieben. Außerdem liest er solo und mit Myk Jung als Teil des literarischen Duos Schementhemen in der ganzen Republik. Im Interview spricht Märkert über Veränderungen in der Gesellschaft, die Situation der Kultur und sein ganz persönliches Verhältnis zur Heimat Ruhrgebiet.

 

Fühlst du dich in Bochum heimisch?

Klaus Märkert: Ich lebe hier, aber ich mache mittlerweile überall Lesungen, in Berlin, Hannover oder Leipzig, und das Ulkige ist, dass ich in diesen Städten eine wesentlich größere Resonanz habe als hier. In Leipzig etwa waren wir mit Schementhemen auf der Buchmesse und haben dort gelesen und wir waren auf den Plakaten größer angekündigt als Sven Regener. Die haben unseren Titel „Ich bin dann mal tot“ als Aufhänger genommen. Hier in Bochum hingegen können wir froh sein, wenn mal eine kleine Ankündigung kommt. Man gilt scheinbar nichts im eigenen Land.

 

Wie ist es für dich, im Ruhrgebiet zu leben und zu arbeiten?

Ich war eigentlich immer Fan von Bochum. Das Ruhrgebiet insgesamt hat aber auch Städte, die mir nicht liegen. Einige Orte wie Herne oder Hagen sind sehr spießig, obwohl man das hier im Ruhrgebiet gar nicht vermuten würde. In solchen Orten kriegt man große Probleme, wenn man etwas machen will. Bochum war immer sehr aufgeschlossen und locker drauf, aber das hat sich auch ein bisschen verändert. Ich erlebe das heute anders. Vielleicht liegt das aber auch an der Zeit – heute wird einfach ein größeres Angepasst-sein gefordert und das schlägt sich auch im Geist der Stadt nieder.

 

Die 80er und 90er sind also eine offenere Zeit gewesen?

Die offene Zeit waren hauptsächlich die Achtziger, in den 90ern nahm das schon ab. Leute, die in der Subkultur aktiv waren, fanden immer weniger Beachtung und es wurde immer mehr nur das Kommerzielle abgefeiert. Das fand ich damals schon schade, weil Bochum für mich eigentlich mal so ein anderes Flair hatte. Man denke nur mal an die Zeche, wer da früher alles gespielt hat. Das ist dann immer mehr mainstreammäßig abgeflacht.

 

Der DJ und Clubbetreiber Ralf Odermann meinte auch, dass Bochum in den 80ern überregional mehr Bedeutung hatte als heute.

Wenn man überlegt, was der Ralf alles gemacht hat, dann ist es eigentlich komisch, dass es so wenig Erwähnung findet, wenn er jetzt mal wieder eine seiner Logo-Parties macht. Früher war einfach ein anderer Geist da. Aber das muss nicht nur an Bochum liegen, es ist wahrscheinlich eine ganz allgemeine Entwicklung und man verbindet es mit der Region, weil man hier lebt.

 

Was hat sich denn in den letzten Jahren verändert, etwa in Bezug auf die Kulturhauptstadt und ihre Folgen?

Ich habe auch bei der Kulturhauptstadt die Beiträge aus der gewachsenen Subkultur vermisst. Allerdings muss man da immer vorsichtig sein – ich frage mich dann immer, ob ich noch so nah dran bin, dass ich das wirklich mitkriege. Insofern ist es nur ein Eindruck, vielleicht stimmt der auch gar nicht.

 

Wie erlebst du die Außensicht aufs Ruhrgebiet, wenn du unterwegs bist?

In Berlin oder Leipzig wird das Ruhrgebiet gar nicht als kulturell irgendwie interessanter Fleck wahrgenommen.

 

War das denn mal anders?

Ich glaube schon. Der WDR Rockpalast zum Beispiel, der war mal wirklich etwas besonderes. Ebenso die Zeche, wo früher tolle Konzerte waren.  Ebenso das Zwischenfall, das im letzten Jahr einem Brand zum Opfer gefallen ist. Aber dadurch, dass das alles so nachgelassen hat, ist die Region auch kulturell uninteressant geworden. Es gibt heute Bands aus dem Indiebereich, die hier gar nicht mehr auftreten.

 

Woran liegt diese Entwicklung deiner Meinung nach?

Es liegt an der gesellschaftlichen Veränderung und an der ungerechten und seltsamen Verteilung. Daran, dass die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht und bestimmte Leute abgehängt werden. Wenn die Leute aufgrund ihrer finanziellen Situation an der Kultur nicht mehr teilhaben können, dann macht es ja auch keinen Sinn, Kultur anzubieten. Früher gab es zum Beispiel die sogenannte Arbeiterliteratur – die wurde nicht gemacht, damit die Studenten und Professoren wussten, was unten abgeht, sondern für die Leute selbst, weil sie daran teilhaben konnten. Ich glaube, das ist alles heute nicht mehr so, weil es nur noch um Geld geht und Kultur in diesem Zusammenhang nicht mehr interessant ist.

 

Aber was können die Städte heute tun, um ihre Kultur wieder zu stärken? Viele rufen nach mehr Förderungen und beklagen, dass etwa während des Kulturhauptstadtjahres die freie Szene kaum beachtet wurde, gleichzeitig aber teure Prestigeprojekte wie das Dortmunder U oder das Bochumer Konzerthaus trotz klammer Kassen durchgeboxt werden.

Die interessante Frage in diesem Zusammenhang ist für mich: Ist das so geplant? Ist es vielleicht gar nicht mehr gewollt, dass aus der Subkultur heraus etwas entsteht? Ich habe das Gefühl, dass man sagt: 'Wir wollen diese Chaoten gar nicht mehr haben.' Als gäbe es einen gesellschaftlichen Plan. Es wird den Alternativen immer mehr das Wasser abgegraben und das verändert die Gesellschaft massiv. Als ich „Hab Sonne“ fertig geschrieben hatte, war das auch ganz erschreckend. Die Geschichte handelt ja von den Achtzigern im Ruhrgebiet, von der Diskothekenszene hier, und ich hatte eigentlich gedacht, dass so eine Geschichte gerade im Kulturhauptstadtjahr auf offene Ohren stoßen müsste. Aber das ist nicht passiert, das Buch ist letztlich in Leipzig erschienen, was doch bezeichnend ist. Von den hiesigen kleinen Verlagen wie Henselowsky Boschmann kam eine Absage.

 

Weiter zu Teil II des Interviews

 


Foto 1 (im Text): spaztacular (Flickr)

                                                                           Fotos (Restliche) : Freigegeben von Klaus Märkert

Fr, 23.03.2012 0

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19.01.2010

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Mehr als 5 Millionen Einwohner erleben zurzeit, wie ihr postindustrielles Ruhrgebiet im Westen Deutschlands sich zum spannenden europäischen „place to be“ wandelt. Eine werdende Metropole im Selbstfindungsprozess nach der Kulturhauptstadt 2010. Besondere Kennzeichen: Industriekultur als Teil des kollektiven Gedächtnisses – und als inszeniertes Massenereignis.

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